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Nachrichten Medien Grimme-Preise für Netflix und „Babylon Berlin“
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19:58 14.03.2018
„Opulenter Budenzauber und feinnerviges Zeitgeschichtsstück“: Liv Lisa Fries in der mit dem Grimme-Preis geehrten Serie „Babylon Berlin“. Quelle: ARD
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Marl

Das deutsche Fernsehen muss sich viel Miesepetriges anhören – Genörgel über altbackene Berghotelschmonzetten, über düster-ideologische Sozialkrimis, unlustige Comedy und geisttötende Unterhaltung. Mit hiesigem Fernsehen sei es wie mit den deutschen Automobilherstellern, heißt es gern: Man sonne sich selbstverliebt in altem Ruhm, während andere die Zukunft erfinden. Und was beim einen Tesla heißt, heißt beim anderen Netflix. Es ist der Neue. Der Herausforderer.

Und doch: Das gibt’s auch noch – gutes deutsches Fernsehen. Produktionen, die auf einem globalisierten Entertainmentmarkt mithalten können. Es sind nicht zwangsläufig klassische TV-Filme, aber die Sender sind doch willens und in der Lage, den Anspruch eines verwöhnten Publikums zu erfüllen, das sich immer öfter anderswo nach gutem Stoff umsieht. Dafür sind neue Allianzen notwendig wie zwischen der ARD und Sky, die sich die glamouröse Zwanzigerjahre-Sause „Babylon Berlin“ 38 Millionen Euro kosten ließen. Es war – man darf das mal so pathetisch sagen – die deutsche Seriensensation des Jahres 2017. Die Jury sprach von„opulentem Budenzauber“, von einem „feinnervigen Zeitgeschichtsstück“ und einer „klugen Analyse über die Kraftströme der Weimarer Republik“. Eine Fortsetzung wäre ein Glücksfall.

Die televisionäre Zeitenwende ist in vollem Gang

Sky ist nicht der einzige Bezahlsender, der sich seit gestern mit dem renommiertesten deutschen Fernsehpreis schmücken darf: Die erste in Deutschland produzierte Netflix-Serie „Dark“ von Baran bo Odar und Jantje Friese erhielt den ersten Grimme-Preis für einen Streamingdienst. Geehrt wurde außerdem die Dramedy „4 Blocks“ über einen libanesischen Familienclan in Berlin-Neukölln. Auch sie lief nicht bei ARD, ZDF oder RTL, sondern im kleinen Bezahlsender TNT Serie. Etwas hat sich gedreht: Das analoge öffentlich-rechtliche Fernsehen ist beim Grimme-Preis nicht mehr unter sich. Man darf getrost von einer televisionären Zeitenwende sprechen.

„Die Qualität dieser hochklassigen Serien zeigt, dass Deutschland auch auf dem internationalen Serienmarkt bestehen kann“, sagte die Direktorin des Grimme-Instituts, Frauke Gerlach. Aber es gibt auch Verlierer: Den einzigen Grimme-Preis für einen frei empfangbaren Privatsender gab’s für die Pro7-Guerillaaktion, bei der das „Circus Halli Galli“-Team die dilettantisch organisierte Bambi-Gala mit einem falschen Ryan Gosling kaperte. Neben Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf wurde auch der Gosling-Darsteller Ludwig Lehner geehrt, ein Koch aus Bayern. Die Jury würdigte die Satire als „bitterböse Medienkritik“. Insgesamt aber erlebt das werbefinanzierte Fernsehen die tiefste kreative Krise seiner Geschichte.

Hier das Video zu #GoslingGate von „Circus HalliGalli“:

13 Preise wurden insgesamt vergeben – nur zwei davon an klassische Fernsehfilme: an „Landgericht“ im ZDF über den Neustart einer vor den Nazis geflohenen Familie und an „Zuckersand“ von BR und MDR, die bezaubernde Geschichte einer tiefen Jungs-Freundschaft in der DDR.

Wie groß die Not dagegen in der deutschen Fernsehunterhaltung ist, zeigt die Auszeichnung für Jan Böhmermann. Sein Beitrag „Max Giesinger und die deutsche Industriemusik“ – mitsamt der von Schimpansen getexteten Liedparodie „Menschen Leben Tanzen Welt“ – war eine feine, eiskalte Abrechnung mit der pseudogefühligen Nabelschau deutscher Popmilchbärte. Aber: Es ist Böhmermanns vierter Grimme-Preis nach 2014, 2016 und 2017. Wenn das so weitergeht, hat er bald mehr Grimme-Preise kassiert als Jopi Heesters Bambis (10). Es ist ein Indiz für die Personalnot in der deutschen TV-Unterhaltung. „Das Neue war schwer zu finden“, sagte Jurymitglied Gerd Hallenberger. Immerhin: Auch Maren Kroymanns Sketch-Comedy „Kroymann“ (Radio Bremen) erhielt Grimme-Ehren.

Hier das Video zu Jan Böhmermanns Kritik an Max Giesinger & Co.:

In der Kategorie Information gingen Preise unter anderem an den NDR/SWR-Dokumentarfilm „Alles gut – Ankommen in Deutschland“ über zwei Flüchtlingskinder und ihre Familien sowie an das NDR-Team, das über den G-20-Gipfel und die eskalierten Proteste in Hamburg berichtete. Nur zwei Kinderproduktionen (von immerhin 14 Nominierten) hielt die Jury für preiswürdig: das Format „Germania“ (ZDF/funk) über junge Künstler mit Migrationshintergrund und die BR-Doku „5vor12“ über Jugendliche, die sich darum bemühen, im Leben die Kurve zu kriegen.

Und nein: Es handelt sich dabei nicht um RTL-Redakteure in der Sinnkrise. Obwohl es auch fürs deutsche Privat-TV fünf vor zwölf ist.

Alle Gewinner der Grimme-Preise 2018

Fiktion

„Babylon Berlin“ (ARD/Sky)

„4 Blocks“ (TNT Serie)

„Dark“ (Netflix)

„Landgericht – Geschichte einer Familie“ (ZDF)

„Zuckersand“ (BR/Degeto/MDR)

Information & Kultur

„Ab 18! Du warst mein Leben“ (ZDF/3sat)

„Alles gut – Ankommen in Deutschland“ (NDR/SWR)

„Cahier Africain“ (ZDF/3sat)

„Sewol – Die gelbe Zeit“ (BR)

Das Team des NDR für die Berichterstattung zum G-20-Gipfel (NDR)

Unterhaltung

„Circus Halli Galli“ für #GoslingGate beim „Bambi 2017“ (Pro7)

„Eier aus Stahl“ – Der Verriss von Max Giesinger und der deutschen „Industriemusik“ aus Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ (ZDF/ZDFneo)

„Kroymann“ (RB)

Kinder

„5vor12“ (BR)

„Germania“ (ZDF/Funk)

Publikumspreis

„Eine unerhörte Frau“ (ZDF/arte)

Von Imre Grimm

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