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Nachrichten Medien ARD-Drama zeigt finstere Finanzwelt
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19:17 02.11.2016
Die Herzen sind kalt im Drama „Dead Man Working“. Die Farben des Films ebenso. Quelle: HR/Börres Weifenbach
Hannover

Manchmal beobachten Tom und Jochen aus großer Höhe richtige Menschen, Alltagsleute. Zuweilen tun sie das sogar – besonders infam – durch das Zielfernrohr von Jochens Präzisionsgewehr. Dann erfinden sie Geschichten für diese Normalos in den Niederungen des Daseins und gnickern über deren billiges Gekrauche. Denn Jochen und Tom sind Götter des Geldes, Wichtigkeitsstufe 1. Jochen (Wolfram Koch) ist ein großer Investmenthai bei der Bank der Deutschen, Tom (Benjamin Lillie) ist sein Protegé. Beide sind arrogant bis ins Mark. So warten sie am Flughafen, bis die Türen des Jets zu sind, um danach sofort mit einem Sonderplastikkärtchen auf ihrem nachträglichen Zutritt zu bestehen.

Ein Toter steht stellvertretend für Selbstmordserie

Regisseur Marc Bauder (bekannt durch die Doku „Der Banker – Master of the Universe“) blickt in seinem Drama „Dead Man Working“ tief in den deutschen Geldschrank Frankfurt. Jochen Walther schafft einen Milliardendeal, ein Finanzgeschäft mit Katar, was seinem Haus laut Bankchef von Bensen (Manfred Zapatka) „die Übernahme von East London“ ermöglicht. Dann stürzt er sich vom Dach des Turms. Ein toter Banker, der stellvertretend für eine ganze Selbstmordserie steht. Aber warum springt einer, der auf dem Gipfel des Erfolgs steht?

Feindselige Welt der Hochfinanz

Bensen schiebt die Schuld der Ehefrau zu, die ihrerseits vorgibt, einen enthüllungsreichen Abschiedsbrief zu haben. Nachdem er sich zunächst in den Dienst der eigenen Karriere stellt, beginnt Adlatus Tom Fragen zu stellen. Die Kamera im Treppenhaus zeigt Jochen Walther, wie er sein Smartphone aus der Anzugtasche holt. Die Kamera auf dem Dach ist abmontiert. Was ist wirklich da oben auf dem Wolkenkratzer passiert – war es Mord? Langsam arbeitet sich der zögernde Zögling auf die Wahrheit zu, die schrecklich ist und zynisch, und die er sich, als er nichts mehr zu verlieren hat, zunutze machen wird. Bauder führt in die feindselige (Arbeits-)Welt der Hochfinanz, eine Sphäre, in der jede menschliche Regung als Schwäche registriert wird.

Familien funktionieren nur auf Distanz, Liebe wird bloß behauptet, Jochens Söhne kommen unmutig zur Beerdigung des Vaters. Wer in solchen Kreisen freundliche oder hilfreiche Gespräche möchte, geht zum Therapeuten. Denn die Kollegialität ist nur ein schlecht verhohlener Mummenschanz Coup-orientierter Rivalen. Erfolg und Scheitern sind hier die Seiten derselben Münze, die Kollegen in den Fluren lockern die Korken und bereiten zugleich den Ausguss blutiger Häme vor – je nachdem, wie die Geschäfte enden werden.

Der Film lässt schaudern

Alle Herzen hier sind kalt, die Farben des Films signalisieren Einsamkeit – Anthrazit, Grau, Graublau, Chromfarben, die Materialien sind Stahl und Glas. Die Kamera sammelt urbane Ornamente, der Soundtrack ist elektronisch kühl. Es schaudert einen in diesem Film, dessen Problem ist, dass er keinen Helden offerieren kann, an den man sich halten möchte. Zwar narrt Tom den Hort der Habgier, ein Sympath aber wird er nicht.

Die Deutsche Bank hat zwar erst vor ein paar Tagen schmale Gewinne vermelden können, sie war aber zuletzt fast nur noch das Haus der bösen Nachrichten. Viele Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze, die „windigen Hypothekengeschäfte kurz vor der Finanzkrise“ (F.A.Z. vom 28. 10.) haben zu einer 14-Milliarden-Dollar-Forderung des US-Justizministeriums geführt. Diesbezüglich wurden die Frankfurter erst im Januar in der Hollywoodkomödie „The Big Short“ (mit Christian Bale) süffisant abgewatscht.

Jetzt auch noch dieser Film, der dubiose Geschäftsgebaren, Vetternwirtschaft, Lug, Trug und das aktuelle Thema Bankersuizide in einen Thriller packt. Klar, heißt das kriselnde Superinstitut hier anders – Bank der Deutschen – aber im Zuschauerkopf wird daraus nicht nur durch das frappierend ähnliche Firmensignet sofort Deutsche Bank. Man soll die richtigen Menschen, die Alltagsleute nie unterschätzen.

Von Matthias Halbig

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