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19:09 09.04.2018
Heldenrolle im Kampf gegen Netflix? Festivaldirektor Thierry Frémaux. Quelle: dpa
Cannes

Exklusiv, exklusiver, Cannes: Nirgendwo sonst wird das Kino so sehr zelebriert wie bei diesem – nicht nur nach eigenem Selbstverständnis – wichtigsten Kinofestival. Festivaldirektor Thierry Frémaux gefällt sich in der Rolle des obersten Gralshüters einer von digitalen Umwälzungen bedrohten Kunstform. Für das am 8. Mai beginnende Glanz- und Glamour-Großereignis am französischen Mittelmeer hat sich der 57-Jährige ein paar Neuerungen einfallen lassen, die allerdings daran zweifeln lassen, wie weit er in der digitalen Medienwelt wirklich zu Hause ist – und wie viel ihm am Kinopublikum liegt.

Selfies verboten: Auf dem roten Teppich soll fortan kein Premierengast mehr sein Mobiltelefon zücken und Fotos von sich und seinen größten Fans machen. Selfies, so erklärte Frémaux dem US-Fachmagazin „Variety“, seien lächerlich und sorgten für Verzögerungen im Betriebsablauf. Vor zehn Jahren habe es auch keine gegeben, also könnten sie nicht so wichtig sein. Das Prestige des Festivals leide darunter. „Wir sind in Cannes, um Filme zu sehen, nicht, um Selfies zu machen“, sagte Frémaux, der seit 2001 die Filmfestspiele leitet.

Wie immer man zu Selfies stehen mag: Spannend wird es schon, wenn am Eröffnungstag Penélope Cruz und Javier Bardem die heiligen 24 roten Stufen hinaufschreiten. Will er die Stars des spanischen Eröffnungsfilms „Todos lo saben“ (Jeder weiß es) und ihre Entourage ernsthaft daran hindern, sich mit ihren oft stundenlang auf diesen Augenblick wartenden Anhängern fotografieren zu lassen? Ins Kino kommen „Normalos“ bei den raren Kinokarten in Cannes kaum.

Pressevorführungen gestrichen: Filmfestivals bieten Journalisten üblicherweise vorgezogene Vorführungen, auch in Cannes wurde das bislang so gehandhabt. Nun hat Frémaux diese Praxis für beendet erklärt. Kritiker dürfen die Werke demnach frühestens parallel zu den Galaaufführungen am Abend sehen. Frémaux will so die Spannung auf die Premieren erhöhen – mit dem willkommenen Nebeneffekt, dass er so auch vorzeitige Verrisse im Internet ausschließen kann.

Nicht nur der internationale Kritikerverband Fipresci befürchtet nun eine Zweiklassengesellschaft. Printmedien können künftig frühestens zum übernächsten Tag berichten. Auch Netzjournalisten bleibt für Analysen keine Zeit, wenn nach dem Abspann jede Minute zählt. So dürften wegen fehlender Bewertungen viele bunte Bilder in die Welt versendet werden. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Werken, die Cannes doch so sehr am Herzen liegt, wird in den Hintergrund gedrängt.

Dabei gäbe es eTine viel einfachere Möglichkeit. Der Cannes-Chef müsste nur mal nach Berlin schauen: Die Berlinale setzt für Wettbewerbsfilme eine Veröffentlichungsfrist. Erst nach der Premiere dürfen die Berichte raus.

Streamingdienste ausgesperrt: Noch im Vorjahr konkurrierten zwei Netflix-Produktionen um die Goldene Palme („Okja“, „The Meyerowitz Stories“). Cannes sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, sich zur Werbeplattform für die digitale Konkurrenz zu machen. Zu den schärfsten Kritikern zählte der damalige Jurypräsident Pedro Almodóvar. Zwischenzeitlich hat Frémaux Streamingdienste verbannt, sofern sie keinen französischen Kinostart zusichern. Allerdings verhandeln Streamingdienst und Festival momentan nach Angaben des „Hollywood Reporter“ noch einmal: An diesem Donnerstag wird das offizielle Programm verkündet. Zum Vergleich: Auch die Berlinale verlangt eine Kinoauswertung, aber nicht unbedingt in Deutschland.

In diesem Fall kann Frémaux auf prominente Rückendeckung pochen: Auch Steven Spielberg plädiert für die Trennung von Kino und Internet bei Festivals. Netflix gehöre nicht auf die große Bühne, wenn es diese nicht auch bespiele.

Interessant ist die Heldenrolle, die sich Frémaux in der Auseinandersetzung mit dem globalen Player Netflix zugedacht hatte. Er habe geglaubt, das Unternehmen überzeugen zu können, einem Kinostart in Frankreich zuzustimmen, sagte er im Rückblick. Und dann: „Das war anmaßend von mir.“

Selbstkritik ist von Cannes-Verantwortlichen nur selten zu hören. Vor drei Jahren war das der Fall, als Frauen am Kinoeingang abgewiesen wurden, die nicht auf den üblichen High Heels dahergestöckelt kamen. Frémaux sah sich zu einer halbherzigen Entschuldigung genötigt. Immer wieder mal driftet Cannes im Bewusstsein seiner Einzigartigkeit in Arroganz und Machotum ab.

Von Stefan Stosch/RND

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