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Medien „Ree, ouch, hey, hm, la!“ – Der ESC-Check
Nachrichten Medien „Ree, ouch, hey, hm, la!“ – Der ESC-Check
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18:04 06.05.2018
Leuchtender Ausweis für die Vielfalt des Pop: Der Norweger Alexander Rybak und die Russin Julia Samoylova. Quelle: Fotos: Andres Putting
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Lissabon

Nein, 2018 war kein gutes Jahr für Musikpreise bislang. Bei den Grammys blieben die Frauen auf der Strecke, beim Echo blieben Anstand und Würde auf der Strecke, und alle anderen Trophäen teilten sich Ed Sheeran und Bruno Mars, während der Rest der Welt von Abba träumt. Nun also: der 63. Eurovision Song Contest (ESC) in Lissabon. Kann der europäische Popzirkus mit seinen 43 Teilnehmern am Sonnabend ab 21 Uhr die Ehre der Musik retten? Wird der ESC zum leuchtenden Ausweis für Vielfalt, Reichtum und Erneuerungskraft des zeitgenössischen Pop? Spoiler-Alarm: Nein, wird er nicht. Aber lustig wird’s trotzdem.

Warum überhaupt Lissabon?

Weil das portugiesische Herzchen Salvador Sobral 2017 in Kiew mit seiner Hauchballade „Amar Pelos Dois“ einen kontinentalen Schutzreflex auslöste, der ihn und seine entzückende Schwester kurzzeitig zum populärsten Wuschel seit Knut, dem Eisbären, machte. Die gute Nachricht: Der 28-Jährige hat seine schwere Herzkrankheit überstanden. Seit September 2017 wartete er im Krankenhaus auf ein Spenderherz, kurz vor Weihnachten erhielt er endlich ein neues Organ implantiert. Zunächst versagten die Nieren, doch er schaffte es. Am 23. April stand er wieder auf der Bühne. Und auch beim ESC wird er auftreten – als Pausen-Act an der Seite der brasilianischen Musiklegende Caetano Veloso (75).

Und was gibt’s sonst zu sehen und zu hören?

Powerballaden, überraschend viel Halblahmes in Landessprache, düstere Kommentare zum Zeitgeschehen, Powerballaden, depressive Disney-Prinzessinnen mit totgebotoxten Stirnen, Powerballaden, Schulhof-Bitches, Disco-Haubitzen und montenegrinisches Geknödel. Und Powerballaden.

Wo bleibt das Positive?

Als haushohe (und nicht minder breite) Favoritin gilt die israelische Sängerin Netta Barzilai mit ihrem coolen Loop-Song „Toy“, optisch ein Mix aus Gayle Tufts und Beth Ditto, akustisch ein Mix aus „Gangnam Style“, Scat-Gesang und einem abstürzenden Küchenschrank. Textauszug: „Ree, ouch, hey, hm, la.“ Sehr cool und auffällig. Mitfavoriten: der tschechische Timberlake Mikolas Josef mit seiner Elektronummer „Lie to Me“, Schwedens Benjamin Ingrosso (Cousin des Star-DJs Sebastian Ingrosso) mit der Justin-Bieber-B-Seite „Dance You Off“ und Estlands Königin der Nacht Elina Nechayeva mit einer opernhaften Schlachteplatte von einem Song, der „La Forza“ heißt. Nimm das, Nebelmaschine!

Gibt es bekannte Gesichter?

Alexander Rybak ist zurück, der norwegische Fiedeltroll von 2009 („Fairytale“). Mit der „Mambo No. 5“-artigen Funk-Partynummer „That’s How You Write a Song“ will der kaum gealterte Charmebolzen seinen Sieg wiederholen. Die Wettbüros sehen ihn weit vorn. Rybak wäre der erste Doppelsieger seit Johnny Logan (1980 und 1987). Zweite Wiedergängerin ist die querschnittsgelähmte Russin Julia Samoylova. Sie geriet 2017 im politischen Gezerre zwischen Russland und ESC-Gastgeber Ukraine zwischen die Räder. Nun gibt’s trotz brüchiger Stimme und ödem Durchhaltesong („I Won’t Break“) einen zweiten Versuch. San Marino tritt dafür erstmals seit ungefähr 1000 Jahren ohne Ralph Siegel an – und klingt noch lahmer als mit. Das muss man erst mal schaffen.

Wer gewinnt denn beim ESC?

Statistisch gesehen sind Solosängerinnen im Vorteil: Unter den 65 ESC-Siegern (1969 gab es gleich vier) sind 36 Künstlerinnen, 17 Duos und Bands, zehn Männer und die beiden Transkünstlerinnen Dana International und Conchita Wurst. Das Teilnehmerfeld 2018 ist ausgewogen wie selten: 14 Duos oder Bands, 14 männliche und 15 weibliche Solokünstler.

Welche Rolle spielt die Politik?

Friedenshymnen allerorten! Die Italiener Ermal Meta & Fabrizio Moro, Sieger des Festivals von San Remo, singen in „Non Mi Avete Fatto Niente“ von den jüngsten Terroranschlägen. Die Franzosen Monsieur Madame erzählen in „Mercy“ die Geschichte eines Kindes, das auf einem Flüchtlingsboot im Mittelmeer geboren wird, silber-goldene Rettungsdecken im Video inklusive. Die Maltesin Christabelle wirbt in „Taboo“ für Toleranz für psychisch Kranke. Und das Geschwister-Duo Zibbz aus der Schweiz singt über Cybermobbing, allerdings garantiert nur bis zum Halbfinale. Der ESC hält einen Schuss Symbolik aus, aber zu stumpf darf’s nicht werden. Beruhigend: In 20 von 43 Songs geht es auch 2018 um die Liebe.

Und was geht gar nicht?

Wo anfangen? Spaniens (echtes) Knutschpärchen Alfred & Amaia ist so dermaßen verknallt, dass es nervt wie erglühte Teenager. „Du bist die Kunst, die meine Haut versüßt!“ Ernsthaft? Wandtattoos sind origineller. Vieles simmert 2018 blubbernd vor sich hin wie Szegediner Gulasch. Ach, Abba.

Und Deutschland?

Ach, Deutschland. Michael Schulte aus Buxtehude singt in „You Let Me Walk Alone“ über seinen toten Vater. Schon wieder melancholische Besinnungslyrik aus Deutschland. Auch Ungarn und Portugal singen über Tod und Sterben. Sollte dem Kontinent der Sinn nach Familie stehen, hat Schulte gute Chancen, die Elendsbilanz der letzten Jahre aufzupolieren (zweimal Letzter, einmal Vorletzter). Ist Europa allerdings im Partymodus, sieht es wieder übel aus. Deutschland ist als großer Geldgeber neben England, Italien, Spanien und Frankreich fürs Finale gesetzt. Der ESC kostet die ARD übrigens etwa 400.000 Euro pro Jahr, also halb so viel wie ein einziger „Tatort“. Da geht’s ja auch viel um Tod und Sterben.

Wie ist der Zeitplan?

Das erste ESC-Halbfinale geht am Dienstag über die Bühne, das zweite am Donnerstag. Das Finale mit 26 Startern beginnt am Sonnabend, 12. Mai, um 21 Uhr (live in der ARD). Zuschauer und nationale Jurys entscheiden je zur Hälfte. In der deutschen Jury sitzen die Songwriterin Lotte, Schlagerikone Mary Roos, Revolverheld-Manager Sascha Stadler und die Sänger Mike Singer und Max Giesinger, der mit Kumpel Michael Schulte mehrere Jahre lang in einer WG auf St. Pauli lebte.

Von Imre Grimm

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