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Kultur Zwischen Kunst und Schmiererei - Leipzig sucht neuen Umgang mit Graffiti
Nachrichten Kultur Zwischen Kunst und Schmiererei - Leipzig sucht neuen Umgang mit Graffiti
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19:17 18.04.2014
Graffiti in Leipzig Quelle: Regina Katzer
Leipzig

„Das ist heute alles nicht mehr. Das letzte Tabu sind eigentlich Autos.“ Thomas ist Maler und sprüht, seit er elf Jahre alt ist – illegal. „Als ich damals angefangen habe, da war mir egal, wo ich gesprüht habe. In erster Linie wollte ich bloß meine Ruhe und malen.“

„Dieser Ehrenkodex ist heute nahezu ausradiert“, geht Christoph Krämer mit der Szene ins Gericht. Auch er gestaltet seit 15 Jahren Wände mit der Dose. Inzwischen arbeitet er jedoch ausschließlich auf ausgewiesenen Flächen. Felix* hingegen lebt mittlerweile seine Passion: Seine Bilder werden in Galerien ausgestellt, an Schulen gibt er Kurse für Kinder. Alle drei sind Teil der Leipziger Graffiti-Szene. Eine Subkultur, die nach Schätzungen etwa 100 bis 300 aktive Sprüher in Leipzig umfasst.

Eine Definition von Graffiti, auf die sich viele Anhänger einigen können, lautet: Graffiti findet im öffentlichen Raum statt, dabei handelt es sich um Schriftzüge, Bilder sowie grafische Elemente. „Graffiti ist vom Ursprung her illegal, also nicht autorisiert“, hebt Thomas hervor. Dabei sind Malereien und Zeichen im öffentlichen Raum weit älter als Bilder aus Lackdosen – von den Höhlenmalereien der Steinzeit über in Wände geritzte Schriftzüge im alten Rom bis hin zu spöttischen Zeichnungen des französischen Königs während des 18. Jahrhunderts. Noch bevor es Spraydosen aus dem Westen gab, behalf man sich zu DDR-Zeiten mit Stiften und Feuerzeugen.

„Jugendliche nutzen Graffiti als Sprachrohr, um sich auszudrücken“, erklärt Thomas und Christoph Krämer ergänzt: „Malen ist das Gegenteil von Aggression. So hat das damals angefangen mit den Crews in den USA: Statt sich eine auf’s Maul zu hauen, hat man sein Revier eben mit Bildern markiert.“ Im Zuge der Hip-Hop-Welle wurde das Sprühen dann auch in Deutschland populär. „Wenn ich ein Piece [aufwändiges, großflächiges Graffiti] male“, beschreibt er die Faszination, „dann male ich mit dem ganzen Körper und bin absolut auf das Bild konzentriert. Das ist wie Meditation.“

Thomas berichtet: „Wenn ich sprühe, dann vergesse ich für diese kurze Zeit alles um mich herum. Dann bin ich total fokussiert. Das ist eine Befreiung für den Kopf.“ Bei beiden, egal ob an ausgewiesenen Flächen oder an Abbruchhäusern, steht der ästhetische Anspruch im Vordergrund. „Deswegen mache ich das legal“, so Krämer, „dann habe ich genügend Zeit, um das Bild so umzusetzen, wie ich es mir vorstelle.“ Und: „Ich kann tagsüber sprühen, da muss ich nachts nicht noch mal raus und kann ausschlafen.“

Der Nervenkitzel des illegalen Sprühens

Auch Thomas kennt die Vorteile legaler Flächen, sagt aber: „Der Nervenkitzel, in zehn Minuten ein riesiges Bild an die Wand oder auf einen Zug zu bringen, macht schon was aus.“ Im Vordergrund stünden jedoch nicht die Freude am Vandalismus oder der bloße Adrenalinrausch, sondern immer das Kreative, das Werk. „Nach meiner Sicht der Dinge tue ich nichts Schlimmes“, führt er aus, „ich mache die Stadt bunter, farbiger.“ Thomas fragt sich: „Ich werde an jeder Ecke mit Werbeplakaten konfrontiert, wenn ich aber ein Bild an eine Wand male, eine triste Ecke gestalte, warum soll das dann illegal sein?“ Er könne das mit seinen Prinzipien vereinbaren.

Hinter dem Gerüst verbarg sich ein spektakuläres Graffiti an der alten Leipziger Hauptpost. Quelle: André Kempner

Tatsächlich stellt jedes illegale Graffiti im rechtlichen Sinne eine Sachbeschädigung dar. Der durch Sprayer verursachte Schaden im Jahr 2012 belief sich in Leipzig laut Stadtverwaltung auf etwa zwei Millionen Euro. Die Kommune wendete fast 300.000 Euro auf, um Bilder und Schmierereien wieder entfernen zu lassen. Allein in den ersten 100 Tagen nach der Eröffnung des Leipziger Citytunnels entstanden durch illegales Sprühen bereits 100.000 Euro an Schäden. Und das Problem wächst weiter an: Registrierte die Polizei 2009 lediglich 1395 Fälle von Sachbeschädigung durch Graffiti, so waren es 2013 bereits 2951. Dieser Verdopplung der Fallzahlen steht ein Anstieg bei den ermittelten Tatverdächtigen von lediglich 33 Prozent gegenüber.

Mangel an legalen Flächen und neue Ansätze in der Stadt

Bei der Stadt hat daher ein Umdenken eingesetzt. Unter dem Motto „Kreativ statt kriminell“ soll die Bekämpfung illegaler Graffiti durch Präventivangebote neu ausgerichtet werden. So erteilte der Stadtrat im März Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) einen Auftrag: Es solle geprüft werden, wo in Leipzig legale Flächen entstehen könnten. Auch soll seitens der Stadtverwaltung die Stelle eines Graffiti-Koordinators geschaffen werden. Zu Details äußerte sich die Stadt bislang nicht.

In Leipzig gibt es nicht viele Möglichkeiten, legal zu sprühen. „Wir haben die Wall of Fame am Werk 2 in Connewitz“, erklärt Dirk Moll vom Leipziger Graffiti-Verein. „In der Gießerstraße gibt es noch eine Wand, da werden Sprayer zumindest geduldet.“ Dazu kommt noch eine Fläche am Rabet im Leipziger Osten. „Aber an der können keine drei Mann gleichzeitig arbeiten.“ Zu wenig Platz für die aktiven Sprayern in der Stadt. „Viele Jugendliche wollen sich ausprobieren, experimentieren. Aber dadurch, dass es in Leipzig so wenige Flächen gibt, wird eben illegal gesprüht“, beschreibt Thomas das Problem. Durch diesen äußeren Zwang hat sich die Szene über die Jahre gewandelt. Inzwischen definieren sich die Leipziger über illegale Graffiti und Aufsehen erregende Aktionen.

Am Ringmessehaus werden die Monumentalbilder gestapelt: Snow-Piece oben, und darunter ein riesiges RCS-Bild. Quelle: Regina Katzer

„Der Bruch in Leipzig passierte, nachdem im Zuge der Olympiabewerbung die Wall of Fame am Karl-Heine-Kanal zugemacht wurde“, weiß Dirk Moll. Auch zuvor habe es illegale Bilder gegeben, aber danach sei die Zahl sprunghaft angestiegen. „Damals sprühte man sein Piece an den Kanal, alle konnten es sehen. So erarbeitete man sich 'Fame' – also Ruhm.“ Als diese legale Wand wegfiel, präsentierten sich die Maler überall in der Stadt. „Spektakuläre Bilder an spektakulären Stellen, so verschafft man sich in Leipzig heute Respekt.“ Es habe sich ein Wettbewerb, ein Battle, zwischen den einzelnen Gruppen entwickelt – in Leipzig sind das in erster Linie die Radicals und die ORG-Crew. Es herrsche aber kein Krieg zwischen den Leuten, es sei mehr ein sportlicher Wettstreit.

Anfang April begann in Leipzig der Prozess gegen den mutmaßlichen Anführer der ORG-Crew. Der 28-Jährige soll 2012 einen Zug am Leipziger Hauptbahnhof besprüht haben. In drei Bundesländern wurde er, auch wegen anderer Straftaten, mit Haftbefehl gesucht und Mitte März in Connewitz festgenommen. „Anführer ist relativ“, kommentiert Thomas, „die Crews sind nicht so straff organisiert.“ Natürlich gebe es auch in der Graffiti-Szene Alpha-Männchen. Er glaube jedoch, die Polizei habe schlicht den mit der dicksten Akte erwischt.

Enthüllung des Blek-le-Rat-Bildes in der Karl-Liebknecht-Straße. Quelle: Dirk Knofe

Aktionen wie die der beiden genannten Gruppen sorgen international für Aufsehen. „Das RCS-Piece am Augustusplatz, an der Alten Hauptpost, das hat der Leipziger Szene Anerkennung weit über die Grenzen hinaus verschafft“, weiß Thomas. „Leipzig hat sich mit diesen harten Aktionen einen Ruf erarbeitet, mit diesen krassen Bildern wie am Robotron oder neben dem Fürstenhof“, so Christoph. Maler aus anderen Städten kämen, um sich solche Bilder anzuschauen – und nicht etwa wegen der Streetart von Blek le Rat in der Karl-Liebknecht-Straße. Die dortige „Madonna mit Kind“ wurde 2013 hinter Glas gelegt und steht auf der sächsischen Denkmalliste. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich etwas verändert in der Graffiti-Welt. Sie besteht nicht mehr nur aus dem kleinen Kosmos der Eingeweihten. Graffiti werden nicht mehr ausschließlich als Schmiererei und Vandalismus wahrgenommen. Seit Streetart-Künstler wie der Brite Banksy oder eben der Franzose Blek le Rat salonfähig geworden sind, finden sich die Werke vieler Sprayer in Galerien und Ausstellungen.

Aus der Illegalität in die Gesellschaft

Auch Felix* hat den Sprung aus der Illegalität in die Ausstellung geschafft. Der Leipziger malt seine Bilder nicht nur auf Hauswände, sondern auch auf Leinwände. Steigt man die Stufen zu seiner Wohnung empor, findet man im Treppenhaus einige seiner Werke: säuberlich gerahmt und auf einer weißen Wand drapiert. „Die Technik bei meinen Bildern ist eine andere“, erklärt er, „aber vom Ansatz, von der Einstellung her ist es immer noch Graffiti.“ In seiner Wohnung hat er sich ein Atelier eingerichtet: Hier arbeitet er mit Schablonen, Pinsel, Airbrush und mit Dosen. „Nur beim Malen kann ich meine Kreativität artikulieren.“ Inzwischen dreht sich sein Leben um Auftragsarbeiten und den Verkauf seiner Bilder.

Und er kümmert sich um den Nachwuchs. Felix* gibt zum einen Graffiti-Kurse an Schulen, geht mit 12- und 13-Jährigen an die Wall of Fame im Werk 2 und gestaltet diese. „Im Vorfeld habe ich den Kindern im Rahmen des Kunstunterrichts erklärt, was Graffiti ist, welche Techniken es gibt und auch, dass es illegal ist, einfach an eine Hauswand zu sprühen.“ In seinem Viertel, dem Leipziger Osten, engagiert er sich darüber hinaus in der Jugendarbeit. „Ich will den Kindern dabei helfen, sich künstlerisch auszudrücken. Für viele von ihnen ist es das erste Mal, dass sie mit Kunst überhaupt in Berührung kommen.“ Mit seinen Projekten versucht Almes, Graffiti in die Gesellschaft hineinzutragen. „Es geht dabei auch um Teilhabe am kulturellen Leben.“ Und Thomas sagt: „Man muss es doch unterstützen, wenn sich Kinder in dem Alter für Kunst begeistern.“

Dirk Moll, der über den Graffitiverein Leipzig ebenfalls in Workshops mit Kindern und Jugendlichen involviert ist, sieht das differenzierter: „Man darf nicht zulassen, dass Kinder durchs Sprühen ins Illegale abrutschen.“ Auch Christoph Krämer weist auf die Kehrseite solcher Kurse hin: „Wenn die Kinder richtig in das Thema Graffiti einsteigen, dann werden sie über kurz oder lang illegal sprühen.“ Moll hingegen sieht eher die Chance, dass man gerade über solche Angebote Sprayer aus der Kriminalisierung herausholen könne – wenn es denn genügend legale Graffiti-Wände gebe.

„Wenn die Stadt wirklich etwas ändern will, brauchen wir in jedem Viertel ausgewiesene Flächen“, fordert daher Dirk Moll. Dadurch würde nicht nur die Zahl der illegalen Fälle zurückgehen. „Graffiti kann dem Einzelnen so viel bieten. Es kann ein Sprungbrett sein für ein Kunststudium, eine Ausbildung zum Grafiker oder Gestalter.“ Die Begeisterung der Jugendlichen müsse man nutzen, dazu sollte diese aber in die richtigen Bahnen gelenkt werden.

* Name geändert

Dieser Text erschien zuerst im LVZ-Sonntag.

Johannes Angermann

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