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09:27 12.12.2016
Alter Hut für Empörungsjunkies: Steffen Hallaschka ist Moderator von „Der heiße Stuhl“. Quelle: Foto: RTL
Köln

Es gab mal eine Zeit, da existierten für Erregungen jeder Art nur Orte von beengender Privatheit: der Stammtisch etwa oder Kantinen jeder Art. Für „Empörungsjunkies“, wie der Medienforscher Bernhard Pörksen die Bewohner des anonym zeternden Internets nennt, wären da selbst die späten Achtzigerjahre ein Sperrgebiet blockierter Triebabfuhr gewesen. Neben der offen zeternden „Bild“ gab es schließlich nur einen Ort, um mal so richtig Dampf abzulassen: den „heißen Stuhl“.

Für Spätgeborene, Professorenkinder und Digital Natives zur Erläuterung: Am Beginn der Empörungsjunkiekultur, als die Privatsender den gebührenfinanzierten Platzhirschen mit Tabubrüchen noch das Sofa heiß machten, war der „heiße Stuhl“ ein raketenförmiges Drahtgestell. Auf das setzte RTL ab Januar 1989 alle zwei Wochen einen mehr oder minder Prominenten, der möglichst knackige Thesen möglichst brachial mit vier bis fünf Gegnern vor ihm ausdiskutierte. Um einen telegenen Streit auflodern zu lassen, der tags darauf in den Kantinen und Stammtischen der Republik nachglühte.

Alexander Schalck-Golodkowski verharmloste auf dem Drahtstuhl die DDR, ein Bischof verteufelte Homosexualität, Rosa von Praunheim outete Alfred Biolek, und auch Angela Merkel saß schon auf dem heißen Stuhl – bis zur letzten von 159 Sendungen im Jahr 1994 war all das noch ziemlich nahrhaftes Fernsehfutter fürs voyeuristische Publikum der analogen Ära, in der sich ein Skandal im Vergleich zur heutigen Ära der sozialen Netzwerke noch eher mühsam anzetteln ließ. Aber heute? „Der heiße Stuhl“ kehrt zurück zum einstigen Tabubrecher RTL. Und man fragt sich: Warum?

Großer Bedarf nach einem weiteren Redeformat besteht angesichts der stattlichen Zahl öffentlich-rechtlicher Talkshows ja eher nicht. Zumal Islamistinnen im Nikab ihr radikales Gedankengut darin längst ebenso laut absondern dürfen wie Neonazis in Nadelstreifen. Dafür ernten sie vom Rest der Runde gern ein kollektives Kontra, wie es die Duellanten des heißen Stuhls einst kaum lauter geäußert hätten. Woran jedoch offenbar reichlich Bedarf beseht, ist die Exhumierung längst verblichener Frühformate des Privatfernsehens.

RTL holt TV-Mumie aus Versenkung

Trotz des Flops der lieblos reanimierten „Traumhochzeit“ vor vier Jahren hat RTL zuletzt die TV-Mumien „Glücksrad“, „Ruck Zuck“, „Jeopardy“ nebst „Familienduell“ aus der Grube geholt und langweilt die Generation Youporn demnächst allen Ernstes mit dem Nackedei-Format „Tutti Frutti“.

Senderchef Frank Hoffmann betont zwar, „von ein paar Wiederauflagen bei RTLplus kann man keine Strategie des Recyclings in der Sendergruppe ableiten“.

Doch die Häufung des Gebrauchtwaren-Entertainments beim Ex-Marktführer zeugt ebenso wie beim früheren „Kanzlersender“ Sat.1 („Herzblatt“) von grassierender Ideenlosigkeit auf einem Markt, den allenfalls noch die frechen Kids von Pro7 bis Vox erfrischen.

Steffen Hallaschka folgt auf Ulrich Meyer

Als Nachfolger von Ulrich Meyer, der bis 1991 die Eskalation im Studio eher fördern als moderieren half, soll Steffen Hallaschka nun zwischen dem Gast auf dem heißen Stuhl und Gegnern vermitteln. Ausgerechnet der Pastorensohn mit Sparkassen-Aura also, dessen Arbeit bei „Stern TV“ vor allem von Harmlosigkeit geprägt ist. Kein Wunder, dass RTL den Stuhldisput am Tag nach Hallaschkas 45. Geburtstag lieber aufzeichnet als live sendet.

Wenn sich der Provokateur Thilo Sarrazin heute auf dem Drahtstuhl ein Jahr nach den Kölner Silvester-Ereignissen mit der muslimischen Publizistin Khola Maryam Hübsch, dem Bundestagsabgeordneten Kai Gehring (Die Grünen/Bündnis 90), der Schauspielerin Annabelle Mandeng und Arnold Plickert von der Gewerkschaft der Polizei zum Thema innere Sicherheit fetzt, könnte das aber dennoch zeitgemäß sein. Allein deshalb, weil das Format anders als die ursprüngliche Sendung nun ähnlich wie der „Brennpunkt“ immer nur anlassbezogen und somit unregelmäßig ausgestrahlt wird.

Fast 28 Jahre, nachdem RTL mit Sendungen wie „Der heiße Stuhl“ die entfesselte Erregungskultur unserer Tage atmosphärisch vorbereitet hat, mag das Fernsehen zwar massiv an Bedeutung eingebüßt haben. Ein solches TV-Tribunal passt aber perfekt zum digitalen Pranger der Gegenwart. Dennoch bleibt abzuwarten, ob Pörksens Empörungsjunkies fortan RTL einschalten, um sich ein wenig Zornesröte im Gesicht abzuholen

Von RND/Jan Freitag

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