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07:48 20.09.2016
Glück zum Blättern. Quelle: dpa
Hannover

Manchmal ist es so einfach, aus einer alten Poesiealbumweisheit ein Mantra für den neuen Zeitgeist zu gewinnen. Aus dem Bild einer verwelkten Physalis leitet Chefredakteurin Anne Hoffmann im Editorial des Magazins „Herzstück“ die Ermunterung ab, dass man unter dem äußeren Erscheinungsbild nach dem schönen Kern suchen möge. Dieser Sinnspruch bringt wie die großbuchstabige Titel-Begrüßung „Schön, dass es dich gibt!“ auf naive Weise die Philosophie einer wachsenden Gruppe von Magazinen auf den Punkt. Sie feiern mantrahaft Wohlfühlmomente („Wann haben wir zuletzt in ein Stück Wassermelone gebissen?“, „Herzstück“) und die Hingabe an das Ich („Liebe dich selbst“, „Happinez“). Immer geht es darum, die frei werdenden Hirnkapazitäten für kreative Visionen zu nutzen.

Mehr als 20 dieser sogenannten „Mindstyle“-Magazine gibt es bereits auf dem deutschen Markt, die sich vor allem an Frauen zwischen 25 und 45 Jahren richten. Das neue Segment auf dem Zeitschriftenmarkt verkauft rund eine halbe Million Exemplare. Stephan Scherzer, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger, rechnet mit einem weiteren Wachstum um 100 Prozent.

Veganes Essen statt Vietnamkrieg-Rebellion

Marktführer ist das Magazin „Happinez“ aus dem Bauer-Verlag mit einer Auflage von rund 130 500 Exemplaren. Das Hippiehandwerk Batik wird hier als „Lektion in Hingabe“ aufgepeppt, „Alice im Wunderland“ als Vorbild für „Sinnsuche“ verkauft. Im Webshop gibt es den passenden Armreif zum Lebensgefühl oder „Handschmeichler-Herzen“ aus Rosenquarz.

Der Mensch als Manufaktur seiner selbst Quelle: dpa

Zwar erinnern die Mindfulness-Magazine in ihrer oft esoterischen Anmutung und ihrer Barfußattitüde an den Geist der Blumenkinder, anders als die 68er sind sie aber apolitisch. Veganes Essen statt Vietnamkrieg-Rebellion. Es ist das Pendant zum Ausmaltrend für Erwachsene – Lesestoff für Menschen, die bei Dawanda selbst gebastelte Handyhüllen mit Eulenmotiv oder Designer-Gartenhandschuhe mit passender Gießkanne verkaufen oder in Foodblogs nach dem perfekten Menü fahnden. Die Magazine reagieren auf ähnliche Bedürfnisse wie die „Landlust“ und ihre Nachahmer.

Sie begreifen den Einzelnen als Manufaktur seiner selbst und nicht als Variable im unübersichtlichen Datenstrom des Internetzeitalters. Wenn der Beruf dem Einzelnen immer öfter Neuanfänge aufzwingt, wächst die Sehnsucht nach Erdung, nach verlässlicher Heimeligkeit. Die Soziologin Cornelia Koppetsch hat diese Massenflucht in das Biedermeier beispielsweise in ihrem Buch „Die Wiederkehr der Konformität“ beschrieben.

Reizüberflutung dank Dauererreichbarkeit

So zelebrieren die Magazine die bewusste Loslösung vom großen Netz, das uns mit Smartphone und Wochenenderreichbarkeit ständig im Griff hält und mit Reizen überflutet. So laden die Magazine dazu ein, das Handy auf lautlos zu stellen und eine „Balance zwischen Apple, Amazon und der eigenen Achtsamkeit“ („Ma Vie“) zu finden.

Achtsamkeit, das ist jenes Modewort, das eine Art Selbstmitgefühl propagiert: den bewussten Umgang mit der eigenen Zeit, dem eigenen Körper und den im Unterbewusstsein schlummernden Wünschen. Es ist typisch deutsch, für diese Rückbesinnung auf sich selbst ein angestrengtes Wort wie „Achtsamkeit“ zu finden. Das klingt nach Verpetzen des Nachbarn oder Strebertum im Unterricht. Passend dazu gibt es jetzt sogar ein „Achtsamkeitsübungsbuch“. Mit „Sei gut zu dir“-Stickern und „Schöne Momente“-Kärtchen wird hier in Waldorfmanier dem Zeitgeist gehuldigt. Es handelt sich dabei um einen Ableger der Zeitschrift „Flow“, dessen niederländisches Original ein Pionier der Mindstyle-Magazine ist.

Ein Plädoyer fürs langsame Lesen

Der deutsche Ableger erscheint bei Gruner + Jahr und knüpft optisch an die Flowerpower-Zeit und an Kleine-Mädchen-Träume an. Mit der Anleitung zum Bau einer Pinnwand wird an den Hang der Achtsamen zum Heimwerkeln appelliert. Entschleunigung – dieses Zauberwort einer von Effizienzdenken und Selbstoptimierung gegeißelten Gesellschaft – zelebriert die „Flow“ zum Beispiel mit einem Plädoyer fürs langsame Lesen, was sich in der englischen Übersetzung („Slow Reading“) noch mehr wie ein Trend anhört. Das Magazin „Emotion Slow“ schlägt schon dem Namen nach in dieselbe Kerbe, die britische Zeitschrift „Delayed Gratification“ verbreitet Nachrichten erst mit wochenlanger Verzögerung. Auch das haptische Umblättern der Magazinseiten gehört dazu – weil es eine bewusstere Handlung als das schnelle Klick-Klick im Internet ist.

Selbst die Anhänger teurer Küchenmaschinen werden auf dem Zeitschriftenmarkt bedient: Die 10 000er-Startauflage von „Mein Thermo“, dem Magazin zum Thermomix aus dem Haus Falkemedia, war innerhalb einer Woche vergriffen. 6000 Leser schlossen ein Abo ab. Die „Flow“-Fans würden angesichts des hier propagierten Einheitsbreikochens aber wohl nur die Nase rümpfen.

Von Nina May

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