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Netzwelt YouTuber Fynn Kliemann bringt Debüt-CD raus
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14:06 03.09.2018
YouTube-Größe Fynn Kliemann baut mit Freunden ein Bücherregal Quelle: Bert Strebe
Rüspel

„Ich schraub’ das jetzt mal hier an“, sagt Fynn Kliemann. Sein Kompagnon hält das Gebilde aus alten Brettern und Plexiglas, das aussieht wie ein sehr nachlässig hergestelltes Fenster, an ein mannshohes Lattengerüst. Kiemann setzt den Akkuschrauber an den Scharnieren an. Rrrrrrr, macht der Schrauber. Und noch mal, auf der anderen Seite, rrrrrrr. Fertig? Wackelt alles ein bisschen. Na ja, darf es auch. Aber es ist leider nicht ganz mittig angebracht. Also wieder losschrauben, rrrrrrr, versetzen, neu anschrauben, rrrrrrr. Aufklappen, zuklappen. Funktioniert. Fertig. Alle lachen.

Was da gerade auf dem weitläufigen Anwesen namens „Kliemannsland“ im Elsdorfer Ortsteil Rüspel bei Rotenburg an der Wümme direkt neben einem grünen alten Trecker entsteht, ist ein Bücherschrank, aus dem man sich mittels Joystick und Greifarm einfach zu lesende Bücher herausholen kann. Das Teil aus Altholz und Plexiglas ist die Klappe, durch die man am Ende an die Bücher rankommt. Aber Joystick und Greifarm? Und wieso einfach zu lesende Bücher? Was hat das alles miteinander zu tun?

Fynn Kliemann ist ein berühmter Mann

Der Zusammenhang ist: Am 8. September begeht die Welt den Tag der Alphabetisierung. Und der Mann mit dem Akkuschrauber, Fynn Kliemann, ist ein berühmter Mann, der seinen Ruhm nutzt, um der Alphabetisierung etwas unter die Arme zu greifen. Natürlich nicht mit warmen Worten über den Nutzen des Lesens und Schreibens, das wäre langweilig. Stattdessen hat er sich Pascal Busche von der Lesenlernkampagne „iChance“ auf den Hof geholt und baut mit ihm die Bücherkiste mit Greifarm.

Und die ganze Zeit stehen Kameramann und Tonmann dabei und nehmen alles auf. Am Rand der Szene notiert Tim Schaefer, einer der Chefs der hannoverschen Fernsehproduktionsfirma Cineteam, den Ablauf. Alles sieht ein bisschen chaotisch und lustig aus, und das soll es auch, genauso soll es später im Netz wirken. Deswegen darf auch der Bücherschrank kein normaler Bücherschrank sein, sondern muss einen Joystick haben. „Gamification“ sei das Zauberwort, sagt Schaefer. Cineteam dreht die Kliemann-Filmchen für den NDR und den ARD-Jugendkanal „funk“, den man gar nicht im Fernsehen sehen kann, sondern im Internet. Am Alphabetisierungsstichtag wird Kliemanns Bücherschrankzusammenschraubvideo auf Youtube zu sehen sein.

Hundert Millionen Klicks für Kliemann

Es ist eines von unzähligen Videos, die Kliemann in den letzten Jahren ins Netz gestellt hat. Bauanleitungen für Hochbetten und Magneten, Filme von Treckerrennen, Musikvideos: Es gibt wenig, was der 28 Jahre alte Schlacks mit den gekonnt verwuschelten Haaren und diesem speziellen Lächeln, das man früher als Schwiegersohnlächeln bezeichnet hätte, nicht tut. Wobei man bislang fast nur die witzige Seite von ihm gesehen hat. Das ändert sich jetzt.

Kliemanns erstes Video handelte von einem Umbau bei einer Kamera, den wollte er seinen Kumpels zeigen. Weil es ihm zu mühsam war, jedem einzelnen was zu schicken, lud er den Streifen auf Youtube hoch. Und plötzlich stellte er fest, dass ein paar zehntausend Leute es angeklickt hatten. Wie viele Klicks hat er heute? Kliemann zieht sein Handy aus der Tasche und wischt ein bisschen darauf herum und zählt. „Alles zusammen?“ Alles zusammen. „Hundert Millionen.“

Kliemann will kein YouTube-Star sein

Aber die Bezeichnung „YouTube-Star“ findet Kliemann „ekelhaft“. Er sieht sich überhaupt nicht als Star, sondern als jemand, der „ein bisschen was mit ein paar Leuten macht“. Nicht mehr ins Einkaufszentrum fahren zu können vor lauter Popularität, alle fünf Minuten ein Selfie mit einem Fan machen zu müssen, das sei nicht sein Ding.

Hobby also? Eigentlich sei er ja Unternehmer, erzählt Kliemann. Er hat eine Agentur, die Internetseiten baut. Er hat witzige Erzählungen geschrieben und den Verlag für das Buch gleich selbst gegründet. Er macht Musik. Und ansonsten, bei dem ganzen Youtube-Zeug, gehe es vor allem darum, Spaß zu haben, sagt er.

Es gibt zwei Kliemann-YouTube-Kanäle, bei denen das vorherrschende Element das Rohe, Unfertige, gewollt Dilettantische ist. Hier wird nichts glattgebügelt: verqueres Mienenspiel, ungeplante Bewegungen, Versprecher – bleibt alles drin. Das macht es lustig. Man sieht Schnitte, wo sie nicht hingehören, es werden Szenen im Zeitraffer mit Micky-Maus-Ton abgespielt, und immer wieder präsentiert sich Kliemann beim Fehlermachen – das macht es noch lustiger. Das Scharnier an der falschen Stelle anzuschrauben, ist eine Voraussetzung für diese Art Videos. Und technisch sind sie inzwischen alle hochprofessionell produziert.

Ein Kanal handelt vom „Heimwerkerking“ Kliemann. Der zweite erzählt vom Kliemannsland, dem Hof ins Rüspel, wo der Gamification-Bücherschrank entsteht. Früher war das ein Reiterhof, viele Scheunen und Ställe, 3,5 Hektar. Der Hausherr begrüßt gerade, die Stichsäge in der Hand, ein junges Pärchen mit Rucksäcken und Isomatten. Die beiden wollen ein paar Tage dableiben: Man kann Bürger vom Kliemannsland werden, 50.000 Menschen sind es geworden. Man kann kommen und irgendwas tun, Musik machen, Bilder malen (es gibt ein Tonstudio und ein Atelier), mit anpacken bei irgendeinem Projekt.

Eigentlich sei das wie damals zu Hause, erzählt Kliemann, seine Eltern hatten zusätzlich zu ihren Kindern noch Pflegekinder, es war immer was los. Alles, was man auf dem Gelände sieht, vom Grillplatz bis zum Dorfteich, ist von Kliemann und seinen Bürgern von Hand angelegt und aufgebaut worden. Zehn bis 20 Leute sind immer da. Ein Tummelplatz für Kreative.

Wie kommt man auf die Idee, sich einen Reiterhof zu kaufen? „Ich brauchte Platz, um mit Freunden Scheiße bauen zu können“, sagt Kliemann und grinst unter seinen Haarsträhnen hervor. „Einen Ort, an dem es nicht schlimm ist, wenn man mal mit dem Traktor durch eine Scheunenwand fährt.“ So ist das Kliemannsland entstanden. Inzwischen hat sich eine regelrechte Kliemann-Infrastruktur drumherum angesiedelt, Leute, die für in arbeiten, sind in die Nähe gezogen, Beziehungen sind entstanden, Familien.

Fynn Kliemann selbst wohnt nicht in Rüspel. Er hat ein Haus in der Nähe, mit seiner Freundin. „Aber auch da“, sagt er, „mache ich jeden Tag irgendwas kaputt und wieder heil, und ich habe keine Angst, was kaputt zu machen.“

Der dritte Kliemann-YouTube-Kanal ist für Musik

Der dritte Kliemann-YouTube-Kanal ist ein Musikkanal. Er hat schon immer Musik gemacht, hat in Bands Schlagzeug gespielt, Trash Metal, Punk, später hat er sich für Funk und Jazz interessiert. Weil im Kliemannsland und bei der Heimwerkerei das Ungeschliffene dominiert, könnte man meinen, dass die Musik, die Fynn Kliemann macht, in Richtung Garagensound tendiert. Aber weit gefehlt: „Hier habe ich einen perfektionistischen Ansatz.“

Wenn er von seiner Musik redet, ändert sich plötzlich der ganze Kliemann. Der Spaßvogel verschwindet aus seinem Habitus und seinen Augen, seine Stimmlage fällt um einen halben Ton.

Am 28. September erscheint Kliemanns Debüt-CD. Sie heißt „nie“. Songs, die von Schlaflosigkeit und Dunkelheit und Untergang und Alleinsein erzählen. Auch das wunderschöne Liebeslied „Zuhause“ ist ein Moll-Stück. Auf einmal ist das Raue in Kliemanns Stimme kein witzbetonendes Kieksen mehr, sondern Ausdruck von etwas Brüchigem: Der Clown zeigt seine melancholische Seite, ohne die er gar kein Clown wäre.

Musikalisch erinnert die Platte zunächst an alles Mögliche, Trip-Hop und Dave Matthews und Notwist beispielsweise, bis man merkt: Das ist gar nichts zum Vergleichen, das ist einfach nur original Kliemann. Es ist ein Soloalbum im besten Sinne, Klavier und Gitarre und Schlagzeug hat er selbst gespielt, „den Rest baue ich am Rechner“. Kliemann hat dafür natürlich auch die Plattenfirma selbst gegründet, der Vertrieb läuft nur über Vorbestellungen, er produziert nicht für den Grabbeltisch. Nach der ersten Marge gibt’s nur Downloads. 55.000 Fans haben schon geordert.

Wann geht er auf Tour? „Ich will nie live spielen“, sagt Fynn Kliemann. Das wirkt nur im ersten Moment überraschend. Kliemanns Videos machen Spaß, aber sie gehen nicht besonders tief. Mit der CD jedoch verlässt er den Schutzwall des Lustigen, er zeigt ein Stück von seinem Innenleben, von seinen Gefühlen. Und er weiß: „Sobald man Menschen emotional berührt, verändert sich die Verbindung.“

Dann gehört man nicht mehr nur sich selbst. Deswegen will Fynn Kliemann auch kein Star sein. Aber vielleicht ist es dafür schon zu spät.

Von Bert Strebe/HAZ/RND

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