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Medien Sawatzki-Verfilmung als Witzfigurenkabinett
Nachrichten Medien Sawatzki-Verfilmung als Witzfigurenkabinett
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18:01 26.05.2018
Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs: Die Hochzeit von Gundulas (Andrea Sawatzki) Sohn versinkt im Schlamm. Quelle: Foto: ZDF
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Mainz

Es waren sicher nicht allein die feuerroten Haare, die Andrea Sawatzki zu einer der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen gemacht haben; aber natürlich sind sie ein unverkennbares Markenzeichen. Deshalb wird vermutlich jeder Leser bei der Lektüre ihres zweiten Romans, „Tief durchatmen, die Familie kommt“ (2013), automatisch die Autorin vor Augen gesehen haben; schließlich ist ihre Heldin Gundula Bundschuh ebenfalls rothaarig.

Die bisherigen Sawatzki-Adaptionen waren gelungen

Tatsächlich hat Sawatzki damals eingeräumt, dass dies kein Zufall gewesen und „ein kleiner Wunschgedanke“ mit im Spiel gewesen sei. Ihre Berliner Nachbarin ist die Produzentin Regina Ziegler (ebenfalls rothaarig), und so kam eins zum anderen.

Die bisherigen Verfilmungen der heiteren Familienromane – der zweite hieß „Von Erholung war nie die Rede“ (2017) – waren gelungene Gratwanderungen zwischen Drama und Klamotte: weil Drehbuchautor Mathias Klaschka perfekt den durchaus boshaften, aber dennoch von spürbarer Zuneigung zu den Figuren geprägten Tonfall der Bücher getroffen hat.

Die Geschichten über Gundula, eine Frau in den frühen Fünfzigern, die mit einer furchtbaren Familie geschlagen ist und dennoch tapfer versucht, beim gemeinsamen Weihnachtsfest oder beim Urlaub auf Mallorca das Beste draus zu machen, waren eine sehenswerte Kombination aus satirisch überspitzten Charakteren und einem auf den Punkt inszenierten Gag-Feuerwerk.

Viele Gags zünden nicht oder wirken plump

Leider gelingt es dem dritten Film, „Ihr seid natürlich eingeladen“, überhaupt nicht, die entsprechenden Erwartungen zu erfüllen. Die Figuren wirken nun übertrieben, viele Gags zünden entweder nicht oder sind bloß noch plump. Der Komödie widerfährt somit exakt jenes Schicksal, vor dem eine Regisseurin wie Vivian Naefe die beiden anderen Fime bewahrt hat: das Umkippen ins reine Lustspiel.

Regie führte diesmal Thomas Nennstiel, ein eigentlich erfahrener Regisseur, der zwar nicht in der selben Liga spielt wie Naefe, aber einige durchaus sehenswerte Komödien gedreht hat („Die Erfinderbraut“, „Idiotentest“, „Der Stinkstiefel“). Der dritte Film über die Familie Bundschuh ist ihm jedoch missglückt, was sicher auch, aber nicht nur mit der Adaption zu tun haben wird. Die hat diesmal Alexander Dydyna besorgt, ein junger Autor, zu dessen wenigen Meriten die Kinofilme „Goethe!“ und „Bruder vor Luder“ (mit den YouTube-Stars Die Lochis) gehören.

Nach Christfest und Urlaub nutzt „Ihr seid natürlich eingeladen“ gleich zwei Anlässe, bei denen Familien zusammenkommen: Die Trauerfeier für Gundulas Vater geht nahtlos in die Vorbereitungen der Hochzeit ihres Sohnes Rolfi (Oskar Bökelmann) über; der junge Mann hat sich während seines Studiums in den USA in eine Amerikanerin verliebt.

Die Reihe muss nun leider ohne Günther Maria Halmer auskommen

Weil Reginald (Nick Monu), der dunkelhäutige Vater der Braut, in einer protzigen Stretch-Limousine vorfährt, hält die Familie ihn zunächst für den Chauffeur. Natürlich ist auch Candy, Rolfis Verlobte, schwarz; und im siebten Monat schwanger.

Die Trauerfeier für den Vater ist doppelt betrüblich, weil der dritte Bundschuh-Film nun ohne Günther Maria Halmer auskommen muss. Die anderen namhaften Mitglieder des Ensembles sind der Komödie jedoch erhalten geblieben, weshalb es umso verwunderlicher ist, dass es diesmal kaum Zwischentöne gibt; das ständige Rülpsen des jüngsten Sohnes, der für einen entsprechenden Wettbewerb übt, ist daher typisch für das Humorniveau.

Das bislang komplexe Personal wird zu Ein-Trick-Ponys gemacht

Die sexuellen Anspielungen von Gundulas ebenso tapfer wie vergeblich dem Zahn der Zeit trotzenden Schwiegermutter Susanne (Judy Winter), bislang amüsant und auch ein gewisser Tabubruch, klingen diesmal bloß noch zotig.

Während die Figuren bisher eine gewisse Komplexität mitbrachten und daher auch immer wieder für Überraschungen gut waren, reduziert Dydynas Drehbuch das Personal auf die jeweils hervorstechendsten Eigenschaft: Die trinkfreudige Susanne wird zur Schnapsdrossel, die trauernde Witwe (Thekla Carola Wied) zur Giftspritze, Gundulas wehleidiger und unter allen nur denkbaren Nahrungsmittelunverträglichkeiten leidender Bruder Hadi (Stephan Grossmann) zur Witzfigur.

Allein Heldin Gundula Bundschuh bleibt die, die sie war

Weil die christlich-bigotte Gattin (Eva Löbau) bei Hadis Recherchen zur Sexualität der Frau zu kurz gekommen ist, wirft sie sich kurzerhand Reginald an den Hals. Gundulas Mann Gerald (Axel Milberg), mit seiner an Indolenz grenzenden Gelassenheit noch am ehesten Identifikationsfigur, hypochondriert sich am Ende nicht ganz nachvollziehbar in die fixe Idee seines nahenden Ablebens.

Bloß Gundula bleibt die, die sie war; Sawatzki hat die stille Dulderin von Anfang an als wandelnde Zeitbombe verkörpert, die irgendwann in die Luft gehen wird. Die Komödiendevise „Schlimmer geht immer“, der auch die beiden anderen Filme gehorcht haben, gilt vor allem für die Erzählerin.

Von Tilmann P. Gangloff / RND

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