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Zwischen Giganten: Fulminantes Konzert zu Ehren Bachs

Zwischen Giganten: Fulminantes Konzert zu Ehren Bachs

"Manchmal", sagt Judith Scheide, "hat er gezwinkert, meist, wenn unter seinen Augen seine Musik gespielt wurde", ihr Mann William habe es geschworen. Es wurde oft seine Musik gespielt im Wohnzimmer der Scheides, wo er ein gutes halbes Jahrhundert an der Wand hing: Johann Sebastian Bach in Öl, gemalt 1748 von Elias Gottlob Haußmann, das beste erhaltene Porträt des Thomaskantors.

Abschied und Ankunft: Judith Scheide, Burkhard Jung, Bach in Öl, John Eliot Gardiner, Peter Wollny und Barbara Scheide (v.l.) mit Haußmanns Bachbild vor den Thomanern.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Nun steht es in der Nikolaikirche auf einer Staffelei, und Judy Scheide nimmt Abschied von diesem Bild, das ihr Mann William, im November ist er 100-jährig gestorben, der Stadt Leipzig vermacht hat. Und obschon er eher hierher gehört als nach Princeton, lassen ihre Worte und die von Williams Tochter Barbara, die sich unter Tränen erinnert an ihre Kindheit mit diesem Gemälde, ahnen: Bach hatte es gut in diesem Haus voller Geist und Musik.

Sie zieht sich, diese Abschieds- und Ankunftszeremonie. Aber Bach-Archiv-Präsident John Eliot Gardiner, auch er wuchs unter dem Bild auf, betont zu Recht, dass "diese Heimkehr ein großer Moment ist für Leipzig, für Deutschland und die Bach-Freunde der ganzen Welt". Da dürfen sich die Emotionen ruhig mal Zeit nehmen. Zumal die Musik nicht zu kurz kommt an diesem Donnerstagabend.

Wie ein Doppelpunkt steht am Anfang Bachs Chromatische Fantasie ohne Fuge, auf die Orgel übertragen vom Leipziger Professor Max Reger, dessen 100. Todestag im Zentrum des nächsten Bachfestes steht. Stefan Kiesling spielt es in Vertretung des erkrankten Jürgen Wolf, und er schöpft mit seiner Registrierung den ganzen spätromantischen Charme der Ladegast-Sauer-Porsche-Orgel aus.

Auf die Begrüßung der Gäste aus aller Welt durch Oberbürgermeister Burkhard Jung folgt das Motto des Bachfestes: "So herrlich stehst du, liebe Stadt", in Töne gesetzt von jenem streng dreinblickenden Herrn in Öl 1723 zur ersten Ratswahl seiner Leipziger Amtszeit. Ein Werk, in dem Bach zeigte, was er konnte. Und den Nachgeborenen Gelegenheit gab, zu zeigen, was sie können. Die Thomaner etwa können unter ihrem Interims-Kantor Gotthold Schwarz grandios singen, Koloraturen gravieren und Akkorde in Stein meißeln, können in Prachtchorälen alles Untertanen-Pathos heraufbeschwören, zu dem Leipzig fähig war. Dabei werden sie begleitet vom Festival-Orchester aus Halle, das ruhig häufiger in die Nachbarstadt kommen könnte. Die Eleganz des Blechs, der Schmelz der Streicher, die warme Homogenität des Holzes (wenn nicht gerade die Oboe da caccia kiekst) müssen keinen Vergleich mit Kollegen der Alte-Musik-Szene scheuen. Was bemerkenswert ist, denn dieses Orchester versieht sonst auf modernen Instrumenten seinen Dienst in der Oper. Wunderbar sind diesmal auch die Solisten der Eröffnung: Ute Selbigs strahlender Sopran, Britta Schwarz' samtener Alt, Jochen Kupfers bronzener Bass und der sensationelle Tenor Patrick Grahls, der im Begriff ist, zu den Großen des Fachs aufzuschließen. Gemeinsam mit seinem fabelhaften Ensemble Thios Omilos würdigen alle zum Abschluss des Konzertes den anderen musikalischen Giganten Leipzigs: Mendelssohn mit seiner Psalmkantate "Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser". Beinahe gelassen ausmusiziert von Schwarz, der sich erneut als exzellenter Sachwalter von Bachs Erbe erweist.

Entsprechend gewaltig fällt der Jubel aus. Auch auf dem Markt, wohin das Konzert live übertragen wird, und wo es zwischenzeitlich etwas leerer wurde, weil die Dramaturgie des Eröffnungskonzertes zwischen den Giganten ein wenig Moderne vorgesehen hat: die Uraufführung der Choralkantate "Ein feste Burg ist unser Gott" vom 1936 geborenen Leipziger Komponisten Günter Neubert.

Neuberts fürs Bachfest beherzt zusammengestrichenes Werk ist indes heute in etwa so modern, wie Bach gewesen wäre, hätte er ins Thomas-Graduale hier und da einen Septakkord geklemmt. Im recht alten Stil setzt Neubert Choralstrophen, aufgehübscht mit allerlei Koloristik. Dazwischen wechseln Kupfer und Schwarz sich mit dem Aufsingen reflektierender Texte ab. Meist über in Tonleiter-Ausschnitten schreitenden Bass-Linien und unter allerlei Koloristik, die auch Dissonanzen bemüht. Was Neubert mit dieser wohlfeilen Gebrauchsmoderne will, brachte er nicht ungekonnt zu Papier, bringen Schwarz, Thomaner, Hallenser und Solisten gekonnt zum Klingen. Ob man das hören will, das muss ein jeder für sich selbst entscheiden. Das Publikum in der Nikolaikirche jedenfalls ist feierlich gestimmt und klatscht mindestens freundlich.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13.06.2015.
Peter Korfmacher

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