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Medien Kevin Spacey löschen reicht nicht
Nachrichten Medien Kevin Spacey löschen reicht nicht
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17:45 12.11.2017
Egomanische Riesenbabys, die die Kasse klingeln lassen: Kevin Spacey ist tief gefallen. Die wahren Opfer aber sind andere. Quelle: dpa
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Los Angeles

Im Grunde ist es ja unmoralisch, sich Turnschuhe für 159 Euro zu kaufen. Nicht bloß, weil 159 Euro ein Mondpreis sind für ein bisschen in Form gepressten Kunststoff. Sondern vor allem, weil dieser Turnschuh von einem 14-jährigen Mädchen in Bangladesch zusammengenäht wurde, das nach 14 Stunden Schuften in der Fabrik barfuß 20 Kilometer zu seiner Hütte läuft, zu einer kranken Großmutter und einer Schale Reis.

Wir kaufen sie trotzdem, die Schuhe. Weil wir gelernt haben, uns vor unseren eigenen Moralreflexen schützen – in dem wir im Kopf trennen zwischen der Strahlkraft der Markenschuhe und den elenden Bedingungen, unter denen sie entstehen. Dieser Mechanismus macht den globalen Kapitalismus erst möglich.

Darf man „American Beauty“ noch mögen?

Niemand trägt gern Schuld. Der tiefe Wunsch nach Reinheit und Absolution ist seit zwei Jahrtausenden Motor und Seele des christlichen Glaubens. Umso drängender die Frage, ob man sich im Strudel der Affäre um Hollywoods grabschende Patriarchen als Zuschauer mitschuldig macht, wenn man trennt zwischen Werk und Künstler, quasi zwischen Turnschuh und Moral.

Hollywood im Ausnahmezustand. Karrieren zerfallen zu Staub. Vom Publikumsliebling zum Paria in wenigen Stunden. Die Liste ist endlos. Und sie wächst. Bill Cosby. Kevin Spacey. Harvey Weinstein. Charlie Sheen. James Toback. Steven Seagal. Dustin Hoffman. Jetzt Louis C.K., der große, bitterböse, schmerzfreie Komiker mit der unheilvollen Neigung, vor Kolleginnen mit seinem kleinen Louis zu spielen. Das klingt niedlich. Aber es ist Missbrauch. Frauen und Männer schildern täglich neue Demütigungen. Gerade berichtete die US-Torhüterin Hope Solo, der damalige Fifa-Boss Sepp Blatter habe sie 2013 bei der Gala „Ballon d’Or“ in Zürich an den Hintern gefasst.

Es geht nicht um Moral, es geht ums Geld

Die Entertainmentwelt greift zur Selbstgeißel: Ridley Scott schneidet Spacey aus einem fertigen Film heraus und dreht die Szenen mit Christopher Plummer neu. Netflix stoppt seine Erfolgsserie „House of Cards“ und löscht Louis-C.K.-Shows von seinen Servern. Der US-Pay-TV-Kabelsender FX Network kündigt C.K. als Produzent. Sein nagelneuer Film „I love you, Daddy“ mit Chloë Grace Moretz und John Malkovitch wurde gestoppt. Es ist ein radikaler Säuberungsversuch. Er geschieht nicht etwa aus moralischen Erwägungen. Es geht ums nackte Geld. Die mit Schuld kontaminierten Stars sind Kassengift. Dollars waren immer das Einzige, was in Los Angeles einen Wert hat.

Bloß: Was hilft’s? Und wo endet der Reinigungsversuch? Wenn Hollywood jeden, der jemals Schuld auf sich lud, aus seiner Geschichte eliminiert wie Josef Stalin einst Leo Trotzki, bleibt von der Welthauptstadt des Entertainment nicht viel mehr übrig als ein paar Shirley-Temple-Filme und ein Kaktus in der Wüste.

Kreative sind oft schief ins Lebens gebaute Egomanen, die sich für Gottes Geschenk an die Menschheit halten. Es ist ja gerade ihre Grenzenlosigkeit, ihre Enthemmtheit, die sie gelegentlich zum Großem befähigt. Der Ruhm wird zur Aura der Unverletzlichkeit, zu einer Schutzblase, in der ihnen permanent Absolution erteilt wird. „Wenn du ein Star bist, lassen sie alles mit sich machen“, sagte Donald Trump in jenem verstörenden „Grab the by the pussy“-Dokument.

Um Verbrechen kümmert sich das Strafrecht

Das soll nichts relativieren. Um Verbrechen kümmert sich das Strafrecht, und das ist gut so. Die Staatsanwaltschaft in Los Angeles hat eine Sondereinheit gegründet. Aber es ist bigott zu glauben, das Problem sei damit zu erledigen, Spacey aus fertigen Filmen herauszuschneiden, wenn man gleichzeitig ein System betreibt, das quasi auf Sexismus aufgebaut ist, das egomanischen Riesenbabys, die die Kasse klingeln lassen, bisher alle Freiheiten einräumte.

Louis C.K.s onanistische Neigungen sind spätestens seit 2012 öffentlich. Nichts geschah. Die Missbrauchsvorwürfe gegen Woody Allen sind Jahrzehnte alt. Nichts geschah. Da hilft kein hektischer Aktionismus. Systematischen Machtmissbrauch, und Frauenfeindlichkeit bekommt man nicht im Schneideraum in den Griff. Nicht am Umgang mit den Tätern zeigt Hollywood, was es aus dieser Affäre gelernt hat. Sondern am Umgang mit den Opfern.

Wer schneidet Klaus Kinski aus Werner-Herzog-Filmen?

Und als Zuschauer? Darf man – wenn man noch kann – weiter über Louis C.K. lachen? Unterstützt man indirekt ein sexistisches System, wenn man „American Beauty“ immer noch mag? In der Kunst ist es, anders als bei Turnschuhen, zulässig, zwischen Werk und Urheber zu trennen. Sonst müsste man Klaus Kinski aus allen Werner-Herzog-Filmen schnippeln und Steve McQueen aus „Gesprengte Ketten“. Sonst dürfte man „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway nicht mehr lesen und kein Egon-Schiele-Bild mehr betrachten.

Viele Menschen ohne Macht haben Schlimmes erlebt. Die Welt aber spricht lieber über den tiefen Fall der Superhelden. Als sei das Leid der missbrauchten Männer und Frauen nur ein Kollateralschaden in einer viel spektakuläreren Story. Selbst im Verbrechen stehlen die Stars den Opfern ihrer Selbstsucht noch die Show.

Von Imre Grimm

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