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Nachrichten Medien Das war die US-Wahlnacht im deutschen TV
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08:29 09.11.2016
Die Wahl des US-Präsidenten war in der Nacht auch ein großes Thema im deutschen Fernsehen. Quelle: ARD/ZDF/CNN/dpa/Montage
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Hannover


22.26 Uhr: Die „Tagesthemen“ senden live aus Washington. Ingo Zamperoni hat sich extra einen Dreitagebart wachsen lassen. Er sieht aus, als graue schon der Morgen. „Was Hillary Clinton gerade denkt, wissen wir nicht“, meldet Korrespondent Stefan Niemann. Recht hat er.

Ingo Zamperoni. Quelle: ARD

22.35 Uhr: Dienstbeginn von Jörg Schönenborn, der Mensch gewordenen Tortengrafik der ARD. Er schafft es, die Worte „volatil“ und „Sexvideo“ in einem Satz unterzubringen. „Wir hängen direkt an den Datenströmen der Amerikaner“, sagt er. Seit der NSA-Affäre muss man sagen: Das gilt auch umgekehrt. Ausnahmezustand bei n-tv: Es läuft etwas anderes als eine Hitler-Doku. Bei CNN sitzen acht Experten mit acht großen CNN-Kaffeetassen.

23.02 Uhr: Das ARD-Wahlstudio in Köln sieht aus wie eine Drachenhöhle in Disneyland. Infotainment-Experte Matthias Opdenhövel kennt sich aus mit Langstreckenfernsehen, er hat „Schlag den Raab“ moderiert. Heute moderiert er „Schlag den Trump“. Seine Kollegin Susan Link zeigt bei Instagram, was man als Wähler dieses Jahr modisch trägt. Diese verrückten jungen Dinger im Internet! Sie wird die Nacht über frisch bleiben. Sie macht sonst Frühstücksfernsehen.

23.06 Uhr: Umschalten zum ZDF. Markus Lanz hat Ute Lemper eingeladen. Schließlich wohnt sie in Amerika. „Wir sind alle sehr müde, was die Wahl angeht“, sagt sie. Nicken im Publikum, jetzt schon.

Markus Lanz diskutiert mit seinen Gästen über die US-Wahl. Quelle: ZDF

23.30 Uhr: „Susan, was ist im Netz los?“, fragt Opdenhövel. Die ARD schaltet ersatzhalber nach Ägypten. Weil sie es kann. Sandra Maischberger ist erkältet und fragt Hannes Jaenicke nach „Dingen unter der Gürtellinie, die man vorher nicht gesehen hatte“. Jaenicke antwortet ausweichend.

23.53 Uhr: „So langsam können wir uns die Hände reiben“, sagt Opdenhövel. Er reibt sich die Hände. Dabei steht der FC Bayern München gar nicht zur Wahl.

0.06 Uhr: RTL steigt in die Wahlberichterstattung ein. Peter Klöppels Klawatte ist Blau-Weiß-Rot. Pfiffig. Bettina Schausten verspricht im ZDF-Hauptstadtstudio „ganz viele Gespräche mit Experten“. Mangel an Vorfreude. Christian Sievers kündigt neue Zahlen ganz dezent per Riesenbimmel an. „Wir werden wohl wachbleiben“, seufzt Schausten. Moderator Jörg Thadeusz rügt Trumps „kleinen Arschlochmund“. Claus Kleber startet in Washington eine Straßentour per Kamera. Die Frisur sitzt.

0.45 Uhr: CNN sieht aus wie Shopping-TV. Statt „Schon 746 Stück verkauft“ steht unten rechts „Next polls close 16:52“. Moderator John Kings „Magic Wall“ kann praktisch alles. In der ARD nervt eine Trump-Expertin das Studiopublikum. Sie wird später behutsam der Gesprächsrunde entnommen.

0.57 Uhr: RTL steigt wieder aus. Es gibt Wichtigeres. In diesem Fall: „Bones – die Knochenjägerin“. Mit der Folge „Bombe im Brustkorb“.

1.30 Uhr: Das ZDF schaltet in Jan Böhmermanns Privatwohnzimmer. Er zeigt Schüsseln voller Chips. Dann bekommt Zuschauerin Dominique ein Mainzelmännchen geschenkt. Sie hat ein Quiz gewonnen. Auf dem Sofa sitzt jetzt Metalmusikerin Doro Pesch. Sie wohnt auch in Amerika. „Da hab ich 1987 mal eine tolle Platte gemacht.“ Kein Raunen geht durchs Publikum. Erste ARD-Studiogäste wirken, als würden sie gern unauffällig in eine Fußbodenritze fließen. „Ich gehe ins Bett“, sagt Innenminister Thomas de Maiziére. Er wirkt erleichtert. Und was macht eigentlich Gayle Tufts, wenn keine US-Wahl ist?

2.05 Uhr: CNN steht grafiktechnisch kurz vor der Explosion. Da fliegen silberne Sterne, da schießen glitzernde Balken empor, weich und bunt wie Weingummi, die Server qualmen. Dazu ein Soundtrack, als säße eine Armee von Trommlern im Keller. Im ZDF das Gegenprogramm: die „Forschungsgruppe Wahlen“. Wann kriegt die endlich ihre erste eigene CD? In der ARD: Schönenborn mit schweren Lidern. Aber selbst wenn jetzt das Universum schmilzt – er weicht nicht ab vom Sendeplan.

2.23 Uhr: Das ARD-Wahlstudio wirkt wie ein Schlafsaal. Leere Blicke. Da war bei „Beckmanns Sportschule“ noch mehr Leben in der Bude. Die ARD-Gleichung dieser Nacht: Politologen-Schulfunk plus end- und lebloser Talk gleich Umschalten zu CNN.

3.22 Uhr: Für n-tv steht Christina Endruschat sehr aufgeregt am Times Square und befragt sehr wenig aufgeregte Passanten: „Excuse me, what do you feel?“ Ja. Ähm. Man sitzt da halt so und wartet, nicht? Schon doll, dieses Amerika.

3.36 Uhr: In der ARD spricht Maischberger über den „dritten Weltkrieg“. Historiker würden sagen: „too close to call“. Schönenborn hat gerade keine Zahlen. Er meldet sich trotzdem. „Ich melde mich, weil ich nichts zu sagen habe“, sagt er übermütig. Der Schlingel.

3.51 Uhr: Eva-Maria Lemke, im ZDF zuständig fürs Lockere, interviewt einen Twitterexperten. „Trump versteht Twitter“, findet der. Bisher habe er 282 Leute beleidigt. RTL ist wieder dabei. Klöppel muss sich seinen Schreibtisch mit n-tv-Mann Christoph Teuner teilen. Er wirkt unglücklich. „Virginia ist gemeldet! Regie! Regie!“, ruft jemand.

4.33 Uhr: Die Webseite der kanadischen Einwanderungsbehörde ist nicht zu erreichen. Auch die Google-Livestatistik zeigt, was Amerikaner gerade suchen: „Move to Canada“.

5.21 Uhr: „Das politische Berlin sortiert sich“, sagt Tina Hassel in der ARD. Dabei schläft es noch. John King zeigt bei CNN, wie der Ort Kalamazoo gewählt hat. CNN-Veteran Wolf Blitzer ist irritiert. Kalamawhat?

5.30 Uhr: Erstmals steigt Sat.1 in die Wahlberichterstattung ein. Man ist schließlich ein Vollprogramm. Jörg Schönenborn eskaliert. Seine linke Augenbraue hebt sich um bis zu zwei Millimeter.

6.26 Uhr: Hillary Clinton führt in New Hampshire mit 18 Stimmen. Achtzehn. Stimmen. Jörg Thadeusz fasst zusammen: „Wenn Leute Idioten sind, sind sie Idioten.“ Applaus im Studio. Einige sind noch wach.

7.01 Uhr: Das ZDF beendet „Die Nacht der Entscheidung“ ohne Entscheidung. Die Ergebnisse aus vier Staaten fehlen noch. Die Frühschicht vom „Morgenmagazin“ übernimmt. Keine Spur von Claus Kleber.

Und die Bilanz dieser Nacht? ARD und ZDF ist die schwierige Balance zwischen Emotion und Fakten, zwischen Entertainment und Information nicht gelungen. Fernseh-Graubrot. Was hülfe: Weniger Dauertalkshow, weniger Biederkeit, weniger Gravitas. Mehr nerdhafte Freude an Datenströmen, mehr edle Optiken, mehr politische Pyjamaparty, mehr aktuelle Analyse statt Plattitüden und Vorverurteilungen. Es ist möglich, selbst aus einer solchen Wahlnacht spannendes Fernsehen zu machen. CNN hat es gezeigt.

Von RND/Imre Grimm

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