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Medien „Amokspiel“ – Hochspannung nach Sebastian Fitzek
Nachrichten Medien „Amokspiel“ – Hochspannung nach Sebastian Fitzek
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10:47 26.11.2018
Verkleidet und bewaffnet: Jan May (Kai Schumann) stürmt einen Radiosender und nimmt fünf Besucher sowie Moderator Timber als Geiseln. Quelle: Foto: Reiner Bajo/Sat.1
Köln

Schon die Grundidee ist perfide: Ein Berliner Radiosender ist bekannt für seine Hörerspiele, bei denen der Moderator irgendwelche Telefonnummern anruft. Melden sich die Menschen mit der richtigen Parole, gibt’s Geld. Am heißesten Tag des Sommers erleben die schockierten Hörer eine pervertierte Version des Spiels: Ein Mann mit Sprengstoffweste hat eine Führung durch die Räume des Senders genutzt und mehrere Menschen als Geiseln genommen.

Es hat lange gedauert, bis Fitzeks Romane verfilmt wurden

Seine Version des „Cashcalls“ sieht so aus: Weiß der Gesprächsteilnehmer die Parole nicht, erschießt der Anrufer eine der Geiseln. Der tödliche Zeitvertreib ist jedoch nur der Einstieg in den Hochspannungs-Thriller „Amokspiel“, denn der Mann ist nicht etwa geisteskrank, sondern verfolgt ganz konkrete Ziele; allerdings dauert es eine Weile, bis er Verhandlungsspezialistin Ira Samin (Franziska Weisz) in sein Vorhaben einweiht. Genauso lange versteckt er sich auch unter Zottelhaaren und angeklebtem Vollbart; allein die Stimme verrät, dass unter der Maskerade Kai Schumann steckt.

Amokspiel“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sebastian Fitzek. Abgesehen von der kaum beachteten Verfilmung „Das Kind“ (2012) hat es erstaunlich lange gedauert, bis das filmische Potenzial seiner Bücher erkannt worden ist, aber nun geht es Schlag auf Schlag: Im Frühjahr hat RTL „Das Joshua-Profil“ gezeigt, demnächst folgt „Passagier 23“ und kürzlich ist im Kino „Abgeschnitten“ angelaufen.

Fitzeks Protagonisten sind selten strahlende Helden. Ira ist ebenfalls eine gebrochene Figur, weshalb sich der Einsatzleiter (Uwe Preuss) zwischendurch immer wieder mal fragt, ob sie der Aufgabe gewachsen ist: Der Selbstmord ihrer Tochter hat sie vor einem Jahr komplett aus der Bahn geworfen. Auch diese Information rückt Christoph Busche erst später raus: Ira nutzt ihre Geschichte als vertrauensbildende Maßnahme, um eine Beziehung zum Geiselnehmer herzustellen, muss aber verblüfft feststellen, dass der Mann sie schon kennt.

In „Amokspiel“ sind die Dinge nicht wie sie scheinen

Tatsächlich ist Jan May alles andere als ein durchgeknallter Amokläufer, selbst wenn sein Ansinnen irrational wirkt: Er verlangt, dass die Polizei nach seiner Verlobten sucht; aber die Frau ist vor einem halben Jahr bei einem Verkehrsunfall gestorben.

Filme leben oft davon, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen, aber „Amokspiel“ treibt es in dieser Hinsicht besonders weit. Das beginnt schon mit den ersten Bildern, die sich zunächst als Alptraum der Heldin entpuppen – aber das ist nur die halbe Wahrheit. Auch die Vorgehensweise des Geiselnehmers folgt einem raffinierten Plan, der aus Sicht der Verhandlungsspezialistin allerdings einige Tücken enthält, weshalb die zunächst übers Telefon geführten Gespräche mehr und mehr in ein Psychoduell ausarten.

Am Ende ist trotzdem ausgerechnet der zunehmend sympathische Jan May, der nach Ansicht von Oberstaatsanwalt Faust (Johann von Bülow) in psychiatrische Behandlung gehört, der einzige Mensch, dem Ira vertrauen kann.

Außerdem sorgt Busche dafür, dass die ohnehin schon fesselnde Handlung immer noch einen Spannungsverstärker bekommt: Ira hat keine Ahnung, dass ihre zweite Tochter, Kitty (Emilie Neumeister), ein Praktikum bei dem Radiosender macht; das Mädchen hat sich im Moment der Geiselnahme in einem Wandschrank versteckt. Und weil bei Fitzek stets finstere Mächte am Werk sind, zieht die Geschichte schließlich einen weiten Kreis: Es geht um Geldwäsche in großem Stil. Die Fäden zieht ein Mann mit Verbindungen in die höchsten Kreise (Christian Tramitz als Innenminister).

Regisseur Busche verändert Fitzeks Roman in Richtung TV-Thriller

Busche hat die Vorlage bei seiner Adaption konsequent in Richtung TV-Thriller bearbeitet. Im Buch reflektiert Ira nicht nur ausführlich ihr eigenes Dasein, sie ist sogar lebensmüde. Davon kann bei der Filmheldin keine Rede sein; die Psychologin ist zwar angeschlagen, aber weit davon entfernt, sich umzubringen.

Anders als im Roman spielt Programmchef Diesel (Marc Ben Puch) nur eine kleine Nebenrolle, hat als ehemaliger Reporter aber trotzdem maßgeblichen Anteil daran, dass Ira dem Schurken auf die Schliche kommt. Von Busche stammt unter anderem das Drehbuch zum Polit-Thriller „Jagd durch Prag“ aus der ARD-Reihe „Die Diplomatin“, außerdem war er Koautor des Abschlussfilms der „NSU“-Trilogie „Mitten in Deutschland“ („Die Ermittler“).

Regie führte Oliver Schmitz, der für sehenswerte Komödien steht. Er hat unter anderem Beiträge für die Degeto-Reitagsreihe „Reiff für die Insel“ gedreht, aber vor allem die ausnahmslos vergnüglichen „Allein unter…“-Filme mit Hannes Jaenicke („Allein unter Töchtern“, „Allein unter Müttern“ etc., Sat.1). Es ist daher umso eindrucksvoller, wie es ihm gelingt, die Spannung nicht nur zu halten, sondern sogar noch zu steigern, erst recht gegen Ende, als Kitty entführt wird und sich die Ereignisse zum dramatischen Finale überschlagen.

Eine Beziehung zwischen Polizistin und Geiselnehmer entsteht

Handlungsreichtum und optischer Aufwand können sich ohnehin sehen lassen, auch die Bildgestaltung (Bernd Fischer) mit ihrem sommerlichen Abendlicht sowie die Thrillermusik (Stephan Massimo) sind vorzüglich. Für die beiden Hauptdarsteller gilt das ohnehin: Obwohl sie über weite Strecken gar nicht direkt miteinander spielen, gelingt es Franziska Weisz und Kai Schumann, eine ganz spezielle Beziehung zwischen Ira und Jan herzustellen.

Umso heftiger fallen dagegen einige kurze Zwischenszenen mit Schaulustigen aus dem Rahmen; die unbedarften Kommentare einiger Passantinnen klingen ähnlich dilettantisch wie die Darbietungen einer „Sat.1-Reporterin“, die für den Sender über die Geiselnahme berichtet.

Von Tilmann P. Gangloff

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