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Nachrichten Medien Das sind alle 26 ESC-Kandidaten im Check
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16:17 12.05.2018
Michael Schulte tritt für Deutschland beim Eurovision Song Contest an. Quelle: dpa
Lissabon

Die Spannung steigt: Wer wird am Sonnabend im Rennen um Europas Musik-Thron beim Eurovision Song Contest vorne liegen? Und wie wird sich Michael Schulte beim ESC schlagen? Imre Grimm, unser Reporter vor Ort, hat alle 26 Starter schon mal ganz genau in Augenschein genommen.

26 Kandidaten kämpfen am Samstag beim Eurovision Song Contest um den Titel. Für Deutschland tritt Michael Schulte an.

Albanien: Eugent Bushpepa, „Mall“

Wer ist das? Um Sehnsucht nach seiner Freundin geht es in der Rockballade des 33-jährigen albanischen Charismatikers. Seine Rauchstimme begeisterte schon Guns ‚n’ Roses, er spielte auch im Vorprogramm von Deep Purple – ein klassischer Fall von „Immer ganz kurz vor dem internationalen Durchbruch“.

Und der Song? Es ist nicht gerade „November Rain“, aber mindestens eine B-Seite von Bon Jovi. Endlich schickt Albanien mal keine Schmachtballade, sondern eine vergleichweise harte Nummer. Der Finaleinzug war dann aber doch eine Überraschung.

Top-Ten-Chance? Wollen wir mal nett sein: Top 15 vielleicht.

Australien: Jessica Mauboy„ We Got Love“

Wer ist das? 2014 schrieb sie ESC-Geschichte: Als Pausenact im zweiten Halbfinale in Kopenhagen trat de Australierin als erste nichteuropäische Künstlerin beim ESC auf, 2015 dann nahm Australien erstmals regulär teil. Nun also darf die „australische Beyoncé“ selbst ran.

Und der Song? Leider nur durchschnittliche Partyware, allerdings energisch vorgetragen von einer Frau, die für die Bühne geboren ist. Für den unwahrscheinlichen Fall eines australischen Sieges hat die Europäische Rundfunkunion festgelegt, dass der nächste ESC nicht Down Under, sondern in Europa ausgetragen würde.

Top-Ten-Chance? Australien? Immer. Schon der Sympathiepunkte wegen.

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Bulgarien: Equinox, „Bones“

Wer ist das? Sängerin Zhana Bergendorff gewann 2013 bei „X Factor“ in Bulgarien – für den ESC versammelt sie vier düstere Herren um sich, die entfernt an Tim Mälzer, Zlatan Ibrahimovic, Will.i.am und Will Smith erinnern.

Und der Song? Mystisches Geschwurbel zu Kinderrap und einem Schuss Rag ’n’ Bone Man: Ethno-Pop kommt traditionell gut beim ESC – man erinnere sich an Ruslanas „Wild Dances“, ihren Siegersong für die Ukraine.

Top-Ten-Chance? Nein.

Dänemark: Rasmussen, „Higher Ground“

Wer ist das? Das ist nicht Barbarossa und nicht Klaus Störtebeker, das ist Rasmussen - ein dänischer Wikinger, herabgestiegen ins Land der Weicheier, um denen Warmduschern mal zu zeigen, wo musikalisch der Hammer hängt. Der rothaarige Rauschebart ist eine mächtige Erscheinung. Über seinen Finaleinzug freute er sich dann aber wie ein kleiner Junge. So sind sie, die Wikinger: außen rau, aber schnell Pipi in den Augen.

Und der Song? Ein düsteres Seefahrerepos, das schwer nach hohen Wellen, halb leeren Rumfässern und knatternden Segeln klingt. Gegen Rasmussen sind die Jungs von Santiano eine Disneylandkapelle.

Top-Ten-Chance: Nein. Schon der Finaleinzug war eine Überraschung.

Deutschland: Michael Schulte, „You Let Me Walk Alone“

Wer ist das? Buxtehuder Bub singt im heimischen Wohnzimmer für eine wachsende YouTube-Fangemeinde: Die Popstarwerdung von Michael Schulte entspricht voll dem Zeitgeist. 14 Jahre alt war er, als sein Vater starb. Jeder ESC-Kommentator wird diese Story erwähnen. Und die Familienfotos auf der Bühnenprojektion sind sehr emotional. Das Gesamtpaket aus Deutschland ist endlich mal stimmig.

Und der Song? Beherzte Ballade über ein trauriges, aber eben menschliches Thema. Schultes Auftritt vor projizierten Schlüsselworten und Vater-Kind-Bildern ist edel inszeniert und hat einen Schuss Ed-Sheeran-Charme. Es soll Gänsehaut gegeben haben in den Proben.

Top-Ten-Chance? Die deutsche Delegation träumt davon, mal wieder auf der „linken Seite“ der Punktetabelle aufzutauchen (Plätze 1-13). Tipp: Gutes Mittelfeld.

Estland: Elina Nechayeva, „La Forza“

Wer ist das? Es lebe das Trickkleid! Nicht nur mit ihrem Zehnkampf von einer Arie beeindruckt die schmale Estin, sondern auch mit dem größten Kleiderradius der ESC-Geschichte. Es geht textilmäßig in die Breite und stimmlich ziemlich hoch hinaus. Also besser die Weingläser ein Stück vom Fernseher abrücken.

Und der Song? Klassisches Oper-Pop-Crossover-Geknödel einer Kampfsängerin mit Glockenstimme, großem Ehrgeiz und guten Chancen auf die Top Ten. Sie singt weder auf Englisch noch auf Estnisch – sondern auf Italienisch. Oper halt.

Top-Ten-Chance? Aber hallo! Große Oper, noch größeres Kleid. Da geht was.

Finnland: Saara Aalto, „Monsters“

Wer ist das? Saara Aalto ist in Finnland eine gewichtige Stimme im Pop. Sie hat die Ochsentour hinter sich: Musicals, Galas, Casting-Shows. Und sie arbeitet als Synchronsprecherin, etwa als Elsas Schwester Anna in der finnischen Ausgabe von Disneys Prinzessinnenhit „Frozen“. Seitdem trägt sie den Stempel „die finnische Eiskönigin“. Gibt Schlimmeres. Sie lebt mit ihrer Lebensgefährtin Meri in London. Die war zunächst nur ein Fan – man lernte sich bei einem „Meet and Greet“ kennen. Jetzt sind Star und Fan ein Paar. Davon träumen Robbie-Williams-Fans.

Und der Song? „Epic Love Pop“ nennt Saara Aalto ihren Stil, ein bisschen David Guetta, ein Schuss Erasure, viel Clubdiscobeat, etwas Ballermann – fertig ist ein fieser Ohrwurm, der einfach nicht mehr aus dem Kopf verschwindet.

Top-Ten-Chance? Eher gutes Mittelfeld.

Frankreich: Madame Monsieur, „Mercy“

Wer ist das? Émilie Satt und Jean-Karl Lucas lernten sich 2008 in einer Kneipe kennen. Es folgten: Liebe, Ehe, gemeinsames Musizieren. Ihr Song „Mercy“ erzählt die Geschichte eines fiktiven Flüchtlingskindes, das auf einem Boot im Mittelmeer geboren wurde. Große Bühne, großes Thema, großes Pathos. Am Ende ’n büschn dicke, was die französische Evita da herum pathetisiert. Der ESC ist nicht die UN-Vollversammlung.

Und der Song? Ein minimalistischer Humanismusappell. Keine Show, kein Getanze, keine Pyroeffekte, schwarze Klamotte. Frankreich meint es ernst. So ernst wie zuletzt Jamala aus der Ukraine mit „1944“. Und die hat gewonnen.

Top-Ten-Chance? Ja, weil es ohne Moralholzhammer um ein Herzensthema geht.

Großbritannien, SuRie, „Storm“

Wer ist das? Susanna Marie Cork war vor drei Jahren noch Backgroundsängerin beim belgischen ESC-Kandidaten Loic Nottet – und 2017 musikalische Leiterin beim fulminanten Song der Belgierin Blanche („City Lights“). Beide erreichten Platz vier. Nun darf sie selber ran und soll Großbritannien aus der ESC-Hölle der Erfolglosigkeit holen. Dort schmoren die Engländer seit Jahren an der Seite der Deutschen.

Und der Song? Aus einer artigen Klavierballade wird ein tanzbares Soul-Stückchen. Starke Stimme, aber sehr glatter Song. Sturm geht anders.

Top-Ten-Chance? Eher friert die Hölle zu.

Irland: Ryan O’Shaughnessy, „Together“

Wer ist das? Irlands große Erfolge beim ESC liegen ungefähr tausend Jahre zurück. Spätestens seit das Land in seiner Not mit einem verwirrten Gummihuhn auftauchte, gilt Irland als hoffnungsloser Fall. Kurz hieß es, Sex-Pistols-Sänger Johnny Rotten (62) wolle 2018 für Irland ins Rennen gehen – stattdessen entschied man sich nun für das Gegenteil eines Punk-Rebellen: Der brave Ryan O’Shaughnessy singt ein artiges Liedlein über die Liebe und fällt damit durchaus auf zwischen all den osteuropäischen Krawall-Diven.

Und das Lied? One Direction meets Take That – ein Hauch von Boygroup-Romantik rührt die Herzen der ESC-Gemeinde. Traditionelle Singer/Songwriter-Ballade mit Potenzial.

Top-Ten-Chance? Nach drei Guinness vielleicht. Aber die Jurys mögen Irland. Und deren Wertung zählt zur Hälfte. Prognose: Mittelfeld.

Israel: Netta, „Toy“

Wer ist das? Netta Barzilai ist eine voluminöse Naturgewalt, die in diesem Jahr die Rolle der „Wuchtbrumme mit Herz“ übernommen hat. Netta sieht ihren musikalisch eher durchschnittlich interessanten Titel als Hymne auf das „Erwachen der weiblichen Macht“, Gegacker hin oder her. Es zählt das Gesamtpaket, und das ist dermaßen durchgeknallt, dass es kracht. Und das hilft ja beim ESC.

Und der Song? Tja - was ist das? Nettas elektrisches Popgewitter „Toy“, ein Mix aus Skat-Gesang, HipHop, Loopschleifen, erratischem Hühnertanz und dem Soundtrack eines Polterabends, wird seit Wochen als potenzieller Siegertitel gehandelt und entzieht sich jeder Schubladisierung. Gut so. Spaß macht’s auf alle Fälle. An das erste Gebot des Entertainment also hält sich Netta schon mal: Du sollst nicht langweilen.

Top-Ten-Chance? Top-Five-Chance!

Italien: Ermal Meta & Fabrizio Moro, „Non Mi Avete Fatto Niente“

Wer ist das? „Ihr habt mir nichts antun können“ barmen Ermal Meta und Fabrizio Moro in diesen Anti-Terror-Stück. Es ist der Siegersong des renommierten Musikfestivals von San Remo, Keimzelle der italienischen Songwriterkunst. Düsternis statt Dolce Fare Niente also aus Italien. Wie kommt das bloß, dass die „Big Five“ - die für das Finale gesetzten großen Nationen – sich die düstersten Themen suchen? Deutschland: Tod und Sterben. Frankreich: Flüchtlinge. Italien: Terror.

Und der Song? Kein großes Geknödel wie bei den Unglückstenören früherer Jahrgänge, stattdessen eine einzige staccatohafte Anklage. Ebenso textreich wie gut gemeint. Haarscharf an der Kante zum (offiziell verbotenen) politischen Statement. Aber ohne Siegchance.

Top-Ten-Chance? Unwahrscheinlich.

Litauen: Ieva Zasimauskaitė, „When We’re Old“

Wer ist das? Die Litauerin Ieva sitzt so lange auf dem kalten Bühnenboden herum, bis ihr Ehemann Marius Kiltinavičius höchstpersönlich auf der Bühne erscheint und sie erlöst. Das gilt auch ganz real: Vor Jahren stürzte Ieva in eine tiefe Depression, in der Marius ihr zur Seite stand. Eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte zweier tapferer Kämpfer gegen das Dunkle – das geht immer.

Und der Song: Ballade galore! Ein bisschen Keren Ann, etwas Christina Perri mit „A Thousand Years“. Hach, die Liebe. Schön ist es ja schon, aber eben auch ein bisschen dicke, seine Zweisamkeit vor 120 Millionen Zuschauern so dermaßen abzufeiern.

Top-Ten-Chance? Wenn Ieva nicht vor Aufregung die Töne verhaut, ist ein einstelliger Platz drin.

Moldawien: DoReDoS, „My Lucky Day

Wer ist das? DoReDoS nennt sich das Trio aus zwei Männern und einer Frau, das mit einem bestürzend altmodischen Folklorepopsong antritt, der leicht nach Shakira, Nelly Furtado und Volksfest klingt. Simpel und eingängig, ohne eine einzige originelle musikalische Idee und mit einem lebenden Adventskalender als Bühnendeko.

Und der Song? Hinter „My Lucky Day“ steckt der russische ES-Veteran Philipp Kirkorov, der bereits diverse russische ESC-Hits verantwortete. Russen-Disko aus Moldawien – das gibt ordentlich Stimmen aus den partysüchtigen Ostmetropolen. Zumal Russland selbst ja erstmals im Halbfinale rausflog.

Top-Ten-Chance? Selbstverständlich.

Niederlande: Waylon, „Outlaw In ’Em“

Wer ist das? Eine kleine ESC-Legende. Waylon – bürgerlich Willem Bijkerk – hat sich als Künstlernamen den seines Idols Waylon Jennings verpasst. Als eine Hälfte des Countryduos Common Linnets erreichte er mit dem unvergessenen „Calm After The Storm“ beim ESC 2014 in Kopenhagen einen hervorragenden zweiten Platz – Silber hinter Conchita Wurst. Nun tritt er alleine als Outlaw mit Countryrock an.

Und der Song? Leider nur Countryrock-Dutzendware. Eine selbst geschriebene Ode auf Whiskey, Life on the Road und den Rock ’n’ Roll mit halb entschlossener Bratz-Gitarre. Nun ja. Das ist hübsch altmodischer Nashville-Sound, irgendwo zwischen den Eagles und Bon Jovi. Aber beim ESC wird es ein derart altmodischer Song schwer haben.

Top-Ten-Chance? No, no never.

Norwegen: Alexander Rybak, „That’s How You Write A Song“

Wer ist das? Das ist doch ...?! Hat der nicht ...?! Doch, das ist Alexander Rybak, Eurovisionssieger von 2009 mit „Fairytale“, damals 23 Jahre alt. Neun Jahre später will es der Fiedeltroll von damals noch einmal wissen – mit einer tanzbaren Gebrauchsanleitung für Songwriter. Damit macht er ordentlich auf dicke Hose. Aber seine Chuzpe ist dermaßen sympathisch, dass er zu den Mitfavoriten zählt. Und ja, eine Geige ist auch wieder mit dabei.

Und der Song? Partyspaß für die Kinderdisco – mitreißend und präzise vorgetragen. Singen kann er, Präsenz hat er. Und wenn ihm der Kontinent den Doppelerfolg gönnt, ist ein erneuter Sieg in Reichweite.

Top-Ten-Chance? Wenn er’s nicht vergeigt.

Österreich: Cesár Sampson, „Nobody But You“

Wer ist das? Der Mann möchte gern der österreichische Lionel Richie sein und wirkt wie soeben einem „Kuschelrock“-Album von 1993 entstiegen. Leider fehlt ihm ein Schuss Charisma, was seine samtige Stimme allein nicht ganz auszugleichen vermag. Ebenso wenig das lilafarbene Kunstleder-Baumwoll-Ensemble, das er auf dem Leib trägt. Berufsangabe: Sänger, Coach und Pilates-Lehrer. Das gilt auch musikalisch: von allem ein bisschen.

Und der Song? Kuschelrock aus Österreich! Die ESC-Kernzielgruppe ist hingerissen von dem Österreicher, der Rest nickt amüsiert mit. Der Finaleinzug war eine Überraschung.

Top-Ten-Chance? Wer weiß das schon? Das Glück is a Vogerl! Aber eher: nein.

Portugal: Cláudia Pascoal, „O Jardim

Wer ist das? Leise, melancholisch, hingehaucht – das hat doch schon mal geklappt für Portugal: Cláudia Pascoal tritt als Vetreterin des Gastgeberlandes in die Fußstapfen von Vorjahressieger Salvador Sobral. Auch sie singt auf Portugiesisch – über den Tod ihrer geliebten Großmutter. Für einen unvergesslichen Eindruck aber ist ihre Stimme nicht stark genug.

Und der Song? Lahmes in Landessprache. Ist ja schade mit Cláudias Großmutter, aber den Rest Europas dürfte der bedauerliche Verlust der 23-jährigen mit den blassrosafarbenen Haaren doch eher kaltlassen. Schließlich haben wir ihre Oma nicht gekannt.

Top-Ten-Chance? Der Oma hätt’s gefallen, aber für die Spitze reicht es nicht.

Schweden: Benjamin Ingrosso, „Dance You Off“

Wer ist das? Ein schöner Schwede, der einen schönen Justin-Bieber-Song singt. Also alles wie immer beim schwedischen ESC-Beitrag. Und auch diesmal haben die skandinavischen ESC-Profis einen Ohrwurm kreiert, der klingt wie ein Amalgam aus allen schwedischen ESC-Beiträgen der letzten zehn Jahre. Ingrosso ist der Cousin des schwedischen Top-DJs Sebastian Ingrosso. Und Charlotte Perrelli, die 1999 noch als Charlotte Nilsson den ESC gewann und 2008 beim zweiten Einsatz auf dem 18. Platz landete, war mehrere Jahre mit Benjamins Onkel verheiratet.

Und der Song? Ohne Höhen und Tiefen immer geradeaus. Das klingt ein bisschen nach „Crazy“ von Gnarles Barkley und nach kalter schwedischer Song-Schrauberei. Ein Schokoriegel von einem Song. Süß, aber unbefriedigend.

Top-Ten-Chance? Ja, leider.

Serbien: Sanja Ilić & Balkanika, „Nova deca“

Wer ist das? Balkanika ist eine bis zu 15-köpfige Weltmusik-Combo, die Folk vom Balkan mit Ethno-Klängen von anderswo kombiniert. Beim ESC dürfen maximal sechs Künstler auf die Bühne. Gegründet wurde die Band vom 67-jährigen Sanja Ilić.

Und der Song? „Nova deca“ heißt „Neue Kinder“, es soll eine Hymne an die alten Tugenden des Menschseins sein. Der Text stammt von Ilićs zweiter Ehefrau Tatjana, die in Leverkusen geboren wurde und Alben mit therapeutischer Musik veröffentlicht. Wer sich nach diesem esoterischen ESC-Exkurs nicht besser fühlt, hat selber Schuld.

Top-Ten-Chance? Da hilft kein Zaubertrank. Nein.

Slowenien: Lea Sirk, „Hvala, ne“

Wer ist das? Noch eine Sängerin mit rosafarbenen Haaren. 2014 und 2016 war Lea Sirk schon als Backgroundsängerin im Einsatz – nun steht sie selber an der Rampe. Die Inszenierung allerdings ist überdreht und rätselhaft.

Und der Song? „Danke, nein!“ lautet der Titel des mittelspannenden Elektropop-Songs. Das verführt dazu, selbiges auch zum slowenischen ESC-Beitrag zu bemerken. Und was soll man sagen? Es wäre absolut zutreffend. Leider kein Volltreffer. Im stärkeren ersten Halbfinale hätte sie wohl keine Chance gehabt

Top-Ten-Chancen? Nein.

Spanien: Alfred & Amaia, „Tu Cancíon“

Wer ist das? Kennen Sie auch diese Teenagerpaare, die ihrer Umwelt ungefragt ihre frisch erblühte Liebe aufzwängen? Die sich dermaßen herzhaft bebusseln, dass es zwar irgendwie putzig, aber dann auch ein bisschen penetrant ist? So sind Amaia Romero und Alfred Garcia. Beide wirken wie die Jugendeditionen von Cristiano Ronaldo und Reese Witherspoon und halten sich, sturzverliebt wie sie sind, offenbar für den Mittelpunkt des Universums. Leider bleibt ihre kitschige Liebesschmonzette koffeinfrei und öde.

Und der Song? Eine einzige Behauptung. Schluchz-Ware aus der Konfektionsabteilung des Pop. Chancenlos.

Top-Ten-Chance? Das hat die Liebe nicht verdient.

Tschechische Republik: Mikolas Josef, „Lie To Me“

Wer ist das? In der Probe stürzte der tschechische Sonnyboy schwer, verletzte sich am Rücken – und lässt seitdem ein paar Sprünge aus. Aber auch so irrlichtert er spektakulär über die Bühne als Justin-Timberlake-Ersatz mit Nerdbrille und Bubi-Charme. Und nicht vergessen: Zu Hosenträgern immer Hochwasserhosen tragen, sonst droht beim ESC der Rauswurf!

Und der Song? Matt Damon rappt zu Elektronischem – warum denn auch nicht? Ein paar „Fucks“ mussten vor dem ESC noch gestrichen werden, da versteht die Europäische Rundfunkunion keinen Spaß. Aber allein das Melodie-Motiv der gedämpften Trompete am Anfang geht dermaßen in die Beine, dass Mikolas Josef garantiert in die Top Ten kommt.

Top-Ten-Chance? Wenn das Knie hält... Verzeihung: der Rücken, ist alles drin.

Ukraine: Mélovin, „Under The Ladder“

Wer ist das? Ein glutäugiger Schnösel aus Odessa mit pechschwarz gefärbtem Haar und einem Song, der ihn streckenweise überfordert. Leider kein großer Sänger, aber eine Rampensau. In seiner Freizeit mixt er Parfüm, spielt gern mit Katzen und trägt in seinem rechten Auge eine helle Kontaktlinse. Wenn Alice Cooper schwul wäre, wäre Mélovin sein junges Ich.

Und der Song? Hübsche Tanzware für die Eurodisco nachts in Lissabon, aber auf der großen Bühne dann doch nicht originell genug.

Top-Ten-Chance? Nein. Schade? Nein.

Ungarn: AWS, „Viszlát nyár“

Wer ist das? Eine junge Hardrock-Combo, die sich die Sympathien des Wacken-Open-Airs gesichert hat: Die Festivalmacher riefen alle Heavy-Metal-Fans dazu auf, für AWS anzurufen. Frontmann Örs Siklósi singt übrigens – man merkt’s nicht gleich – über Tod und Sterben. Der Titel heißt übersetzt „Auf Wiedersehen, Sommer“.

Und der Song? Das rummst schon heftig für ESC-Verhältnisse. Für echte Metaller freilich ist AWS nur Pussy-Metal. Aber seit Lordi hat Hardrock seinen festen Platz beim ESC.

Top-Ten-Chancen? Keine.

Zypern: Eleni Foureira, „Fuego“

Wer ist das? Huch? Wie konnte denn das passieren? Kurz vor dem ESC-Finale zog der zypriotische Feuersalamander Eleni Foureira mit ihrem Shakira-artigen „Fuego“ bei den Buchmachern an die Spitze. Die 31-Jährige Eleni, ein Riesenstar auch in Griechenland, verleugnete lange ihre albanischen Wurzeln, erst in jüngster Zeit steht sie dazu. Ethno-Partypower von Ethno-Partypowerfrauen hat schon große ESC-Erfolge gefeiert. „Fuego“ erinnert an Marie N (Lettland), Ruslana (Ukraine), Sertab Erener (Türkei) – allesamt ESC-Siegerinnen. Nächstes Jahr in Nikosia?

Und der Song? Tanzbares für die Urlaubsdisco: Osteuropa liebt unterkomplexen Europop heiß und innig. Eine taugliche Hymne für jedes Sportereignis der Welt. Waka, waka!

Top-Ten-Chance? Ja. Locker.

Von RND/Imre Grimm

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