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Medien Bascha Mika: „Die Zeiten der Trauer sind vorbei“
Nachrichten Medien Bascha Mika: „Die Zeiten der Trauer sind vorbei“
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00:16 09.10.2016
Bascha Mika. Quelle: Gerster
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Frankfurt

In Pressemitteilungen rücken sich Unternehmen gern in bestes Licht. Ganz besonders gilt das für den kleinen Text ganz unten, der auf PR-Sprech „Boilerplate“ heißt und das Tätigkeitsprofil des Unternehmens beschreibt. Bei der „Frankfurter Rundschau“ steht da: „Die FR ist eine Ikone der deutschen Presselandschaft und meinungsprägend für Generationen engagierter Bürger“. Ist die FR heute noch eine Ikone? Prägt sie die Meinung von Generationen? Früher, ja, als im Westdeutschland der Siebziger- und Achtzigerjahren die „Rundschau“ wie selbstverständlich in Lehrerzimmern und auf den Küchentischen alternativer WGs lag. Noch in den Nullerjahren, als alle Redaktionen Personal abbauten, kämpften die Frankfurter für höhere Gehälter. Keiner nahm wahr, wie schlecht es längst um sie steht.

Immerhin: Es gibt sie noch, die „Frankfurter Rundschau“. Das ist nicht selbstverständlich. Im November 2012 ging sie insolvent. Es war das erste Mal, dass so etwas in der deutschen Zeitungslandschaft passierte. 2014 sah sich die „Abendzeitung“ zum selben Schritt gezwungen. Das Boulevardblatt der Münchner Linken, einst Hauptfigur in „Kir Royal“, gehört heute zur Konkurrenz und ist ein Schatten seiner selbst. Und die FR? Gehört inzwischen zum selben Verlag wie die „Frankfurter Neue Presse“ (FNP) und die FAZ. Indem die FR deren Verlagsstrukturen nutzt, erwirtschaftet sie sogar einen kleinen Gewinn. Aber ist sie relevant?

Bascha Mika: „FR hat ihr Profil geschärft“

„Bei einigen mag sich der Eindruck festgesetzt haben: Die FR ist insolvent, die gibt es nicht mehr. Tatsächlich konnte die FR nach der Insolvenz ihr Profil als linke Zeitung schärfen“, sagt Bascha Mika. Die unter anderem aus dem „Presseclub“ als meinungsfreudige Publizistin bekannte langjährige Chefin der „taz“ teilt sich die Chefredaktion der „Rundschau“ seit April 2014 mit dem FR-Gewächs Arnd Festerling. Zu ihrem Auftrag gehört, der Zeitung als Galionsfigur Gewicht zu verleihen. Die Frage ist: womit?

Mit investigativen Recherchen nicht. Dazu fehlen Geld und Personal. Ihre überregionale Berichterstattung bezieht die FR zu einem Großteil von der Redaktionsgemeinschaft ihres Vorbesitzers DuMont („Berliner Zeitung“, „Kölner Stadt-Anzeiger“). „Doch obwohl wir ein kleines Team sind, werden wir zum Beispiel beim Deutschlandfunk regelmäßig mit unseren Analysen und Meinungsstücken zitiert“, sagt Bascha Mika und verweist auf die FR-Serien, die es seit einiger Zeit gibt. „Wohnen“, „Gerechtigkeit“, „Freiheit“ sind einige der Themen, mit denen sich die FR erst im Blatt beschäftigt, Diskussionen mit Lesern organisiert und dann das Ganze in Buchform gießt.

Magazin soll weiblicher als die Tageszeitung sein

Den Durchbruch brachte das nicht. Umso hoffnungsfroher präsentiert Bascha Mika beim Besuch in Frankfurt „FR7“, das Wochenend-Magazin, das von diesem Sonnabend an der Zeitung beiliegen wird. Jede Woche beschäftigt es sich im vorderen Teil mit einem groß bebilderten Schwerpunktthema. Zum Auftakt geht es um „Durst“, in Vorbereitung sind etwas verkopft wirkende Themen: „Aberwitz“ heißt eines, „Verführen“ ein anderes. Der hintere, mit Illustrationen aufgelockerte Magazinteil spielt unabhängig vom Schwerpunktthema mit der mystischen Zahl Sieben und wartet mit Rubriken und Kolumnen auf, eine zum Beispiel, über das Netz, wird vom Aktivisten-Ehepaar Anke und Daniel Domscheit-Berg bestritten.

„Radikal lebensweltlich“, wünscht sich Bascha Mika „FR7“, „berührend, unterhaltsam und weiblicher als die Tageszeitung“. Aber hilft das, die FR wieder ins Gespräch zu bringen? Mika sagt: „Die Zeiten des Schockiertseins, der Trauer und der Konsolidierung sind vorbei. Jetzt geht es darum, die Zeitung mit Lust weiterzuentwickeln“.

Was ist, wenn das alles nichts bringt?

2016 scheint dafür entscheidend zu sein. Im April stellte der Verlag die zuvor teilweise ausgegliederte Redaktion in einer eigenen Tochterfirma wieder fest an. Kurz darauf startete eine lokale News-App, zuletzt wurden die Regionalausgaben neu zugeschnitten und mit Laterpay ein Bezahlmodell für einige der online erscheinenden Artikel eingeführt. Bei Laterpay wird erst abgerechnet, nachdem ein Leser Beiträge für mehr als fünf Euro gekauft hat. Am Sonnabend folgt „FR 7“, im Winter wird die Webseite überarbeitet, gleichzeitig feilt die Redaktion an einem neuen Layout für die gedruckte Zeitung.

Was aber, wenn all das nicht fruchtet, die nicht mehr einzeln ausgewiesene, vielleicht noch 70.000 Exemplare betragende Auflage weiter sinkt und die Frankfurter Societät entscheiden sollte, nicht nur die kaufmännischen Abteilungen und den regionalen Anzeigenverkauf gemeinsam zu organisieren, sondern die Redaktion mit der der FNP zu verschmelzen? Bei dieser Frage beugt sich Bascha Mika weit nach vorn, verschränkt die Arme auf dem Tisch und fixiert ihr Gegenüber. Schließlich sagt die 62-Jährige: „Dann gehe ich“.

Von Ulrike Simon

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