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18:00 17.08.2017
Sein oder nicht sein: Auch im Stuttgarter „Hamlet“-Musical „Der Prinz von Dänemark“ war Fernsehlegende Harald Schmidt vor allem er selbst. Quelle: Foto: dpa
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Hannover

Der Mann, der mal König der deutschen Talkshows war, macht heute alles selbst. Weißhaarig wie der legendäre US-Talker David Letterman bringt er bei „Spiegel Daily“ mehrmals pro Woche sein „Schmidts Daily“ unter. Eine mit dem Smartphone selbst fabrizierte Videokolumne, in der er für die Dauer von zwei bis fünf Minuten alles mögliche von sich gibt. Beispielsweise, dass er kein Mann für Streamingdienste sei. „Ich habe mich mit meinem wichtigsten Berater getroffen, mit mir selbst, und mich gefragt: Käme das auch für dich infrage?“

Schmidt ist nicht weg vom Fenster

Und dann sei er zu dem Schluss gekommen: „Netflix, ihr habt gut daran getan, bei mir noch nicht angefragt zu haben. Denn ihr hättet euch eine solche Abfuhr geholt, das ist der Wahnsinn.“ Der Streamingdienst Netflix hatte erst vor anderthalb Wochen Schmidts US-Pendant Letterman aus dem Ruhestand geholt. Schmidt, der am heutigen Freitag 60 Jahre alt wird, macht schon seit Mai seine launigen Videos. Er ist nicht ganz weg vom Fenster. Nur halt weg vom klassischen Fernsehen.

Dort war er acht Jahre lang der absolute Herrscher übers Talk-Segment. König Schmidt – der gewitzte, gern auch zynische Hauptselbstdarsteller der „Harald-Schmidt-Show“, der gerade noch charmant mit dem aktuellen Studiogast umging, im nächsten Moment kalt lächelnd bissig werden konnte und das Business der Lächelnden immer wieder grob anging. Am 5. Dezember 1995 ging Schmidts Late-Night-Format bei Sat.1 auf Sendung. Der Moderator kam vom Kabarett, das machte ihn furcht- und respektlos. Wer etwas auf sich hielt im Prominentengetriebe, der musste in Schmidts Sendung.

Aufforderung zum Busenanfassen

Wo der Herr des Hauses dann sofort seine Schwächen erkannte, Gemeinheiten offen aussprach oder in Komplimente steckte oder auch mal die Contenance verlor und skandalös wurde. Er schleckte Dieter Bohlens fröhlicher Ex Verona Feldbusch durchs Gesicht und griff Samantha Fox (allerdings nach deren Aufforderung) an den Busen. Samantha wer? Die Britin war erst Pornoaktrice, dann Popsängerin. Ihr größter Hit war 1986 „Touch Me“. Für derlei Abgeschmacktes wären TV-Karrieren in den Siebzigerjahren sofort beendet gewesen. Bei Schmidt wurden sie andertags zu Medienaufmachern und bescherten allen Beteiligten den Humus der Karrieren: Publicity!

„Dirty Harry“ nannte Schmidt sich selbst, und als er an Heiligabend 2003 in eine Kreativpause ging, waren Millionen Deutsche traurig, die sich an den TV-Zynismus gewöhnt hatten. Grimme-Preis und Deutscher Fernsehpreis hatten Schmidt geadelt, das stete Prinzip Überraschung hatten ihn zur Legende des Lagerfeuerfernsehens gemacht. Mal moderierte er eine Sendung mit dem Rücken zum Publikum, mal machte er eine komplett auf Französisch, mal gab’s ein komplettes Theaterstück. Und immer mal wieder wurde das Weltgeschehen mit Playmobil nachgespielt. Sogar 20 Minuten ohne Studiolicht schweigend am Schreibtisch waren bei Schmidt unterhaltsam. Anything went. Haste das wieder gesehen? Irre!

Schmidt macht nur noch, worauf er Lust hat

Bis 2014 gab’s danach „Harald Schmidt“ bei ARD, Sat.1 und Sky, aber es war nicht mehr dasselbe, die Quote sank, und aus Oliver Pocher wurde auch nicht der ersehnte Thronerbe. Heute braucht Schmidt für seine Clips keinen Prinzen mehr, auch keinen Hofstaat. „Eine sensationelle Form für mich: keine Redaktion, kein Team, Handy, zack, ab nach Hamburg“, verriet er dem österreichischen Magazin „Profil“.

Ein Comeback? Vor dem Start der digitalen Abendzeitung „Schmidts Daily“ hatte das Internetportal „Spiegel Online“ seine Nutzer nach dem Nutzen einer kleinen „Schmidt-Show“ bei „Spiegel Daily“ gefragt. 563 220 gaben ihr Votum ab, 98,85 Prozent waren dafür. Dafür sein heißt aber nicht dabei sein. Der Verlag verlegt die Angaben von Zahlen auf später. „Für eine Bilanz ist es noch viel zu früh“, so Verlagssprecher Michael Grabowski. Ein eher schlechtes Zeichen, denn wer auf der Siegerstraße marschiert, der trommelt und posaunt normalerweise.

Schmidt wird heute 60 und macht nur noch, was er will: wildes Theater, schräge Lesungen, Moderation seiner „Greatest Kirchenhits“ im Altenberger Dom und doch keinen „Tatort“-Kommissar. Ideen hat er zuhauf. Was man ihm heute wünscht?

Dass Netflix vielleicht doch mal bei ihm anklopft.

Von Matthias Halbig / RND

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