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Nachrichten Medien Die letzte Hoffnung für Kinderlose
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18:44 07.10.2016
Bricht mit einem Tabu: Martin Bühler, Buchautor und Spermaspender. Quelle: privat
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Hannover

Der Wunsch nach der eigenen Familie ist groß. Doch was tun, wenn es nicht mit dem Nachwuchs klappen will. Hilfe finden kinderlose Paare in deutschen Samenbanken. Der Aufwand ist enorm – und ebnet so den Weg für Martin Bühler, der als privater Samenspender lange Jahre sein Geld verdiente. Er ist einer von vielen. Niemand aber traut sich, über dieses Thema zu sprechen.

Mit seinem Buch „Meine 100 Kinder: Was ich als privater Samenspender erlebt habe“ will Bühler eine Diskussion auslösen, um dieses sensible Thema endlich aus der Schmuddelecke zu führen. Im RND-Interview verrät er, wie sein Geschäft ablief, wieso er gerne Kontakt zu den von ihm gezeugten Kindern hält und was er von Ethik hält.

Herr Bühler, Sie brechen mit einem Tabu und sprechen als erster deutscher privater Samenspender über dieses Thema. Zu wie vielen von ihnen gezeugten Kindern haben Sie aktuell Kontakt?

Zu rund 15. Wir schreiben uns zum Geburtstag, telefonieren ab und an mal. Eine Vaterrolle kann ich aber nicht übernehmen. Ich bin für die Kinder da, wenn sie mich brauchen. Mehr aber nicht. Ich habe immer lesbische Paare bevorzugt, weil da die Kinder von Beginn an auch wussten, dass jemand geholfen hat.

Also wird es bei Ihnen keine Weihnachten mit 30 Kindern um den Weihnachtsbaum geben?

Nein, sicher nicht. Das wäre auch ganz schön teuer wegen der Geschenke. (lacht) Nein, mein Ziel ist es, intakte Familien zu schaffen für Paare, die sonst keine Kinder hätten.

Wie funktioniert technisch so eine private Samenspende?

Das geht eigentlich recht unspektakulär zu. Man trifft sich in einem Hotel, dem Zyklus der Frau entsprechend. Das Ejakulat wird dort in einer Spritze aufgezogen. Danach geht die Empfängerin in das Zimmer und führt die Insemination durch.

Und wie haben Sie Kontakt zu Ihren Auftraggeberinnen bekommen?

Früher wurde ich regelrecht im Bekanntenkreis bei entsprechenden Empfängerinnen durchgereicht und weiter empfohlen. Heute nutzen Spender meist Internetportale.

Erinnern Sie sich an den ersten Kontakt zu dem Kind, das Sie als Spender gezeugt haben?

Na logisch. Das war ein hochemotionaler Moment. Noch heute bekomme ich Gänsehaut beim Gedanken daran.

Wie sind Sie damals auf die Idee gekommen, Samenspender zu werden?

Ich habe auf ein Zeitungsinserat einer Samenspender-Bank reagiert und bin dort einmal hin. Das geschah alles anonymisiert. Aber nicht zu wissen, welche Spende Erfolg hat und welche nicht, das ist doch untragbar. So kam ich auf die Idee, das alles auf privater Ebene zu machen – natürlich mit allen Sicherheits- und Gesundheitschecks. Ich hab es professionalisiert. Klingt komisch, ist aber so.

Kritische Stimmen sagen, bei der Samenbank bekommt man nur 50 Euro pro Spende. Sie sprechen ganz offen über Ihre Preise. Sie haben mehrere Tausende Euro verdient. Welche Rolle spielt Ethik für Sie?

Das stelle ich hinten an, da ich auch nicht darüber entscheiden darf, was ist gut und was nicht. Eine Frau, die es darauf anlegt, kann überall schwanger werden. Ist es seriöser, um die Häuser zu ziehen und sich einen unbekannten Mann zu suchen? Da finde ich es weitaus weniger anrüchig, ohne sexuellen Kontakt und abgesichert Samen zu bekommen. Ethik liegt im Auge des Betrachters. Ich sehe da kein Problem.

Was sagt ihre Familie dazu? Als Sie Ihre Frau kennenlernten, waren Sie noch aktiver Spender.

Meiner Frau habe ich von Anfang an ganz offen gesagt. Sie wusste es schon, als wir uns kennengelernt haben. Unserer Tochter habe ich es auch schnellstmöglich gesagt. Schließlich fand nie ein sexueller Kontakt zu den Empfängerinnen statt. Nur wenn man offen damit umgeht, gibt es keine Probleme.

Und genau diese Offenheit möchten Sie mit Ihrem Tabubruch erreichen?

Ja. Das Thema Samenspende und Kinderlosigkeit gewinnt mehr und mehr an Brisanz. Wir sehen uns immer als eine aufgeschlossene Gesellschaft, dabei ist dieses Thema nach wie vor ein großes Tabu. Doch es ist weder anrüchig noch sexuell belastet.

2015 hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass jedes Kind seinen Ursprung kennen darf – auch Unterhalt und Erbe einfordern dürfe. Sind Sie besorgt?

Nein, bei meinen Spenden war es immer vertraglich festgehalten, dass die Kinder mich später kennenlernen dürfen, wenn sie das möchten. Ganz wichtig: Jede Spende erfolgte ohne sexuellen Kontakt. Auch ist klar: Ein Spender kann keine Vaterrolle übernehmen. Er ist ein Erzeuger. Wenn die Kinder ihren Erzeuger später kennenlernen möchten, dann ist ihnen die innere Unruhe auch genommen.

Und was ist mit den Ansprüchen?

Meine Verträge sind notariell gemacht worden. Da ist es so geregelt, dass die Eltern haften. Wenn also die Kinder auf Unterhalt klagen sollten, bin ich raus.

Sie haben nun Ihre skurrilsten Geschichten aufgeschrieben – anonymisiert natürlich. Welche ist Ihnen besonders im Kopf geblieben?

Meine beängstigendste Geschichte war, als ich nach Dänemark kam und dort auf eine Nazi-Familie traf. Ich habe meine Spende mit Salz heimlich unbrauchbar gemacht. Das war schon beängstigend. Wenn man diese Geschichte weiterspinnt, erkennt man auch die Gefahren der Reproduktion. Schon heute ist es in Dänemark möglich, gezielt Samen auszusuchen. Kriterien können Haarfarbe, Augenfarbe, sogar ein Studienabschluss sein. Mit dieser Selektion habe ich ein Problem.

Was möchten Sie mit Ihrem Gang an die Öffentlichkeit erreichen?

Zunächst einmal eine breite Diskussion. Dann muss der Gesetzgeber endlich einen Weg finden, dass Empfängerinnen seriös einen ihr Ziel erreichen.

Wie sieht die rechtliche Situation aktuell aus?

Es gibt einige Samenbanken in Deutschland. Die Hürden sind aber so hoch, dass viele Paare ins Ausland gehen. Gerade für lesbische Paare gibt es hierzulande noch große Einschränkungen, auch intersexuelle Paare müssen noch sehr viele Hürden durchlaufen.

Wieso ist Ihnen das so wichtig – heute spenden Sie nicht mehr?

Spenderkinder müssen grundsätzlich die Möglichkeit haben, Kontakt zu ihren Erzeugern zu bekommen. Das ist man den Kindern schuldig, es geht nicht nur um das Wohl der Mutter und Eltern. Spender müssen im Gegenzug rechtlich abgesichert werden. Nur so wird das Thema Samenspende sauber und legal. Auf den Frauen liegt eine unglaubliche Last, wenn der Kinderwunsch aufkommt. Diesen Urwunsch können wir Männer gar nicht nachvollziehen.

Von Carsten Bergmann

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