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Kultur "Zweischneidiges Schwert": Ex-Leiterin des Art-Loss-Registers über den Münchner Kunstfund
Nachrichten Kultur "Zweischneidiges Schwert": Ex-Leiterin des Art-Loss-Registers über den Münchner Kunstfund
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19:03 06.11.2013
Bekannt geworden als "Kunst-Detektivin": Ulli Seegers. Quelle: Privat

Im Interview spricht sie über Hintergründe des Münchner Kunstfundes und Konsequenzen.

Frage: Über 1400 Kunstwerke wurden in München gefunden, ein Glücksfall aus dem Nichts?

Ulli Seegers: Nein. Hildebrand Gurlitt war eine sehr ambivalente Persönlichkeit, selbst mit jüdischen Wurzeln, gleichzeitig von den Nazis autorisiert, Werke der sogenannten entarteten Kunst ins Ausland zu verscherbeln. Außerdem hat er die Nazi-Größen bedient. Und was wir geahnt haben, wissen wir nun: dass er auch für die Familie gehortet, Kunstwerke als Altersversorgung beiseite geschafft hat.

Wie konnte es offenbar Jahrzehnte lang funktionieren, dass sich sein Sohn Cornelius über Bilderverkäufe finanzierte?

Das wirft in der Tat Fragen auf. Hier hat der Kunstmarkt eine Schlüsselfunktion bei der Identifizierung von NS-Raubkunst, denn die Werke tauchen ja erstmals aus dem Dunkel des Privaten in der Öffentlichkeit auf. Und bei dem Namen "Gurlitt" muss es einfach klingeln. Da muss man nicht nur einmal nachfragen, sondern immer wieder.

Im Dezember 2011 ist nun aber das Beckmann-Werk "Der Löwenbändiger" beim Auktionshaus Lempertz versteigert worden. Was sagen Sie dazu?

Auch dieser Fall zeigt, dass wir einen verbindlichen Verhaltenskodex im Kunsthandel brauchen. Es muss klar sein, was zu tun ist, wenn etwa ein Auktionshaus ein Werk in die Hand bekommt, das möglicherweise Raubkunst ist. Hier ist auch der Gesetzgeber dringend gefragt.

War Ihnen Cornelius Gurlitt bekannt?

Nein, diese Person war im Grunde niemandem bekannt.

Halten Sie es für möglich, dass ein ganzer Ring über Jahrzehnte an Gurlitt-Bilderverkäufen beteiligt war?

Man sollte sich hüten vor Verschwörungstheorien, aber natürlich gibt es im Kunstmarkt Strukturen, die solche Absatzquellen begünstigen, wo beide Augen zugedrückt werden, weil man Profit machen will. Andererseits ist auch das Problembewusstsein gewachsen.

Zwischen Beschlagnahmung der Bilder und der "Focus"-Veröffentlichung liegen etwa eineinhalb Jahre. Wie beurteilen Sie diese lange Geheimhaltung?

Das ist ein zweischneidiges Schwert: Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, was es mit solchen Werken auf sich hat und was damit passiert. Auf der anderen Seite ist so ein öffentliches Spektakel für sorgfältige Einzelfallprüfungen nicht zuträglich. Die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann muss da jetzt Detektiv-, wenn nicht Sisyphusarbeit leisten. Warum man eineinhalb Jahre damit gewartet hat, an die Öffentlichkeit zu gehen, kann ich auch nicht verstehen.

Ist dieses Spiel auf Zeit vor dem Hintergrund, dass es Rückübertragungsansprüche von möglicherweise hochbetagten rechtmäßigen Eigentümern geben dürfte, nicht zynisch?

Ich glaube nicht, dass man absichtlich Zeit verstreichen ließ, um berechtigten Ansprüchen zu begegnen. Aber gerade bei Werken, für die es Suchmeldungen in den internationalen Verzeichnissen gibt, muss jetzt gemeinschaftlich Aufklärungsarbeit geleistet werden. Da kann man sich nicht mehr in Geheimniskrämerei zurückziehen. Ich frage mich auch, warum man nicht gleich zehn Kunsthistoriker auf den Fall angesetzt hat. Allerdings kenne ich die Hintergründe nicht. Wir werden noch einiges hören, denke ich.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.11.2013
Lisa Berins / Jürgen Kleindiens

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