Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Netzwelt Ein Maulwurf im Weißen Haus
Nachrichten Medien Netzwelt Ein Maulwurf im Weißen Haus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:12 02.02.2017
Der Twitteraccount von „Rogue POTUS Staff“.   Quelle: Screenshot/Twitter
Anzeige
Hannover

 Da steht also der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika im Oval Office und tobt. „Don’t they know I’m the f*** President??“, donnert er, was fröhlich übersetzt bedeutet, dass er aber jetzt wirklich mal ernstgenommen werden wolle von diesen liberalen Weicheiern da draußen. Er brüllt so laut, dass sein Zorn über die Protestmärsche überall im Land durch die geschlossene Türe dringt. Angeblich jedenfalls. Die Szene passt in das Bild, dass sich weite Teile der Welt vom Weißen Haus in diesen Tagen gemacht haben: ein Käfig voller Narren, düster wie Gotham City um Mitternacht, Hort eines ferngelenkten, egomanischen Despoten auf dem Weg zum Autokraten. Aber ist sie auch wahr, nur weil sie passt?

Es sind Dutzende solcher angeblicher Intimitäten und Ausfälle aus dem innersten Zirkel der Macht, die der Twitteraccount @RoguePOTUSStaff (etwa: „Abtrünnige Mitarbeiter des Präsidenten“) derzeit in Hunderten Tweets verbreitet. Ein endloser Twitterstrom der Peinlichkeiten für den Twitterpräsidenten Trump. In nur acht Tagen hat der Account 580 000 Follower eingesammelt. Das Team fühle sie sich „zum Widerstand verpflichtet“, versichern die anonymen Macher. „Wir sind der Meinung: Wenn POTUS aus einer Regierung twittern kann, die keine ist, dann können wir das auch.“

In detailreichen Schlaglichtern beschreibt @RoguePOTUSStaff – nach dem Vorbild anderer innerbehördlicher Leak-Accounts –, was auf den Fluren der US-Machtzentrale vor sich gehen soll. Wie Trump nach dem Massaker in einer Moschee in Quebec mit sechs Toten geschimpft habe, er schere sich nicht um „muzzie Canucks“ (abfälliger Begriff über muslimische Kanadier).

Wie sein rechtslastiger Sicherheitsberater Steve Bannon geschickt die Macht an sich reiße und Trump manipuliere. Wie Stabschef Reince Priebus forderte, Pressesprecher Sean Spicer zu feuern, nachdem dieser einen am Flughafen in Handschellen abgeführten Fünfjährigen als „potenzielles, nationales Sicherheitsrisiko“ bezeichnet hatte, „Bannon dagegen wollte eine Gehaltserhöhung für Spicer“, schrieb @RoguePOTUSStaff. „Trump wants to be ,the President who will be remembered as a King.’ His Words, not ours“, heißt es da. „Trump möchte ,als König in Erinnerung bleiben’. Seine Worte, nicht unsere.“

Publiziert wurde außerdem ein angebliches internes Memo, in dem die Anschläge vom 11. September 2001 als Begründung für das Einreiseverbot für Staatsbürger aus sieben muslimischen Staaten herangezogen wird – obwohl die Liste keines der Herkunftsländer der 9/11-Terroristen enthält. Als erster vermeldete der Account dann zutreffend, dass Trump den – freilich allseits als Favorit geltenden – Richter Neil Gorsuch an den Obersten Gerichtshof berufen werde, dass Mexikos Präsident sein Treffen mit Trump abgesagt habe und dass dieser in Kürze twittern wolle, er sei ohnehin nicht interessiert gewesen. Keine großen politischen Scoops, aber Indizien dafür, dass die Quelle des Accounts einen guten Draht ins Weiße Haus hat.

Wer twittert da wirklich? Rebellen im eigenen Haus? Mitarbeiter, die „dem Neuen“ die Loyalität verweigern? „Deep Throat 2.0“? Besorgte Bürger als gutes Gewissen Amerikas, die glauben, was Präsident Thomas Jefferson einst sagte: „Nur die Lüge braucht die Stütze der Staatsgewalt – die Wahrheit steht von allein aufrecht“? Ein feixender Collegestudent in einem Schlafzimmer in Iowa? Oder doch ein Journalist mit Insiderkenntnissen wie damals 1996, als „Time“-Kolumnist Joe Klein unter dem Pseudonym „Anonymous“ mit seinem süffig-skandalösen Bestseller „Primary Colours“ über einen wankelmütigen, sexbesessenen, unschwer als Bill Clinton zu identifizierenden Präsidentschaftsbewerber im Vorwahlkampf monatelang die Washingtoner Phantasien beflügelte?

Sicher ist: nichts. „Wir sind kein Fake“, versichert der Account. Aber welcher Fake würde etwas anderes behaupten? Auf die Bitte um Verifikation kommt ein Hinweis auf die mögliche Strafbarkeit: „Entfolgen Sie uns gern. Wir haben Familien. Dieser Account könnte den Hatch Act verletzen“ – ein Hinweis auf ein US-Gesetz von 1939, dass Regierungsmitarbeitern politische Aktivitäten untersagt.

Ausgerechnet Twitter, sein Lieblingswerkzeug, macht Präsident Trump zu schaffen. So nah an einem sich unbeobachtet glaubenden US-Präsidenten wähnte sich das politische Amerika nicht mehr, seit im Watergate-Skandal Richard Nixons im Oval Office mit einem Sony TC-800B-Bandgerät aufgezeichnete Gespräche öffentlich wurden. Juden nannte er „sehr aggressive, anstrengend und widerwärtig“, Frauen waren ihm zu emotional („Zum Glück haben wir keine im Kabinett“), Journalisten bezeichnete er als „armselige, dumme Bastarde“.

Echt oder nicht? Hoax-Accounts gehören zum Internet-Ökosystem, sind aber zumeist schnell auszumachen. Sicher ist, dass frustrierte Mitarbeiter des Weißen Hauses Washingtoner Journalisten durchaus bereitwillig mit pikaten Details aus dem Präsidentenumfeld füttern. „So viele undichte Stellen im Weißen Haus in so kurzer Zeit – und mit soviel Verachtung für den Präsidenten – wie in den ersten Tagen von Trumps Präsidentschaft habe ich noch nie erlebt“, schreibt der „Washington Post“-Reporter Chris Cillizza. Die „Washington Post“ urteilt, ohne Beweise seien die äußerst populären Tweets nur „politische Astrologie“: plausibel klingende, aber unbewiesene Beiträge, die die Bedenken und Befürchtungen der Trump-Gegner zu bestätigen scheinen.

Von RND/Imre Grimm

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Durch die Verbesserung des Facebook-Algorithmus will der Social-Media-Gigant künftig so genannte „Fake News“ aus den Newsfeeds seiner Nutzer verbannen. „Irreführende, sensationsheischende und als Spam zu wertende“ Inhalte werden künftig bekämpft – auch mit Hilfe der Nutzer.

01.02.2017

Das Löschen von Fake News könnte nach Ansicht des Digitalverbands Bitkom zu „einer massiven Einschränkung der Meinungsfreiheit“ führen. Er rät deswegen von vorschnellen Beschlüssen ab. Bitkom plädiert dafür, stattdessen die Medienkompetenz der Nutzer zu stärken, um Falschnachrichten besser erkennen zu können.

01.02.2017

Wer einen Urlaub im EU-Ausland plant, kann sich freuen: Handy-Telefonate, SMS-Versand und das Surfen im Internet kosten bald nicht mehr als zuhause.

01.02.2017
Anzeige