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Medien „Polizeiruf 110“ aus Rostock – Der Ungeschorene
Nachrichten Medien „Polizeiruf 110“ aus Rostock – Der Ungeschorene
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17:00 09.11.2018
Einsatz im Regen: Alexander Bukow (Charly Hübner) auf der Jagd nach einem Mörder, der wegen eines früheren Freispruchs nicht mehr ohne Weiteres für den Mord an der jungen Janina belangt werden kann. Quelle: NDR Presse und Information
Rostock

„Das war hier mal der Ruheraum für Frauen“, sagt Ursula Stöcker (Hildegard Schmahl), ein großer Satz mit reichlich Patina gleich zu Beginn des „Polizeirufs 110“ aus Rostock. Stöcker hat einst bei der Polizei gearbeitet, bis 1988. Ruheräume gibt es auf der Wache längst nicht mehr, spätestens seit der deutschen Einheit. Auch für Frauen nicht, spätestens seit Anneke Kim Sarnau den Laden als Kommissarin Katrin König grundüberholt hat.

In der Ostseeluft werden Dinge schnell auf die Spitze getrieben

In Rostock haben sie das Glück, neben Anneke Kim Sarnau mit Charly Hübner einen zweiten großartigen Schauspieler zu haben – und mit der Ostseeluft die Freiheit, die Dialoge etwas derber auszuformulieren, die Dinge schneller auf die Spitze zu treiben und nach dem Streit (einer Konstante im Rostocker „Polizeiruf“) wieder gut Wetter zu machen. Denn der Wind weht stärker an der Küste, Wolken kommen und gehen.

Janina, die Tochter von Ursula Stöcker, wurde ermordet, kurz vor der Wende, nach einem Konzert von Bruce Springsteen in Ost-Berlin. Janina fuhr mit dem Zug nach Hause, wollte vom Bahnhof nach Hause laufen. Und wurde Tage später nackt und ermordet im Gebüsch gefunden.

„Seit 15 Jahren kümmert sich niemand mehr um das Verbrechen“, sagt Stöcker. Und sticht damit hinein in die Beklommenheit des Polizeireviers, das mit Henning Röder (Uwe Preuss) einen selbst für Sonntagabendkrimis ungewöhnlich grau angestrichenen Vorsteher hat. Röder ist ein Mann der DDR, der in der neuen Zeit sein Auskommen sucht, ohne von dieser Zeit überzeugt zu sein.

Röder möchte ungelöste DDR-Fälle nur ungern wiederaufnehmen

Röder hat damals die Ermittlungen im Fall Janina geleitet, ohne Ergebnis. Es gab einen Verdächtigen, Guido Wachs, er wurde angeklagt und freigesprochen, denn die Reifenspuren seines Motorrads und die am Tatort stimmten nicht überein.

Ungelöste Fragen aus der DDR möchte Röder nicht wieder aufwärmen, einerseits aus einem Nostalgieempfinden, andererseits aus Misstrauen gegenüber der Gegenwart, die den Verbrechern mit zu viel Schnickschnack auf die Schliche kommt: Labortest, DNA, das ist nichts für Röder, der seine Fälle lieber am Schreibtisch und draußen bei den Fußabdrücken löst, nicht im Reagenzglas.

Darum ist ihm die Kommissarin König nicht geheuer, die den Fall neu aufrollen will. Wieder mit so einem großen Satz in diesem an großen Sätzen nicht armen Film: „Ich erinnere an dieser Stelle gerne an meine 100-prozentige Aufklärungsquote“, wirft König ein, die ihr Gefühl, dass man den Mörder selbst nach all den Jahren durchaus finden könne, mit einer Form von Renommee erhärten will.

Bukows Wutausbrüche gehören zur Rostocker „Polizeiruf“-Folklore

Königs Eigenlob kostet ihren Kollegen Bukow (Charly Hübner) die Beherrschung. Seine Wutausbrüche gehören zur tragenden Säule der Rostocker Krimis, Bukows Talent zum Jähzorn ist mindestens so ausgeprägt wie jenes zur handwerklich sauberen Spurensuche. „Wissen Sie, warum ich Sie noch nie leiden konnte? Ihr Blick reicht nur bis zur eigenen hübschen Nase. Sie sind was Besseres“, diktiert er König ins Gesicht. An der Küste ist es eine Sünde, sich über andere zu stellen, weil der Wind den Leuten ohne Unterschied in die Klamotten bläst.

Der Film (Regie: Eoin Moore, der mit Anika Wangard auch das Drehbuch schrieb) erzählt uns schnell, dass Guido Wachs (Peter Trabner) halt doch Janinas Mörder ist, dafür wird Wachs zu deutlich ausstaffiert als arme, arrogante Wurst. Seine Speichelprobe überführt ihn dank moderner Technik. Die drängende Frage des Films lautet nicht, wer es getan hat, sondern wie man ihn dafür belangt. Weil Wachs seinerzeit einen Freispruch errang, verbietet es die Rechtssicherheit, das Urteil zu revidieren.

Kommissarin König sucht einen Weg, Wachs dranzukriegen

Kommissarin König sucht einen Weg, Wachs doch noch zu verurteilen. Hat er auch andere Frauen umgebracht, bietet sich hier ein Ansatz, ihn doch noch zu kriegen? König ist sich sicher, Wachs sei ein „wütender Vergeltungsvergewaltiger“, der Frauen umbringt, die ihn ausgelacht haben. „Sie sind eine wütende Vergeltungspolizistin“, hält Bukow ihr entgegen. Dieser ständig schwelende Disput belebt den abermals sehr guten „Polizeiruf“ aus Rostock, und leise liegen Bruce Springsteens Zeilen „I’ve got a bad desire, oh, I’m on fire“ unter den Bildern. Das Lied vom Mädchen, dem Mann und seinem bösen Verlangen.

Von Lars Grote / RND

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