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Die Geschichte einer deutschen Showkarriere wie es sie nie wieder geben wird

Die Geschichte einer deutschen Showkarriere wie es sie nie wieder geben wird

Er ist der letzte große Fernseh-Entertainer, aber selbst seine Zeit scheint abgelaufen: Als sich Thomas Gottschalk Ende 2011 von „Wetten, dass ...?“ verabschiedete, verließ er ein Schiff, dessen Untergang längst absehbar war.

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Thomas Gottschalk

Quelle: dpa

Leipzig. Der Unfall des Wettkandidaten Samuel Koch ein Jahr zuvor hatte ihm, wie er in seiner frisch erschienenen Autobiografie zugibt, den Notausgang aus der Show geöffnet.

Anschließend floppte im Ersten seine Vorabendplauderei „Gottschalk Live“, und auch das nicht ohne Torschlusspanik eingegangene Engagement an der Seite Dieter Bohlens in der RTL-Castingshow „Das Supertalent“ entpuppte sich als falsche Entscheidung. Am 18. Mai wird Thomas Gottschalk 65. Der Zeitpunkt für seine Autobiografie mit dem treffenden Titel „Herbstblond“ ist perfekt gewählt. Einerseits ist ihm klar, dass das Fernsehen, mit dem er und seine Zuschauer aufgewachsen sind, keine Zukunft mehr hat, weshalb sein „Verfallsdatum als Showmaster“ exakt zum richtigen Zeitpunkt komme. Andererseits ist er selbstverständlich nach wie vor einer der populärsten Deutschen. In seinen ohne „professionellen Hilfsdichter“ entstandenen Memoiren erinnert er sich mit einem Seufzen zwischen den Zeilen an die Zeit bis Mitte der Neunzigerjahre, als das Fernsehen für alle Mitarbeiter ein „Meer der Glückseligkeit“ gewesen sei: „Die Leute guckten, was gesendet wurde“, Einschaltquoten gab es erst nach einer Woche, und er durfte „den größten Dampfer der deutschen Unterhaltungsgeschichte“ zu einer Zeit steuern, „als alle noch Schiffsreisen machen wollten“. Heute würde eine Sendung wie „Wetten, dass ...?“ mit ihrem anfangs recht komplizierten Regelwerk umgehend eingestellt. In den Achtziger- und Neunzigerjahren aber sei die Show das perfekte Lagerfeuer für Jung und Alt gewesen: „Jeder Enkel kannte Inge Meysel, jeder Opa Michael Jackson.“

Heutzutage sei die Showbranche „atomisiert“, schreibt Gottschalk ohne Larmoyanz: Heidi Klums „Topmodels“ hätten eine Halbwertszeit von zwei Monaten, der aktuelle „Dschungelkönig“ sei schon nach zwei Wochen wieder vergessen. Vor allem aber lebe das junge Publikum mittlerweile in einer völlig anderen Welt als das ältere; es sei daher nicht mehr möglich, „einen Deckel über beide zu stülpen und sie damit auf dem Fernsehsofa kurzfristig wieder zu vereinen“.

Trotz einer gewissen Wehmut sind Gottschalks Ausführungen exakt so, wie man ihn kennt: heiter, beschwingt und flapsig, aber durchaus auch nachdenklich. Er stellt sich zwar getreu seinem Lebensmotto „Hauptsache lustig“ als menschgewordene fröhliche Botschaft dar, hat aber immer wieder bewiesen, dass er auch anders kann. Gerade die Schilderungen der Kindheit in Kulmbach, wo der kleine Thomas trotz des frühen Todes seines Vaters in „behüteter Sorglosigkeit“ aufwuchs, sind allerdings ausgesprochen witzig. Ähnlich vergnügt lesen sich die Erinnerungen an die frühen Jahre beim Radio des Bayerischen Rundfunks, als er als Paradiesvogel und Dampfplauderer viel frischen Wind in den bis dahin ziemlich verstaubten Hörfunk brachte; im Rückblick und „die unbeschwerteste und beruflich glücklichste Zeit“ seines Lebens.

Mitte der Siebzigerjahre gab es dann erste Ausflüge ins Fernsehen, wo sich Gottschalk schließlich mit der Anrufspielshow „Telespiele“ etablierte. Später wechselte er zum ZDF. Das Zweite – „man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen – habe damals „der Hauch des Progressiven“ umweht. In der Talk- und Musikshow „Na so was!“ empfahl er einer leicht bekleideten älteren Turnerin, sie möge sich nicht „die Eierstöcke verkühlen“, was prompt zu einem kleinen Skandal führte, schließlich wurden ARD und ZDF damals von „griesgrämigen Bedenkenträgern“ dominiert. 1987 folgte der Ritterschlag, als Frank Elstner ihm „Wetten, dass ...?“ anvertraute und er die Sendung zur größten Show Europas machte; der Rest ist Fernsehgeschichte.

Die Karriere macht jedoch nur eine Hälfte von „Herbstblond“ aus. Im zweiten Teil geht es um den Menschen Gottschalk und seine Haltung zu Geld, Ruhm, Familie und Religion. Auch hier überwiegt der heitere Tonfall, selbst wenn es mitunter durchaus ans Eingemachte geht. Der Mann ist und bleibt eben ein Entertainer. Und ein ausgezeichneter Erzähler obendrein.

Thomas Gottschalk: „Herbstblond – die Autobiografie“. Heyne Verlag, München, 368 Seiten, 19,99 Euro.

Tilmann P. Gangloff

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