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Kultur Zwischen Ottifant und Faultier Sid: Otto Waalkes in Leipzig
Nachrichten Kultur Zwischen Ottifant und Faultier Sid: Otto Waalkes in Leipzig
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00:17 13.10.2016
Von außen 68, von innen ein hinreißendes Kind: Otto Waalkes in der Arena Leipzig. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Die Vorstellung von Menschen mit böser Absicht in einer Otto-Show ist recht abwegig. Aber das sind etwa Trumps reale Äußerungen ebenso, und da man demzufolge nie weiß, was alles eintreten könnte, erträgt man die schärferen Sicherheitskontrollen am Einlass einigermaßen gelassen. Mit Platzkarten wird schon jeder seinen Stuhl in der fast ausverkauften Arena finden. Deutschlands generationenübergreifende Humor-Institution Otto Waalkes hat am Sonntagabend zum Leipzig-Termin seiner großer „Holdrio Again“-Tour geladen.

Die Bühne flankieren die Miniaturausgaben des Emdener Otto Huuses und „Ottos“ Pilsumer Leuchtturms. Zwischen beiden bewegt sich später Waalkes mit wechselnden Gitarren, Mützen und ein paar Kleinrequisiten, mehr „Show“ braucht es auch vor mehreren tausend Leuten nicht.

Aus dem Otto-Schriftzug auf den Projektionswänden grinst neben einem Ottifanten nicht umsonst Sid aus den Ice-Age-Filmen. Hat doch die Synchronisation des tollpatschigen Aussterbeverweigeres Waalkes neue Popularität verschafft, und die nicht wenigen Kinder im Saal dürften eher mit Sid und Manni aufgewachsen sein als mit Susi Sorglos und Schaf Harald.

Eine auf Leipzig zugeschnittene Laufschrift von albern („RB: Champions-League-Sieger 2099“) bis satirisch („Amazon: Sie zahlen kein Porto, wir keine Löhne“) weist schließlich den Weg zum Auftritt des Ostfriesen, der mit Ottifanten-Gitarre auf die Bühne tänzelt. In seine Stimme legt sich mittlerweile merklich Alters-Sandpapier, und lüftet er sein obligatorisches Basecap schwindet sein halblanges Blond zum grauen Haarkranz um Bowling-Glatze. Ansonsten aber ist und bleibt der 68-Jährige ein aufgedrehter kleiner Junge, der sich schelmisch freut, wenn er etwas Wasser in die ersten Reihen spritzen darf. Analog zur eigenen infantilen Freude produziert er an diesem Abend leuchtende Kinderaugen bei Menschen von 6 bis 76.

Zuverlässig, sympathisch und weitgehend allgemeingültig

Einmal zu Anfang leistet er sich einen politisch-satirischen Moment, indem er kollektive Publikumsreaktionen mit plötzlicher Flüchtlingseinlassung ad absurdum führt. Migration ist sehr wichtig, betont er und verlegt sich dann wieder auf seine charmant unschuldige Humormischung aus Kalauern, Wortspielen, Parodien und unverwechselbarem Ganzkörperquatsch von Stimme bis Gang. Waalkes covert sich einmal quer durch die Rock- und Schlagergeschichte, textlich stets Otto-typisch angepasst, was in seiner Tierfabel fulminant kulminiert.

Zur Pause erfreut er noch schnell einige der jüngeren Fans, indem er an gut 100 zur Bühne rennende Kinder eigenhändig 20 Plüsch-Ottifanten verteilt. Einige Eltern müssen allerdings im Anschluss ihr Tröstegeschick bemühen, alternativ die Geldbörse.

Ob sich später in seine berühmten Hänsel- und Gretel-Parodien mittlerweile Helene Fischer und Sportfreunde Stiller mischen oder ob Ottifant und Ice-Age Sid als Handpuppen noch einmal Kalauer anhäufen: Die Witze, die Waalkes neu kombiniert, sind zum Teil mehr als 40 Jahre alt, die Pointen oft wohlbekannt, tausendfach kopiert und längst Allgemeingut. Trotzdem oder gerade deshalb lassen sich fast alle gern davon anstecken.

Otto-Humor ist so simpel wie wirkungsvoll, einen doppelten Boden sucht man vergebens. Altbacken mag man das finden, ebenso wie einem nicht zu Unrecht fortwährend rhythmisches Klatschen, permanent eingeforderte Ahs, Ohs und sonstige stimmliche Publikumsbeteiligung peinlich sein können. Bei aller Albern- und Einfachheit kommt Waalkes immerhin ohne Abrutschen in primitive Klischee- und Sexismus-Schenkelklopfer aus, mit denen man leider auch Arenen füllen kann.

Die Grundkonstante Otto bietet zuverlässig, sympathisch und weitgehend allgemeingültig ein menschliches Grundbedürfnis zum einfachen Konsum feil: freies, unbelastetes Lachen.

Von Karsten Kriesel

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