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Neue Protestsongs von Billy Bragg

Pop Neue Protestsongs von Billy Bragg

Der Songwriter Billy Bragg veröffentlicht seine jüngsten Protestsongs als EP. Mit den sechs Songs „Bridges not Walls“ will der 59-jährige Engländer die gesellschaftlichen Gräben nicht weiter vertiefen, sondern Vernunft und Empathie in die gespaltenen Gesellschaften zurückbringen.

Stimme der Vernuft: Der britische Songwriter Billy Bragg wurde weltweit bekannt, als er zur Jahrtausendwende mit der US-Band Wilco zwei Alben mit Woody-Guthrie-Songs aufnahm.

Quelle: dpa

Hannover. Schön finden kann man die Welt ja später immer noch. „Du siehst einen Regenbogen, ich eine dunkle Wolke“, sang Billy Bragg vor knapp zehn Jahren seine Sicht auf die Welt in dem Lied „I Almost Killed You“. Auf dem Album „Mr. Love & Justice“ kündete er vom bedenklichen Zustand der (Brit-)Gesellschaft, den Freizügigkeiten, die den Leuten im Namen der Freiheit nach und nach genommen würden, und von der Demokratie, die paradoxerweise zu ihrem Schutz zerstört wird. Dabei war damals noch alles gut, gemessen an den politischen Weltwirren und gesellschaftlichen Angstzuständen, in die hinein er seine neue EP veröffentlicht.

„Das Leben stürzt dieser Tage schnell auf uns ein“

„Bridge not Walls“ heißt sie - „Brücken statt Mauern“. Ein kleiner weißer Button klebt auf der Folie. „Wie immer versuchen sich diese Lieder einen Reim darauf zu machen, was gerade passiert. Und es ist eine Menge passiert.“ Sechs Songs sind nur enthalten, mit vieren davon zielte der 59-jährige Londoner in den vergangenen Monaten in Richtung Brexit-Britannien und Trump-Amerika. Und veröffentlichte sie - im Gegensatz zu seinen sonstigen Album-Gepflogenheiten - sofort nach Fertigstellung online. „Das Leben stürzt dieser Tage wirklich schnell auf uns ein“, konstatiert Bragg die aktuelle Problematik des Songwriters. „Bevor man eine beunruhigende Entwicklung in Worte gefasst hat, kommt schon die nächste des Wegs, um uns aus dem Gleichgewicht zu werfen.“

Mit Krach und Ach geht es los. Goyas berühmtes Bild „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ im Madrider Prado inspirierte Bragg zu dem Song „The Sleep of Reason“, dessen Gitarren klirren wie auf Asphalt aufschlagende Eiszapfen. Lügen und Hybris sieht Bragg sowohl in den Vorgängen, die zum Brexit führten als auch in der Wahlkampagne Donald Trumps. Und die Schuldigen am Wiederaufstieg von Populismus und Nationalismus findet er nicht nur in den Treffs der Rechten: „Am Ende sind nicht Faschismus und Fanatismus die größten Bedrohungen der Demokratie sondern unsere Selbstzufriedenheit,“ heißt es in dem Lied. Die legendäre Exkulpation „The Kids are Allright“ von The Who wird bei ihm zu „The Kids are Alt-Right“. Die Zukunft ist auch bei der Jugend längst nicht mehr in guten Händen. Kein Aufbegehren. Nirgends. Stattdessen Gleichschritt.

Bragg, der 1977, im Jahr von The Clash und den Sex Pistols, mit der Musik begann, schlägt die Gitarre metallisch und zornig bei der Coverversion von Anais Mitchells „Why We Build The Wall?“, einem Stück von deren Folkoper „Hadestown“ aus dem Jahr 2010, das perfekt in diese Zeiten passt. „Wir bauen die Mauer, um frei zu bleiben“, schreit da ein Apologet der Abschottung den Kindern die vermeintliche Notwendigkeit des Isolationismus ins Ohr, als wäre er Donald Trump höchstselbst. „King Tide and the Sunny Day Flood“ ist ein Countrysong mit maunzender Steelgitarre und Frauenchören, die an Leonard Cohen erinnern. „Wäre das nicht schön, wenn wir die Welt und alles retten könnten, nur durch das Sammeln von Dosen und leeren Flaschen?“ fragt Bragg zu einem wohligen Country-Shuffle und lässt im Refrain keinen Zweifel, dass das eben nicht reicht und die Zeit drängt.

Hommage an ein mutiges Lächeln

Zum Schmurgeln einer Hammondorgel bringt er dann mit „Saffiyah Smiles“ eine Hommage an die junge Demonstrantin Saffiyah Khan, die im April bei einem Aufmarsch von Neonazis in Birmingham einer verschleierten Frau zu Hilfe kam und den Anführer der braunen Angreifer mit nur einem Lächeln in Schach hielt, bis die Polizei da war. Ein Bild der Solidarität, das um die Welt ging.

Der schärfste seiner neuen Songs fehlt wohlweislich: „The Times Are A.Changing Back“, eine Neuausrichtung des Protestsongklassikers, in dem Bob Dylan vor 53 Jahren eine freiere Welt auf dem Vormarsch sah. Bragg malte den Gegensong in Schwarz: „Kommt Mexikaner, Moslems, Schwule, Lesben und Juden / sperrt die Augen weit auf für die Neuigkeiten / denn Präsident Trump äußert heute wieder seine Weltsicht. / Und ich fürchte, der Mob, den er damit aufhetzt / wird bald schon eure Fenster einwerfen, eure Schulen abbrennen / die Zeiten ändern sich nämlich zum Schlechten.“ Dafür ist mit „Full English Brexit“ eine wehmütige Pianoballade enthalten, in der der Sänger mit müder Stimme die Weltsicht eines älteren „Leave“-Wählers schildert. Spott wäre einfach gewesen, stattdessen entsteht das Bild eines beinahe sympathischen Mannes mit Vorbehalten. „Musik“, verkündete Bragg erst vorigen Sonnabend (4. November) auf der Website I-News, „kann einem eine andere Perspektive aufzeigen, die von jemandem, den man nie getroffen hat, in dessen Lage man sich nie selbst befand.“ Es geht Bragg um Brücken, nicht um Gräben, um Reden nicht Schweigen, um Vereinen nicht Polarisieren.

„Die Währung der Musik ist Empathie“

Und machten Braggs Platten früher schmerzhaft klar, dass er mit seiner unbeugsamen Haltung und seiner unveräußerlichen Moral in der Populärmusik beinahe eine Liga für sich war, steht er heute in einer breiten Allianz von Künstlern und Bands, die Rock und Pop wieder in die Pflicht einer Protestkultur nehmen. Songs sind für Bragg eine Mission, die gelingen kann, weil sie bieten, was dem öffentlichen Diskurs völlig fehlt: „Die Währung der Musik“, sagt er, „ist Empathie.“ Und da sieht er am Ende wohl doch noch ein bisschen Regenbogen.

Billy Bragg: Bridges not Walls (Cooking Vinyl, bereits erschienen)

Von Matthias Halbig / RND

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