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Zwei Zweite: Herbert Blomstedt dirigiert Beethoven und Sibelius

Großes Concert Zwei Zweite: Herbert Blomstedt dirigiert Beethoven und Sibelius

Genau 100 Jahre liegen zwischen der zweiten Sinfonie Ludwig van Beethovens und der zweiten Sinfonie von Jean Sibelius. Beide stehen in D-Dur. Und beide standen auf dem Programm der von Gewandhaus-Ehrendirigent Herbert Blomstedt dirigierten Großen Concerte dieser Woche


Quelle: Gert Mothes

Leipzig. 100 Jahre liegen zwischen diesen Zweiten: Beethoven beendete seine D-Dur-Sinfonie 1802, Sibelius die seine seine 1902. 100 Jahre, das ist in der Musikgeschichte eine verdammt lange Zeit: 1802 war Haydn noch auf der Höhe seiner Schaffenskraft, 1902 begannen in der Kielwasser Mahlers bereits Schönberg (geboren 1874) und Strawinsky (Jahrgang 1882) sich freizuschwimmen, am Horizont eine andere, die Neue Musik, fest im Blick. Und doch ist er nicht so weit, der Weg von der Zweiten des Titanen aus Bonn zu der des Finnen, dessen 150. Geburtstag die Musikwelt vor knapp zwei Wochen feierte. Denn wie der Klassiker Beethoven bereits in dieser Sinfonie die Zukunft aus der Stringenz ihrer Konstruktion gewinnt, so schließt Sibelius, der weit moderner war, als viele es noch heute wahrhaben wollen, seine sehr persönliche Kühnheit kurz mit klassischer Konsequenz in Entwicklung, Konstruktion und Besetzung seines Opus 43.

Bei dieser Klassizität setzt Herbert Blomstedt, der in seiner Zeit als Gewandhauskapellmeister zwischen 1998 und 2005 auch und gerade mit Werken Beethovens und Sibelius’ Zeichen setzte, an bei den Großen Concerten dieser Woche. Und von den ersten bebenden, lebenden Tonwiederholungen des Sibelius-Kopfsatzes an lässt er keinen Zweifel daran, dass dies nichts mit emotionaler Unverbindlichkeit zu tun hat, sondern eher mit Ökonomie, Wahrhaftigkeit, Würde. Diese Klänge fassen dem Hörer sofort an die Seele, nicht obwohl sie ohne Übertreibung und Zuspitzung auskommen, sondern weil sie der Exaltiertheit nicht bedürfen.

Derlei Größe aus der Mitte heraus ist genau das Richtige für Blomstedt. 88 ist er mittlerweile – jugendlicher dirigierte er nie. Den Stab lässt er mittlerweile daheim, dafür legt er sich nun die Partitur aufs Pult – ohne sie aufzuschlagen. Natürlich braucht er sie nicht. Wie beinahe alles, was er dirigiert, hat er auch die natürlich im Kopf. Und wenn Herbert Blomstedt etwas auswendig kann, dann bedeutet das, dass er schon bei der Probe keinen Blick hineinwerfen muss, auch nicht für Taktansagen.

Diese tiefe Kenntnis und Durchdringung bis ins letzte Detail schafft Vertrauen. Mehr noch: blindes Einverständnis. So kann der Ehrendirigent seinem Gewandhausorchester, die Zügel vergleichsweise locker lassen. Kann darauf setzen, dass die Balance stimmt zwischen den glutvoll strömenden Streichern um Konzertmeister Frank Michael Erben und dem bemerkenswert neuartig eingesetzten Blech oder den herrlichen Kantilenen im Holz. Er kann sich sicher sein, dass die Hinweise und Akzente, die er ins Orchester tupft, in Echtzeit zu Klang werden, in Natürlichkeit aufgehen, in einer musikalischen Klangrede, die ihre Kraft aus ununterbrochenen Werden schöpft.

Blomstedt legt Sibelius’ Zweite vom langsamen Satz aus an, in dem der Komponist mit dem Zusatz „ma rubato“ das Binnentempo in gewissen Grenzen freigegeben hat – schon in den leicht bedrohlich, ein wenig lastend marschierenden Pizziccati des Beginns. Diese Flexibilisierung führt nicht selten dazu, das gerade dieser Satz sich im Episodischen verliert. Hier aber sind die Modulationen der Bewegung so organisch, so selbstverständlich, dass der Spannungsbogen mühelos auch über die Inseln der Stille hinwegrauscht. In diesem langsamen Satz finden sie ihre Erfüllung, der prachtvolle Sonaten-Reflex des ersten, der mendelssohneske Elfenspuk des Scherzo, die hymnische Zuversicht des durchaus pathetischen Finales. Und im Gewandhausorchester unter der Leitung Herbert Blomstedts, der ohne jedes Fremdeln Disziplin und Wallung zueinander bringt, findet Sibelius zu einer klingenden Form, wie sie vielleicht anders denkbar ist – aber gewiss nicht besser.

Was auch für Beethovens Zweite gilt, die den Abend eröffnet und Teil eines neune Beethoven-Blomstedt-Zyklus ist, der auch auf CD erscheinen wird. Beethoven klang zuletzt recht anders im Gewandhaus, seit Riccardo Chailly in mehreren Zyklen und auf CD die Maßstäbe verschoben hat: kompromisslos, kühn, scharfkantig – und so virtuos, wie es ohne Blomstedts Vorarbeit mit den Gewandhausorchester nicht möglich gewesen wäre. Dennoch macht der da weiter, wo er vor der Stabübergabe an Chailly aufgehört hat. Bei einem Beethoven, der, abgesehen von den bisweilen aberwitzigen Metronomzahlen, ebenfalls die ganze Wahrheit in der Partitur sucht, aber die ganze Sache gelassener angehen lässt. Wo es bei Chailly schäumte, brodelte, kochte, barst vor innerer Energie, lächelt Beethoven bei Blomstedt huldvoll und überlegen. Doch wie bei Sibelius darf man auch bei Beethovens oft sträflich vernachlässigter Zweiter daraus nicht den Schluss ziehen, hier würde etwas verharmlost. Die visionäre Wucht des jugendlichen Titanen wendet sich unter Blomstedts leichtem Schlag vielmehr nach innen: Die Oberfläche spiegelt Haydn wieder, darunter verbirgt sich die Zukunft.

Elegant, weise, abgeklärt, hin und wieder mit dem Schalk im Nacken lässt Blomstedt, der niemandem mehr etwas beweisen muss, der klassischen Schönheit Raum. Und dass das Gewandhausorchester dieses im Vergleich zu Chaillys Ansatz deutlich geräumigere sinfonische Gebäude bis in den letzten Winkel mit Substanz zu füllen vermag, mit Präzision und Kraft, dass es überdies seinen warm funkelnden Eigenklang in beiden Fällen nicht einbüßt, zeigt, dass dieses Orchester derzeit völlig zu Recht unter die besten der Welt gezählt wird. Was es auch und gerade dem Wirken Herbert Blomstedts verdankt.

Schön, dass er in dieser und der nächsten Saison bereitwillig viele der Lücken füllt, die der vorzeitige Fortgang seines Nachfolgers schlägt. Findet auch das Publikum im ausverkauften Gewandhaus, das die Begeisterung nach diesem außergewöhnlich großen Großen Concert beinahe geschlossen von den Sitzen reißt.

Am 29., 30. und 31. Dezember dirigiert Hebert Blomstedt die traditionelle Neunte zum Jahreswechsel.

Von Peter Korfmacher

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