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Netzwelt Wieso können Facebooks Content-Moderatoren traumatisiert werden?
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17:44 25.09.2018
Mitarbeiter des Löschzentrums von Facebook in einem Service-Center in Berlin. Quelle: Soeren Stache/dpa
Hannover

Eine frühere Facebook-Moderatorin verklagt Facebook. Sie sagt, ihre Arbeit als Content-Moderatorin, bei der sie Bilder und Videos von Vergewaltigungen, Folter, Mord, Missbrauch von Kindern oder auch Enthauptungen, entfernte, habe bei ihr eine posttraumatische Belastungsstörung verursacht. Ihre Anwälte werfen Facebook vor, sich nicht ausreichend um die Sicherheit der Mitarbeiter zu sorgen. Dem Konzern droht nun eine Sammelklage.

Doch wie könnte eine solche Hilfe überhaupt aussehen? Sebastian Trautmann vom Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden erklärt im Interview, warum Facebooks Content-Moderatoren besonders gefährdet sind und wieso es schwierig ist, Menschen vor einem Trauma zu schulen.

Facebooks Content-Moderatoren oder auch Sanitäter erleben keine Gewalt am eigenen Körper. Wieso können sie trotzdem ein posttraumatisches Belastungssyndrom entwickeln?

Weil es reicht, traumatische Ereignisse, wie einen Unfall, zu beobachten. Sehen wir bei anderen Menschen bestimmte Emotionen wie Schrecken oder Entsetzen, sind bei uns im Gehirn die gleichen Areale aktiv, wie wenn wir sie selbst erleben. Das ist in den meisten Fällen positiv, denn das macht uns zu sozialen Wesen. Es kann aber auch, wenn anderen Personen starkes Leid zugefügt wird, zu Symptomen wie eben einer posttraumatischen Belastungsstörung führen.

Dass man auch durch das Beobachten von Medien, Symptome entwickelt, ist auch eine relativ neue Entwicklung. Wie genau das passiert, wird aktuell noch erforscht. Es könnte zum Beispiel daran liegen, dass man sich fragt: Was wäre, wenn das mir passiert wäre? Aber auch Gefühle wie Schuld und Hilflosigkeit können eine Rolle spielen.

Man muss aber auch sagen, dass von all den Menschen, die ein Trauma erleben, nur ein sehr kleiner Teil tatsächlich Symptome entwickelt.

Sind Facebooks Content-Moderatoren gefährdeter?

Menschen, die beruflich ständig mit traumatischen Ereignissen konfrontiert sind, bilden eine Risikogruppe. Denn je mehr traumatische Ereignisse man erlebt, desto höher ist das Risiko, auch Symptome zu entwickeln. In dieser Hinsicht sind Facebook Content-Moderatoren, die wiederholt mit belastenden Inhalten konfrontiert werden, gut mit Feuerwehrleuten oder Sanitätern vergleichbar.

Diese Menschen wissen, dass sie in ihrem Job mit sehr belastenden Szenen konfrontiert sind. Kann man sie nicht vorher so schulen, dass sie keine Symptome entwickeln?

Wie das möglichst effektiv funktioniert, wissen wir noch nicht genau. Man versucht immer wieder, Methoden aus Forschung und Therapie abzuleiten und daraus Präventionsangebote zu entwickeln. Patienten in Behandlung lernen ja zum Beispiel mit bestimmten Emotionen wie Angst, Schuld oder Scham umzugehen, den Stress zu bewältigen und erlebte Situationen anders zu bewerten. Bei Menschen, die bereits Belastungssyndrome zeigen, ist das sehr hilfreich. Maßnahmen, die bereits einsetzen, bevor überhaupt irgendetwas passiert ist, sind bislang nur begrenzt oder nur bei bestimmten Menschen wirksam.

Warum?

Wahrscheinlich, weil nur ein relativ geringer Teil der Menschen überhaupt anfällig für solche Symptome nach belastenden Ereignissen ist. Wenn wir das mit allen machen, auch mit denen, die das nicht bräuchten, ist das wenig effektiv.

Wie kann man den Menschen denn dann helfen?

Es gibt verschiedene Möglichkeit, Menschen nach traumatischen Erfahrungen zu unterstützen. Was gut ist, ist eine Möglichkeit für die Mitarbeiter, sich an jemanden zu wenden. Wenn sie dann bemerken, dass sie erste Symptome haben, sollten sie das ansprechen und Hilfe suchen können – ohne Angst vor Stigmatisierung oder Karrierenachteilen haben zu müssen. Das funktioniert aber nicht nach dem Gießkannenprinzip oder wenn man solche Hilfe übergestülpt bekommt. Im Gegenteil: Man hat sogar festgestellt, dass unfreiwillige „Hilfe“ kontraproduktiv sein kann.

Was macht einen guten Ansprechpartner aus?

Am Besten ist es jemand, der nicht von außen kommt, sondern nachvollziehen kann, worum es geht. Wir kennen das aus dem Militär, wo es solche Systeme gibt. Ein Soldat wird sich eher einem anderen Soldaten anvertrauen – der dann aber vorher von Psychologen geschult wurde.

Aber die Mitarbeiter sind dann vor allem für sich selbst verantwortlich. Sie müssen selbst erkennen, dass es ihnen nicht gut geht.

Ja, aber Selbstverantwortlichkeit muss nichts negatives sein. Das heißt ja: Ich – kein Chef, kein Psychologe – darf selbst entscheiden, wann ich das Gefühl habe, Hilfe zu brauchen. Aber natürlich ist es wichtig, dass die Personen das nötige Wissen haben und sensibilisiert sind. Das können zum Beispiel Informationsprogramme leisten, die erklären, was überhaupt ein Trauma ist, welche verschiedenen Reaktionen es darauf gibt. Bei der Bundeswehr, der Polizei oder auch Feuerwehr gibt es solche Programme.

Von Anna Schughart/RND

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