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Netzwelt Herzlichen Glückwunsch, #Hashtag!
Nachrichten Medien Netzwelt Herzlichen Glückwunsch, #Hashtag!
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19:50 23.08.2017
Botschaft mit Hashtag: Aufruf zur Befreiung des deutschen Journalisten Deniz Yücel am Springer-Hochhaus in Berlin. Jedes Nachrichtenereignis, jede Breaking News, jede Debatte und jedes Großevent haben inzwischen ihr eigenes Kürzel. Quelle: dpa
Hannover

Es gab eine Zeit, die Älteren erinnern sich, da hieß Rucola noch Rauke. Das war, bevor das kulinarische Unkraut zum Giersch der gehobenen Küche wurde. Ebenso gab es eine Zeit, da hieß Raute noch Raute. Dann aber legte das gute alte Doppelkreuz eine internationale Karriere als #Hashtag hin. Und der als „Lattenzaun“ verspöttelte Tastatur-Exot wurde – wie sein Bruder im Geiste, das @ – vom typographischen Sonderling zum globalen Superstar unter den Satzzeichen.

Heute ist die Raute so trendy wie nie zuvor – und feiert ihren zehnten Geburtstag als #Hashtag. Rückblick: Im Geburtsjahr des #Hashtags, 2007, ist das nerdige Gemurmel im Netz bereits zu einem kommunikativen Sturzbach angeschwollen. Anderthalb Jahre nach Jack Dorseys legendärem ersten Tweet „just setting up my twttr“ plappert man im Netz wild durcheinander. Es ist praktisch unmöglich, Tweets zu einzelnen Vorgängen gebündelt herauszufiltern.

Der Google-Designer und Internetaktivist Chris Messina, damals Twitter-Nutzer Nummer 1186, hat am 23. August 2007 einen bescheidenen Vorschlag: „Was haltet ihr von der Nutzung eines # für Gruppen?“, fragt er per Tweet. Die Netzwelt umarmt die Idee. Es ist die Geburtsstunde eines Sprachwerkzeugs, dass die globale Kommunikation revolutionieren wird. Wie ein virtuelles Treibnetz „erhascht“ der #Hashtag (nach dem englischen Wörtern „hash“ für Raute und „tag“ für Markierung) im Ozean der Wörter Beiträge zu einem bestimmten Thema.

Der Praxistest – um nicht zu sagen: die Feuertaufe – folgt bei den Waldbränden in Südkalifornien im Oktober 2007. Sechs Jahre später war der Hashtag schon so berühmt, dass sich Jimmy Fallon und Justin Timberlake in einem legendären Comedy-Spot über dessen inflationäre Verwendung im Sprachgebrauch lustig machten.

Der Siegeszug des „Lattenzauns“

Die Idee war nicht ganz neu: Seit dem Holozän des Netzes werden im Internet Relay Chat (IRC) einzelne Kommunikationskanäle („Channels“) zu bestimmten Themen mit dem # markiert (#games). Auch der 1980 von der Bundespost gestartete Bildschirmtext BTX nutzte die Raute schon – wenn auch nur als Endsymbol für Seitennummern (*2500025#).

Doch erst Messina macht den Hashtag zum Phänomen. Von nun an erhalten alle Breaking News, jede Debatte und jedes Großevent ein eigenes Kürzel und werden damit zur Marke. Im Juli 2009 baut Twitter die Funktion in seine Datenbanktechnik ein; #Hashtags sind von da an verlinkte Sammelbegriffe.

Im Januar 2011 übernimmt Instagram die Idee, im Januar 2013 enthält bereits die Hälfte aller Werbespots zum US-Superbowl einen #Hashtag, im März 2013 folgt Flickr. Und erst im Juni 2013, vor kaum mehr als vier Jahren, lässt sich auch Facebook dazu herab, das Erfolgsprinzip des kleinen Konkurrenten Twitter zu übernehmen.

Der #Hashtag wird zur kommunikativen Kunstform, prägend bis hinein in analoge Teenager-Talks („Und ich so: Hashtag geht’s noch?“). Hashtags markieren emotionale Zustände (#crying), dienen als virtuelles Schulterzucken (#justsaying) und ironisches Aperçu (#fragefüreinenfreund), verbinden virtuelle Lästergemeinschaften (#tatort) und symbolisieren Fassungslosigkeit (#WTF, „What the fuck?“), politische Grundhaltungen (#RefugeesWelcome) und Solidarität (#JesuisCharlie). Gerade hat der Duden den Begriff geadelt: Er nahm in mit 5000 weiteren neuen Wörtern in seine Sammlung auf.

Hashtags, die Geschichte schreiben

Einzelne Hashtags schreiben Geschichte: Im Januar 2013 bündelt der von Anne Wizorek vorgeschlagene Hashtag #aufschrei Vorfälle von Alltagssexismus. Der Begriff erweist sich als Agendasetter auch für die Offline-Welt. Spätestens jetzt dienen die „Trending Topics“ bei Twitter, die meistdiskutierten Themen also, als Seismografen für das, was den Mainstream umtreibt, nicht mehr bloß eine digitale Minderheit. Der Hashtag #EhefuerAlle – den Aktivisten geschickt als Ersatz für den flapsig-abschätzigen Begriff „Homo-Ehe“ lancieren – beflügelt mit Erfolg die Bewegung, die sich für die Gleichstellung homosexueller Paare einsetzt.

Das Netz befeuert die Sprachhomogenisierung: Überall spricht man vom „Hashtag“ – nur im kulturell traditionell hartleibigen Frankreich werben Sprachhüter für den französischen Begriff „mot-dièse“ (Rautenwort). Eine Idee für Deutschland? Eher nicht. Noch der überzeugteste Traditionalist muss wohl einsehen, dass „Doppelkreuzschlagwort“ chancenlos bliebe.

Der #Hashtag in Zahlen

Täglich werden weltweit rund 125 Millionen Hashtags getwittert.

Der meistgenutzte TV-Hashtag bei Twitter ist #TheWalkingDead.

Der meistgenutzte Film-Hashtag bei Twitter ist #StarWars.

Der meistgenutzte Hashtag zu einem globalen Sportereignis auf Twitter ist #WorldCup.

Von Imre Grimm/RND

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