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Zwei Welten: Die für de Belletristik-Preis nominierten Romane von Anna Weidenholzer und Lisa Kränzler

Zwei Welten: Die für de Belletristik-Preis nominierten Romane von Anna Weidenholzer und Lisa Kränzler

Sie sind die jüngsten der fünf für den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Autoren, und sie sind die einzigen Frauen. Anna Weidenholzer, geboren 1984, hat mit ihrem Roman "Der Winter tut den Fischen gut" bereits die Online-Abstimmung des Publikums gewonnen, Zweite wurde Lisa Kränzler, Jahrgang '83, mit dem Roman "Nachhinein".

Gibt es ein neues weibliches, junges Schreiben? Es gibt zwei sehr verschiedene, überraschende Bücher.

Dem Roman-Debüt der Literaturwissenschaftlerin Anna Weidenholzers merkt man das Alter der Autorin nicht an. Die Generation der heute um die 30-Jährigen hat darin keinen Auftritt. Die Österreicherin schreibt Zeitgeistliteratur in einem ganz anderen Sinn, einem tieferen, sozialen. Ihre Heldin Maria Beerenberger ist verwitwet, geht auf die 50 zu und hat auf dem Arbeitsmarkt keine Chance mehr. Zumindest nicht in Würde. Das ist die Ausgangslage. Am Ende wird Maria ein Kind sein, denn Weidenholzer erzählt deren Geschichte vom Ende her. Und dennoch geht es immer vorwärts. Denn all das, was Maria geprägt, ihr Leben gelenkt hat, das wird auch eine Rolle dabei spielen, wie es weitergeht. So hätte der letzte Satz, vom Kind in den Kartoffeltopf geflüstert, auch der erste sein können als Parole für den Tag: "Ich bin immer noch hier, wo es regnet und manchmal die Sonne scheint."

Marias Tag beginnt mit Ritualen und in Gedanken. Sie wohnt im Halbparterre, wo sie in die Knie gehen muss, um den Himmel zu sehen. Dann geht sie hinaus, läuft zum Markt in einem Viertel der 12000-Einwohner-Stadt, in dem sie keiner kennt, um dort auf einer Bank vor der Kirche zu sitzen, hin und wieder Geschäftigkeit zu simulieren. Hier kann sie keiner nach der Arbeit fragen, kennt keiner ihr vorheriges Leben, in dem sie 19 Jahre lang Verkäuferin war bei "Moden Willert". An Herrn Willert denkt sie oft, dessen Weisheiten, Regeln und Prinzipien. Sie nimmt vorweg, was er sagen würde, stellt sich auch vor, was sie sagen würde, wenn sie denn jemand fragte. Obwohl der Leser stets weiß, wohin alles geführt hat, wird es Kapitel für Kapitel aufregender, davon zu erfahren in Begebenheiten, Episoden, Porträts. Immer konkreter werden Schwester, Nachbarn, Kolleginnen, Arbeitsamtberater und auch Walter, Marias Mann. "Hör mir mit dem Leben auf", hat Nachbarin Isolde gesagt, ohne zu wissen, wie Recht sie behält.

Anna Weidenholzer schreibt von Demütigungen der Gegenwart und enttäuschten Hoffnungen, sie skizziert Charaktere und Abgründe mit angemessener Lakonie und Komik: "Wenn einem das Haustier im Kühlschrank gefriert, ist das eine sehr unangenehme Situation." Auch so kann man der Welt verlorengehen.

Einen ganz anderen Ton wählt Lisa Kränzler in ihrem zweiten Roman. Sie hat Malerei studiert, in ihrem Debüt "Export A" schrieb sie über die Selbstfindung einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada. Zupackende Prosa in assoziierenden Echtzeitsätzen ist auch "Nachhinein". Mit einem Ausschnitt daraus wurde sie 2012 von Juror Hubert Winkels für die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt vorgeschlagen - und gewann den 3sat-Preis. Es ist die Geschichte einer Mädchenfreundschaft auf dem Dorf. Die exzentrische LottaLuisaLuzia, Ich-Erzählerin aus sogenanntem guten Hause, verbringt den Nachmittag auf dem Perserteppich liegend mit dem Zeichnen von Porträts; die Nachbars-Freundin JasminCelineJustine muss nachts ihren betrunkenen Vater bedienen, sich vom Bruder begrapschen lassen, wird bedroht, missbraucht. Die eine der Blutsschwestern spielt 88 Tasten auf dem Klavier, die andere drückt 9 auf der Spielkonsole. Die eine gönnt sich Wissbegier, die andere hat schon zu viel erlebt.

Kränzlers Sprache platzt heraus, spiegelt Reflexe auf Verheißungen und Zumutungen der Pubertät. Verspielt und ruppig - so zielt sie aufs Herz. Doch es ist eine im Nachhinein angeschaffte Sprache, in der sich Handlung verliert. Mit Blut und Schweiß wird Barby und Ken die Reinheit vom Leib gespült. Die Unschuld, nach der man sich später sehnt, war immer schon eine Behauptung. Und dann ist da noch das Verdrängen. LottaLuisaLuzia: "Mein inneres Auge hat kein Lid. Ich muss hinsehen." Das bezieht sich allerdings allein aufs eigene Leben. JasminCelineJustine flieht derweil in eine Phantasiewelt und macht sich beinahe ganz davon. Die Kinder-Freundschaft erlischt mit der Kerze im Hals der ohne die Freundin geleerten Flasche "Champagne Louise Pommery". Das war's.

 

 

Anna Weidenholzer: Der Winter tut den Fischen gut. Roman. Residenz Verlag; 240 Seiten,21,90 Euro

Lisa Kränzler: Nachhinein. Roman. Verbrecher Verlag; 269 Seiten; 22 Euro

 

 

Lesungen im Rahmen der Leipziger Buchmesse (Auswahl): Anna Weidenholzer: 14. März, 13.30 Uhr, Wiener Kaffeehaus (Halle 4, Stand D213/E210); 15. März, 10.30 Uhr, Literaturforum (Halle 4 Stand E101) und 20.30 Uhr, Alte Schlosserei (Kurt-Eisner-Straße 66); Lisa Kränzler: 14. März, 20 Uhr, L3-Lesenacht, Moritzbastei (Universitätsstr. 9); 15. März, 23 Uhr, UV-Lesenacht (Lindenfels Westflügel, Café, Hähnelstr. 27); Preisverleihung: 14. März, 16 Uhr, Glashalle; www.preis-der-leipziger-buchmesse.de

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.03.2013

Janina Fleischer

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