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20:11 18.05.2018
Anonyme Warnung vor Gift – ein Archivbild aus Berlin. In der Nähe des Tegeler Sees wurden im vorigen Sommer Hunde und Wildtiere vergiftet. Quelle: dpa
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Hannover

Die Pfoten des Schäferhundmischlings hängen schlaff über der Kante des Sektionstisches. Von einer Sekunde auf die andere war der Hund umgefallen, tot. Unerklärlich für die Besitzer. Neben dem Tisch steht ein Mann, in der Hand hält er ein Wellenschliffmesser. Dann geht es los. Der Sektionsgehilfe, ein gelernter Metzger, setzt den ersten Schnitt an. Nach und nach arbeitet er sich vor.

Der 47 Jahre alte Ingo Schwabe – eckige Brille, weiße Metzgerschürze, grünes Hemd – arbeitet seit 14 Jahren im Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA) als Tierpathologe. Der Familienvater hat tote Riesensalamander, Pfeilgiftfrösche, Wölfe und Katzen obduziert, einmal sogar eine Giraffe. Die Wilhelma, der zoologisch-botanische Garten Stuttgarts, liegt quasi um die Ecke. Rund 7000 tote Tiere landen jährlich auf den Sektionstischen der CVUA. Bei etwa 60 Fällen handelt es sich um Straftaten. Tendenz steigend. Schwabes Arbeit wird immer wichtiger.

Die Deutschen nehmen Tierschutz ernst

Steht der Verdacht im Raum, dass ein Tier getötet oder gequält wurde, wird Schwabe zum Gerichtsmediziner. Er sichert dann Beweise für die Staatsanwaltschaften oder die Tierbesitzer. Die Deutschen nehmen den Tierschutz ernst und bringen viele Fälle zur Anzeige. Im vergangenen Jahr erfasste das Bundeskriminalamt 6527 Verstöße gegen das Tierschutzgesetz.

Zwar fehlt es an Statistiken, wie viele davon in Strafverfahren mündeten, doch die Tiermediziner bestätigen: Die Zahl der privaten Tierobduktionen steigt. Die Menschen achten stärker auf das Tierwohl, rufen schneller die Polizei und ziehen beherzter vor Gericht. Wurde die Katze vom Nachbarn vergiftet? Hat der Förster den Hund beim Waldspaziergang angeschossen?

Bringen Menschen ihre verstorbenen Tiere zu Schwabe, hoffen sie fast immer auf Absolution. „Die Frage, ob sie den Tod in irgendeiner Form mitverschuldet haben, führt sie in vielen Fällen hierher“, sagt Schwabe. 130 Euro kostet eine Sektion, das muss man sich leisten wollen. Rund 70 Prozent der Tiere auf Schwabes Sektionstisch sind Nutztiere wie Schafe, Rinder, Ziegen.

Mitunter geht es auch um viel Geld, etwa in diesem Fall: Ein Rennpferd ist tot, die Besitzer verklagen den Tierarzt wegen Behandlungsfehlern. Die Tiere kosten viel Geld und sind entsprechend hoch versichert – Summen von bis zu einer Million Euro sind nicht unüblich. Vor Gericht geht es dann häufig um folgende Fragen: Starb das Pferd wegen Dopings, oder hat der Arzt Fehler gemacht, etwa einen Tupfer vergessen? Wurde eventuell nachgeholfen?

In letzter Zeit beschäftigen Schwabe auch häufiger Fälle sogenannten Animal Hoardings, wenn sich vermeintliche Tierliebhaber etwa 30 Katzen in einer Zweizimmerwohnung halten. „Da bekomme ich dann mumifizierte Katzen auf den Sektionstisch, weil die Polizei nach der x-ten Klage endlich mal die Wohnung geräumt hat und festgestellt hat, ups, da sind ja auch Tiere verendet.“ Er muss dann unter anderem herausfinden, wie lange sie schon tot sind.

Als Tierpathologe vor Gericht

Ingo Schwabe muss also viele Fragen beantworten – und immer häufiger auch vor Gericht. Erst kürzlich war der Tierpathologe zu einem Mordprozess geladen. Ein Dealer hatte eine Frau umgebracht und anschließend die Wohnung angezündet, um die Spuren zu verwischen. Als die Ermittler am Tatort auftauchten, lagen neben der Frauenleiche zwei tote Katzen. Hatte der Täter sie getötet oder starben sie durch das Feuer? Schwabe konnte nachweisen, dass die Tiere an einer Rauchvergiftung starben.

Selten erfahren Tierpathologen, wie derlei Gerichtsprozesse enden. Meistens schicken ihm die Ermittler einen Vorbericht, er seziert das Tier, schickt die Proben ins Labor und schreibt einen Befund für die Staatsanwaltschaft. „Die Tierforensik steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen“, sagt Schwabe. In Großbritannien sei es üblich, Tierpathologen zum Tatort dazuzubestellen. Tiervergehen würden dort viel konsequenter geahndet.

So bringt die englische Tierschutzorganisation „Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals“ regelmäßig Tierschutzverstöße vor Gericht. In Deutschland hingegen besitzt nur das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen ein Dezernat für Umweltvergehen. Die allermeisten Straftaten an Tieren werden daher nicht aufgeklärt. Ein zerfledderter Wanderfalke auf dem Acker, ein toter Wolf im Wald – es lässt sich nur schwer zurückverfolgen, wer dafür verantwortlich ist. Bei der Obduktion können Pathologen aber zumindest meistens klären, wie das Tier ums Leben kam.

Landwirte gehören zu Schwabes Stammkunden. Ist beispielsweise ein Rind krank, wollen sie wissen, ob auch der Rest der Tiere gefährdet ist. Auch Zoonosen – also Krankheiten, die auch auf den Menschen übertragen werden können – muss der Tierpathologe feststellen. Seine Arbeit ist wichtig für die Verbraucher.

Der Nachbar ist selten der Mörder

Allergisch reagiert Schwabe, wenn Menschen Tiere dazu benutzen, ihre Probleme zu bewältigen. Trauernden Tierbesitzern hilft er gern, hysterischen weniger. „Sie glauben ja nicht, wie viele Menschen zu uns kommen und behaupten, der Nachbar habe ihr Tier vergiftet“, sagt er. Dabei sei es in all den Jahren exakt einmal vorgekommen. Schwabes Befunde schaffen dann rasch Klarheit. Er spart den Gerichten Arbeit – die meisten Besitzer sehen nach der Diagnose von einer Klage ab.

Die Arbeit der Tierpathologen ist aufwendig, aber es ist ein Aufwand, der nicht übertrieben ist. Letztlich geht es nämlich nicht nur um die Tiere. Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die Tiere schlagen oder quälen, auch überdurchschnittlich oft zu Gewalttätern werden. Nicht zuletzt deshalb ist das Aufdecken von Straftaten an Tieren auch im Interesse der Gesellschaft.

Von Nadine Zeller

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