Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Zum Abschluss ein Magier: Pat Metheny in der Oper Leipzig
Nachrichten Kultur Zum Abschluss ein Magier: Pat Metheny in der Oper Leipzig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 25.10.2017
Ein Magier: „An Evening with Pat Metheny“ zum Abschluss der Jazztage in der Leipziger Oper. Quelle: André Kempner
Anzeige
Leipzig

Der Plan ist aufgegangen, denn die Gitarre boomt. So oder so. Oder ganz anders – sie ist wieder da im Jazz. Die 41. Leipziger Jazztage haben das vorgeführt in den durchweg ausverkauften großen Konzerten und in abenteuerlustigeren nächtlichen Clubevents. Es war ein voller Erfolg, und Stefan Heilig, der Geschäftsführer des veranstaltenden Jazzclubs, ist in diesen Tagen ein glücklicher Mensch.

Vergessen die Sorgen um den unterwegs auf Transit-Abwege geratenen Kontrabass des Shai Maestro Trios und andere Turbulenzen, die nur mit Stehvermögen und Engagement zu bewältigen sind.

Der Bass war dann doch da. Und die Leute auch. Sie hatten viel Gesprächsstoff, denn weil die Gitarre überraschend neu ist im Jazzgenre, ging es in den Foyer-Gesprächen um viel Geschmäcklerisches. Nie traten die Differenzen der Vorlieben so hervor wie diesmal. Nie war das Terrain so schwankend, nie die mainstreamgrundierte Bewegung so offen. Sichere Bänke wie Pat Metheny sind selten.

War Jakob Bros Impressionismus vielleicht doch zu schön? Kommt Dominic Miller eventuell doch nicht raus aus dem Rockkorsett? Wo ist das Neue in Gilad Hekselmans gediegenen Saitensprüngen? Das Neue ist die Vielfalt eines Jahrzehnte für den Jazz verloren geglaubten Instruments. Dies in solcher Breitseite abgebildet zu haben, war die große dramaturgische Kunst dieser Tage. Und damit für Diskussionsstoff in einer offenen Bewegung gesorgt zu haben. Auch für Verunsicherung. Und für wunderschöne Konzertmomente sowieso. Viel Stoff, viel Ehr.

Mutig bis verwegen

Monika Roscher aus München zum Beispiel polarisierte. „Of Monsters and Birds“ heißt ihre aktuelle CD, und folglich kommen einige ihrer Musiker mit Federn im Haar auf die Bühne. Überhaupt ist ihr das Theatralische wichtig, mal tanzt sie im Dunkeln mit einem schön illuminierten Catsuit vor ihren Leuten, und auch wenn es hell ist, soll man ruhig sehen, dass hier eine Frau die Chefin ist.

Sie redet tatsächlich von ihrer „Band“. Das ist untertrieben, denn sie steht 17 Leuten vor, und für solchen Mut im Breitwandformat hat die Anfangdreißigerin in der jüngsten Vergangenheit den Weg auf manche Titelseite gefunden. Und auch weil sie jung ist. Also ist die Bühne vollgestellt und etwas fürs Auge wird geboten. Das ist gleichermaßen Jugend forsch und Jugend forscht. Thematisch geht es um alles Mögliche, um U-Boote, Hubschrauber, Vögel, Sternennächte und dies und das.

Im Kontext der Leipziger Jazztage ist Monika Roscher keine bemerkenswerte Gitarristin, auch als Sängerin bleibt sie unterm Level ihrer opulenten Begleitung. Als Bigband-Leiterin aber versucht sie mutig bis verwegen das Neue, quirlt Pop, Jazz und elektronische Experimente. Da ist noch viel Sand im Getriebe, das nur manchmal ordentlich Druck entwickelt in dieser angeschrägten Traditionsneudeutung. Viel Spielerei ist dabei, wenn neben dem Satzgesang der Bläser das Tempo immer wieder gebremst wird, bis es ausfranst an den Rändern.

Kammermusikalische Mixtur

Nicht jeder im Orchester kann so viel beitragen wie der anscheinend überall funktionierende Schlagzeuger Philipp Scholz. Insgesamt ist da etwas auf dem Weg, das noch Zeit zum Wachsen braucht. Aber der Weg ist das Ziel, anerkennender Beifall. Während die Bühne freigeräumt wird, gibt es unter den Leuten viel orakelhafte Vorfreude auf einen der Altvorderen der Jazzgitarre. Wo war eigentlich Egberto Gismonti all die Jahre seit seinen so feinsinnigen Brasiliana-Alben für ECM in den 70er- und 80er-Jahren? Weißt du noch?

Und dann sitzt er da mit acht- und dann zehnsaitiger Gitarre und zelebriert zunächst allein betörend und überraschend temposcharf seine kammermusikalische Mixtur aus Folklore und Jazz. Ausgeweitete Spieltechniken hat er entwickelt, nutzt den Korpus perkussiv und reibt übers Griffbrett, sich so vervielfachend. Das fasziniert mit Exotik und überzeugt in langen Improvisationsketten. Das ist, als ob er singt durch sein Instrument. Dann steht im weißen Tüllrock die Portugiesin Maria João vom anderen Ende der Welt neben ihm und punktet ihren Scat-Gesang und ihre abenteuerlichen Vokaleskapaden unisono in seine Linien. Später einmal ergibt das fast so etwas wie einen Song.

Es ist egal, ob er sie oder sie ihn begleitet bei diesen mannigfaltig von doppelten Böden durchzogenen Avantgarde-Couplets, für die Gismonti an den Blüthner-Flügel wechselt. Sie rollt die Augen, blickt kokett und verführerisch zu ihrem Pianisten, setzt die Tanzschritte wie eine Wackelpuppe, imitiert allein einen vielstimmigen Disput und tritt dabei irgendwann doch auf der Stelle. Nach so viel femininer Theatralik wächst die Vorfreude auf Pat Metheny.

Vor dessen Opernauftritt hatte der Leipziger Fotograf Arne Reimer seine beiden auf Hausbesuchen bei Jazzlegenden fußenden, in kürzester Zeit zu Standardwerken gewordenen Bild-Text-Bände „American Jazz Heroes“ vorgestellt: kurzweilig, anekdotenprall, bilderreich und spannend. „Persönliche Leidenschaft ist die Voraussetzung“, lautet die Formel.

Die Stoffe eines Lebens

Und dann sitzt der alterslose Pat Metheny da auf der großen Bühne im Ringelshirt und spielt zunächst seine futuristische Orchestrion-Gitarre, ehe seine aktuelle Band zu ihm kommt: die malaiische Bassistin Linda Oh, der mexikanische Schlagzeuger Antonio Sanchez und der walisische Pianist Gwilym Simcock. Es werden grandiose drei Stunden. Mit der neuen Positionierung der Gitarre im Jazz hat Pat Metheny wenig zu tun, denn er ist wie immer schon da. Wie aus einem Baukasten setzt er die Stoffe seines Lebens neu zusammen, verströmt Optimismus, Leichtigkeit und das sichere Gefühl, einen der größten Musiker unserer Tage erleben zu dürfen.

Seine Musik strahlt wie die Sonne über einer schönen neuen Welt. Er ist ein neben allen Moden in sich Ruhender, der nichts mehr beweisen muss und dann doch viel mehr tut, als nur sich selbst zu reproduzieren. Immer neu erzählt und verwandelt er mit seinen Gitarren diese unendliche Geschichte, und je länger er das an diesem denkwürdigen Abend tun wird, um so plausibler wird es, auch weil nicht nur Antonio Sanchez Raum bekommt, Metheny hin ins Offene zu navigieren, wo dieser Magier zu immer neuen Volten abhebt. Was für ein Finale! Ein größtmöglicher gemeinsamer Nenner und natürlich Standing Ovations für diese Krönung der 41. Jazztage.

Von Ulrich Steinmetzger

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Live-Show im Werk 2 - Eigentlich ganz witzig, aber...

Im Netz ist die Seite „Der Postillon“ dank großartiger Satire und herrlicher Übertreibung schon längst bei vielen Kult. Dass das Magazin aufgrund der Popularität beschloss, das Ganze live aufzuziehen und auf Tournee zu gehen, ist hingegen keine so gute Idee gewesen...

25.10.2017
Kultur Museen für Yves Saint Laurent - Die Kleider des Künstlers

Gleich zwei neu eröffnete, reich ausgestattete Museen würdigen das Lebenswerk Yves Saint Laurents. In Paris und Marrakesch wird dem Schöpfer des Smokings für Frauen gehuldigt.

21.10.2017
Kultur Brettspiel von Sebastian Fitzek - Lauf, Zeuge, lauf

Der Autor Sebastian Fitzek ist für seine nervenaufreibenden Thriller berühmt. Jetzt hat der 46-Jährige ein neues Genre für sich entdeckt – und ein Brettspiel entwickelt. Auch dort sind Menschen vor dem Bösen auf der Flucht.

21.10.2017
Anzeige