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Medien Der Lausejunge aus der Südvorstadt - Journalist Uwe Siemon-Netto legt Memoiren vor
Nachrichten Medien Der Lausejunge aus der Südvorstadt - Journalist Uwe Siemon-Netto legt Memoiren vor
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23:59 06.03.2015

Das reicht eigentlich für mehrere Journalisten-Leben. So einer kann viel erzählen. Mauerbau, Vietnam-Krieg, die wilden 60er Jahre. Aber auch ein Weltbürger hat eine Heimat. Kindheit, Erinnerungen an die ersten Freunde, die geliebte Großmutter als Mittelpunkt der Familie.

"Heimweh plagte mich, seit ich Leipzig mit zehn Jahren verlassen musste", schreibt er quasi als eine Art Liebeserklärung an seine Geburtsstadt im Buch "Griewatsch! Der Lümmel aus dem Leipziger Luftschutzkeller" (Fontis-Verlag Basel). Die Vita des bekennenden Leipzig-Liebhabers erscheint in diesen Tagen, zur Buchmesse stellt er sie vor. Der anekdotenreich erzählende Siemon-Netto wird sie auch im LVZ-Verlagshaus präsentieren (13. März, 17 Uhr). Unterhaltungswert ist garantiert, wenn er über seine zuweilen komplizierte Liebe zur Sachsen-Metropole ins Plaudern gerät.

Bomben-Inferno beendet Kindheit

Siemon-Netto wächst in der Südvorstadt auf. Der "Griewatsch" (sächsisch für Lausejunge) wohnt am Sophienplatz (heute Shakespeareplatz), sein Kiez liegt zwischen Südstraße (Karl-Liebknecht-Straße) und Kaiserin-Augusta-Straße (Richard-Lehmann-Straße). Das ist damals nicht das edelste Leipzig, eher ein Biotop vieler sozialer Schichten. Wobei Klein-Uwe von der Herkunft einen klaren Stempel hat. Als Sohn einer jungen Konzertsängerin und eines reiferen Staatsanwalts, der durch eine Kriegsverletzung erblindet war, entstammt er dem klassischen Leipziger Bürgertum. Thomaskirche, Bach, Gewandhaus - das sind die musischen Eckpfeiler des Lausejungen aus besserem Hause. In den Ferien geht es mit französischem Kindermädchen an die Ostsee.

Die bürgerliche Idylle endet für den Jungen abrupt, als Leipzig am 4. Dezember 1943 schwer bombardiert und sein Elternhaus ein Opfer der Flammen wird. Eine Apokalypse, die sein Lieblingsmaler Max Beckmann nicht finsterer hätte malen können, wie Siemon-Netto schreibt. "Hinter mir züngelten rote Flammen von unserem Dach und aus der vierten Etage, während der entzündete Flüssigphosphor die Hausfassade giftgrün illuminierte." Für den Siebenjährigen, der es in dieser Nacht schafft, seinen blinden Vater sicher durch die brennende Stadt zu führen, ist die unbeschwerte Kindheit damit vorbei.

Drei Jahre in Leipzig liegen da noch vor ihm. Eine Zeit zwischen jugendlichem Aufbruch und politischen Zwängen. Der Untergang des NS-Reiches, Besetzung durch die Amerikaner, Übergabe an die Russen und die Anpassungen an die neuen Machthaber - das alles, unterhaltsam aus dem Blickwinkel eines Heranwachsenden geschrieben, vermittelt über die Stadt hinaus auch den Atem der Weltgeschichte.

Zonenflüchtling fremdelt in Hamborn

Wenn er etwa von seiner zärtlichen Begegnung mit Natascha schreibt, der Tochter eines russischen Majors mit christlichem Hintergrund. Stalin hatte mit den ungeliebten Christen einen taktischen Frieden geschlossen, so lange der Krieg währte. Ende 1945 wurden über Nacht alle christlichen Sowjet-Offiziere samt Familien nach Sibirien deportiert. Und so stand der Neunjährige völlig unvermittelt vor einer leeren, zwangsgeräumten Gohliser Villa. Betrogen um die erste zarte Liebe seines Lebens.

Es sollte nicht seine letzte schmerzhafte Erfahrung mit den neuen kommunistischen Machthabern werden. Schnell merkt die Familie, dass ein Junge aus gutbürgerlichem Haus mit kirchlichem Hintergrund im Prinzip keine Zukunftschance in Leipzig hat. Doch erst als das "Bürgersöhnchen" trotz bester Prüfung nicht an der Thomasschule angenommen wird, ist das Maß voll. Der Entschluss seiner Familie steht fest: Der Junge muss in den Westen. Flucht über den Harz, Neuanfang in Ulm, Trennung der Eltern und schließlich die Waldorfschule auf Schloss Hamborn (Westfalen) als Exot und Esoteriker. Der lutherisch-geprägte Zonenflüchtling fremdelt im Westfälischen. Leipzig, die Mutter, die Großmutter - alle weit weg. Diese Sehnsucht wird ein ganzes Leben anhalten.

Ein Zufall führt ihn zum Journalismus. Nach dem Volontariat bei der Westfalenpost geht es steil bergauf, als junger Reporter für die Nachrichtenagentur AP berichtet er vom Mauerbau in Berlin, er erlebt den Vietnam-Krieg in Saigon, arbeitet beim Springer-Verlag und beim Stern. Als "Geo"-Reporter kehrt er 1978 nach Leipzig zurück. Der Schock über den Verfall sitzt tief, die Stasi reagiert humorlos - Einreiseverbot für immer.

Den Fall der Mauer erlebt der Ex-Mauer-Reporter vor dem Fernseher in San Francisco. Kurz darauf ist er wieder da, schreibt für "Bild" die Serie "Mein armes Leipzig". Sein Herz blutet. "Wer hat Euch das Recht gegeben, dieses Herz der Alten Welt in ein deutsches Harlem zu verwandeln?", wütet er gegen die Genossen. Seine Polemik nimmt er heute keinen Millimeter zurück. Obwohl er längst seinen Frieden mit Leipzig geschlossen hat. Neue Freunde, alte Familienbande und der wiedererwachte Bürgerstolz stimmen ihn zufrieden. Jedoch nicht so ganz, als promovierter Theologe und Journalist reibt er sich am "politischen Zeitgeist" der Predigten in der Thomaskirche. Das kann er sich leisten, auch wenn da mancher Kirchenfürst der Stadt wenig erbaut sein wird.

Karten für die Lesung mit Uwe Siemon-Netto im LVZ-Verlagshaus (13. März, 17 Uhr) im LVZ Media Store (Höfe am Brühl) und über Ticket-Hotline 0800-2181-050 (gebührenfrei).

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.03.2015

André Böhmer

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