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Netzwelt Adobe manipuliert nun auch die Sprache
Nachrichten Medien Netzwelt Adobe manipuliert nun auch die Sprache
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20:19 05.12.2016
Fälscherwerkstatt: Mit Adobes Project Voco, einer Art Photoshop für Stimmen, könnte man selbst Kanzlerinnen Ungesagtes sagen lassen. Quelle: dpa
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Berlin

Bilder lügen schon lange. Als es noch kein Photoshop gab, mussten eben Schere, Kleber und Pinsel ran. So konnten etwa missliebige Genossen, die Stalins Säuberungen zum Opfer gefallen waren, aus sowjetischen Gruppenbildern getilgt werden. Es gibt skurrile Aufnahmen aus dieser finsteren Zeit: Mal blieb nur eine Lücke in den ansonsten dichten Reihen, mal fehlte dem Genossen daneben ein Arm oder ein Bein, weil der Bearbeiter geschlampt hatte. Heute geht das alles digital und deutlich sauberer.

Und nun kommt die nächste Stufe: ein Photoshop für Stimmen. Wer Angela Merkel sagen lassen will: „Ich muss weg“, kann das in Zukunft durch einfache Texteingabe tun. Wieder ist es die kalifornische Firma Adobe, die Kreativen und Fälschern das Werkzeug an die Hand gibt. Project Voco heißt es. Das Programm wurde im November bei der Hausmesse des Software-Giganten vorgestellt. „Lasst uns ein bisschen mit der menschlichen Sprache herumspielen“, sagt Entwickler Zeyu Jin. Und dann spielt er – mit den Sätzen seines Gastes, des US-Komikers Jordan Peele. Erst stellt er Satzteile um. Das ist noch gar nichts, geht nicht über die stalinistische Kleber- und Schere-Stufe hinaus. Dann aber tippt Jin Worte ein, die Peele nie gesagt hat – und der Computer spielt sie in täuschend echter Sprachfärbung ab.

Peele war so schockiert wie begeistert von der Leichtigkeit, mit der das Programm seine Sprache kopieren konnte – und ihn Sätze sagen ließ, die er nie gesagt hatte: „Du bist ein Zauberer! Du bist ein Dämon!“, ruft der Schauspieler.

Die Software braucht Sprachmaterial von 20 Minuten Länge und ein Transkript des Gesprochenen. Project Voco analysiert diese Eingaben und zerlegt die Stimme in einzelne Phoneme, die kleinsten Lauteinheiten der Sprache. Auf dieser Grundlage lassen sich dann beliebige Worte synchronisieren.

Ob die Software je auf dem Markt kommt, verriet Adobe nicht. Doch die Ängste vor gefälschten Stimmenaufnahmen verbreiteten sich blitzschnell im Netz. Im Zeitalter der „fake news“ wäre ein „Ich muss weg“ der Kanzlerin sicher Millionen Klicks wert – dank Adobes Hexenwerkstatt. Doch wie beunruhigend ist dieses Szenario? Politiker äußern sich ja nicht im luftleeren Raum, sondern meist in der Öffentlichkeit. Eine nachgestellte Rede wäre von Journalisten oder anderen Augenzeugen schnell als Fake enttarnt.

Problematisch ist Project Voco eher für andere. Zuallererst müssen sich Schauspieler und Synchronsprecher Sorgen um ihre Aufträge und ihr Copyright machen. Project Voco erleichtert es, Sprachaufnahmen zu korrigieren und zu ergänzen, ohne den Sprecher wieder ins Studio zu bitten. Auch sein Tod wäre verschmerzbar. Gerade musste ein Nachfolger von Norbert Gastell für die deutsche Stimme von Homer Simpson gefunden werden. Mit Project Voco hätte seine Stimme bis in alle TV-Ewigkeit weitermachen können – theoretisch.

Ebenfalls bedroht sind Sicherheitsprogramme, die auf Spracherkennung basieren. Experten geben Entwarnung: Solche Software suche nach anderen Erkennungs-merkmalen als das menschliche Ohr. Und Adobe hat angekündigt, eine Art digitales Wasserzeichen einzubauen, damit Aufnahmen als manipuliert erkennbar sind. Doch vermutlich wird es in kurzer Zeit Programme geben, die diese Merkmale wieder herausfiltern.

Eines aber hat die Adobe-Hexenwerkstatt schon erreicht. Die Ausrede „Das habe ich nie gesagt“ ist jetzt glaubwürdiger denn je.

Von RND/Jan Sternberg

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