Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Medien Klatsche für den ESC: Russland zieht sich zurück
Nachrichten Medien Klatsche für den ESC: Russland zieht sich zurück
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:57 14.04.2017
Politischer Spielball: Die russische Sängerin Julia Samoilowa fährt nicht zum ESC nach Kiew. Sie soll nun 2018 antreten. Quelle: dpa
Anzeige
Kiew

Man kann dem Eurovision Song Contest vieles vorwerfen: miese Trickkleider, schlimme Falsetttöne und einen generellen Hang zu modischem Unglück. Eines aber können sie wirklich gut: Drama! Nun erlebt das europäische Popspektakel einen weiteren handfesten Politskandal: Im Streit um die russische Kandidatin Julia Samoilowa verzichtet Russland in diesem Jahr auf eine Teilnahme am größten Musikevent der Welt in vier Wochen in Kiew. Man werde den ESC 2017 weder im Fernsehen übertragen noch einen Ersatzkandidaten schicken oder Samoilowa per Satellit zuschalten, hieß es in Moskau. Rückzug statt Kompromiss.

Die zunehmend verzweifelte und ratlose Europäische Rundfunkunion EBU in Genf als ESC-Veranstalterin hatte einen neuen Kandidaten vorgeschlagen – und Moskau damit heftig empört: „Diese Variante ist völlig inakzeptabel.“ Die Ukraine hatte gegen Samoilowa ein Einreiseverbot verhängt, weil sie für ein Konzert 2015 auf der annektierten Halbinsel Krim über Russland eingereist war – nach ukrainischem Recht eine Straftat.

Die Propaganda-Windmaschine läuft

Nun läuft die Propaganda-Windmaschine auf Hochtouren: Russland sprach von „Diskriminierung“ der im Rollstuhl sitzenden Sängerin. Dabei hat ihr Ausschluss nun wirklich nichts mit ihrer Behinderung zu tun, sondern mit der Tatsache, dass sich die Ukraine außerstande sah, für den ESC eine Ausnahme zu machen. Aber die Absicht ist klar: „Seht her“, lautet das Signal aus Moskau: „Die Ukraine ist so hartherzig, so unversöhnlich, dass sie selbst für unsere sympathische Sängerin kein Auge zudrückt. Und das, obwohl es beim ESC doch um Frieden und Völkerverständigung geht.“

Wer trägt die Schuld an der Eskalation? Von Anfang an wurde Russlands Wahl der seit ihrer Kindheit an einer seltenen Krankheit leidenden Sängerin als Versuch interpretiert, sich ohne Ansehensverlust vom europäischen Großevent beim verfeindeten Nachbarn zurückzuziehen – wohl wissend, dass Samoilowa gegen ukrainische Gesetze verstoßen hat. Moskaus ESC-Finte – ein politisches Trickkleid? Doch auch die Ukraine zeigte sich hartherzig. Es gibt gute Gründe dafür, nicht gegen die eigene Gesetzgebung zu verstoßen, wenn man als politisch einigermaßen konsequent wahrgenommen werden will. Doch zweifellos hätte es Mittel und Wege gegeben, mit gutem Willen zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen.

Wunden gibt es immer wieder

Die EBU drohte Kiew angeblich sogar mit der Verlegung der Show nach Berlin, sollte man nicht einlenken. Noch gestern beharrte das oberste ESC-Gremium darauf, dass der ESC „unpolitsch“ sei – eine trotzig bis naiv wirkende, in diversen politischen ESC-Vorgängen widerlegte Behauptung:

– Im ABBA-Jahr 1974 zum Beispiel landete der portugiesische Beitrag „E depois do adeus“ („Und nach dem Abschied“) von Sänger Paulo de Carvalho zwar auf dem letzten Platz – wurde wenige Tage später aber zur Hymne der sogenannten Nelkenrevolution: Am 24. April 1974 um 22:55 Uhr spielte der portugiesische Rundfunk die Liebesballade als erstes Geheimsignal an die aufständischen Truppen zum Beginn des Staatsstreichs gegen die Militärdiktatur.

– Österreichs Toleranzikone Conchita Wurst diente 2015 nach einem heftigen Rechtsruck des Landes als willkommene gesellschaftspolitische Imagekorrektur.

– Die ukrainische ESC-Siegerin Ruslana wurde nach dem ESC 2005 zur wichtigen politischen Akteurin ihres Landes.

– 2012 verkündete Anke Engelke die deutschen Punkte – und kritisierte das autokratisch regierte Veranstalterland Aserbaidschan in einem bemerkenswerten und gefeierten Statement: „Tonight nobody could vote for their own country. But it is good to be able to vote. And it is good to have a choice. Good luck on your journey, Azerbaijan! Europe is watching you.“ („Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa beobachtet Dich.“)

– Die armenische Sängerin Iweta Mukutschjan stand 2016 kurz vor der Disqualifikation, weil sie im Halbfinale die Flagge Berg-Karabachs in die Kamera gehalten hatte, um die Armenien und Aserbaidschan seit Jahren erbittert streiten.

– 2009 wurde Georgien disqualifiziert, weil das Land mit dem Titel „We Don’t Wanna Put In“ antreten wollte – für die EBU eine verballhornte Kritik am russischen Präsidenten.

Wunden gibt es immer wieder. Es wird Zeit, dass sich die EBU – obwohl politisch machtlos – zu der Tatsache bekennt, dass auch der ESC als kultureller Spiegel des politischen Europa nicht frei ist von nationalen Egoismen, Trotzigkeiten, Feindseligkeiten und Besonderheiten. Es ist sinnvoll, politische Stellungnahmen auf der ESC-Bühne zu untersagen – aber dann hätte man auch den ukrainischen ESC-Siegertitel 2016 noch mal genauer unter die Lupe nehmen müssen. Der Titel „1944“ von Sängerin Jamala beschäftigte sich mit der Vertreibung der Krimtartaren durch die Russen im Zweiten Weltkrieg – er war also durchaus politisch.

„Schade, dass die Ukraine in die Falle getappt ist“

Russlands Rückzug ist ein schwerer Schlag für den ESC. Das Event verliert sein größtes Publikum in Osteuropa und eine der erfolgreichsten ESC-Nationen der letzten Jahre. Auch wenn es sich nur um ein einjähriges Aus handelt: Samoilowa soll nun beim ESC 2018 antreten. Das Problem: Nach den ESC-Regeln müsste Russland dafür den diesjährigen Wettbewerb im Fernsehen übertragen. Denn seit einigen Jahren gilt: Nur Ländern, die diese Auflage erfüllen, ist die Teilnahme im nächsten Jahr erlaubt.

„Schade, dass die Ukraine in die russische PR-Falle getappt ist“, sagte ARD-Unterhaltungschef und ESC-Koordinator Thomas Schreiber. „So etwas darf sich nicht wiederholen.“ Nach den Statuten dürfe nur die EBU einen für den ESC angemeldeten Fernsehsender oder Künstler, sofern „heftige Regelverstöße“ vorlägen, von der Teilnahme ausschließen. Recht hat er. Von Konsequenzen für Gastgeber Ukraine war allerdings keine Rede.

Soll die Europäische Rundfunkunion jetzt die Ukraine bestrafen? Oder Russland? Oder beide? Im Sinne der versöhnenden Idee des Eurovision Song Contest, der elf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg als friedlicher Wettstreit kurz zuvor noch tödlich verfeindeter Nationen gegründet wurde, wären Sanktionen das falsche Signal. Eine Einladung zum Gespräch nach Genf dagegen würde sicher helfen. Wer die Plattform ESC nutzen möchte, um sein Land im besten Licht zu präsentieren, muss sich an die dort geltenden Spielregeln halten. Allein – es scheint den EBU-Verantwortlichen an diplomatischem Geschick zu mangeln. Denn weder Trotz noch Drohungen noch Verweise auf die ruhmreiche und friedensstiftende Absicht des ESC haben Russland oder die Ukraine zur Einkehr bewegen können.

Im Fall Samoilowa spürt die EBU schmerzhaft ihre geringe politische Macht. Es ist eine Sache, eine ordentliche paneuropäische Entertainmentshow zu organisieren. Aber es ist eine andere Sache, in existenziellen Nationenkonflikten als Schlichter zu agieren. Es ist richtig, nicht direkt Partei zu ergreifen. Aber es ist falsch und unglaubwürdig, weiter steif und fest zu behaupten, der ESC sei eine unpolitische Veranstaltung. Schon seine Geburt verdankt er der Politik.

Von Imre Grimm

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

US-Rapper Kendrick Lamar ist zurück – sein neues Album „Damn.“ ist seit Freitag weltweit in Streamingdiensten zu hören. Während der Musiker zum Start lediglich Links zu seinem Werk auf Twitter verbreitete, kursierte tags zuvor ein Video von Basketballstar LeBron James, der schon einige der Songs hörte.

14.04.2017

Wegen falscher Behauptungen über ihre Tätigkeit als Model hat sich die britische Boulevardzeitung „Daily Mail“ öffentlich bei der First Lady der USA, Melania Trump (46), entschuldigt. Berichte, Trump habe „Dienste angeboten, die über die einfache Tätigkeit als Model hinausgingen“, seien nicht wahr.

12.04.2017
Medien Inhaftierter „Welt“-Journalist - Deniz Yücel hat im Gefängnis geheiratet

Deniz Yücel, in der Türkei im Gefängnis festgehaltener deutsch-türkischer Journalist, hat in der Haft seine Freundin geheiratet. Das berichtete sein Arbeitgeber, die „Welt“.

12.04.2017
Anzeige