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13:13 20.11.2017
Viel Rauch um nichts: Politische Beobachter schwelgten in Metaphern, als hätten sie selbst einen der Joints geraucht, den sie in ihren Texten beschworen. Quelle: dpa, Montage
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Berlin

Der Name Jamaika leitet sich vom arawakischen Xaymaca ab, was so viel heißt wie Quellenland. Tatsächlich diente der Begriff während der Berliner Koalitionsverhandlungen als unerschöpfliche Inspirationsquelle sprachlicher Expeditionen ins Reich von Palmen, Reggae und Dreadlocks.

Jamaika – farewell! Ernüchterung statt Exotik

Jamaika – farewell! Vorbei der Traum. Kurz nach der Wahl stand die Insel noch für Exotik. Eine willkommene Abwechslung zur Groko, die klang wie eine seltene Krötenart. Jamaika lieferte das spannendere Kopfkino im Vergleich auch zur Ampelkoalition – immerhin schön bunt, doch die Ampel ist von Natur aus streng geregelt und deshalb doch ein wenig langweilig. Und weil man es versäumte, Schwarz-Gelb als Tigerentenclub zu verschlagworten, öffnete Jamaika ungekannte Assoziationsräume. Je zäher sich die Koalitionsverhandlungen jedoch ohne Ergebnis streckten, desto wilder die Stürme, die über die Südseeinsel zogen – zumindest in den Medien.

Seit der Abwrackprämie hat kaum ein Begriff die Fantasie der politischen Beobachter derart beflügelt. Teils klangen die Berichte so, als hätten die Verfasser selbst einen der Joints geraucht, die sie in ihren Artikeln über die Koalitionssondierungen so gern beschworen. Die „Welt“ befürchtete allen Ernstes einen Seriositätsverlust, wenn die Regierung „nach einem Kifferparadies benannt ist“. Die „Sulzbach-Rosenberger Zeitung“ hingegen warnte, dass es in der Koalition nichts mit lässig abhängen werden würde.

Der „Spiegel“ frohlockte: „Ein Hauch von Südsee liegt schon über dem Regierungsviertel“, während sich die „taz“ satirisch über „Dschamaiga“ mokierte und eine Umbenennung forderte. Der allseits präsente Jamaika-Klang wurde noch vor der Regierungsbildung so penetrant wie die Vuvuzela während der Fußball-WM in Südafrika.

Lindners Kleeblatt-Metapher war keine Alternative

Christian Lindner, der jetzt in der Nacht zum 20. November hinschmiss, versuchte zunächst verzweifelt, das Kleeblatt als verheißungsvollere Alternative zu etablieren, doch das Glück war ihm dabei nicht hold. Auch „Sachsen-Coburg-Gotha-Koalition“ konnte sich nicht durchsetzen. Der Herzog des einstigen Kleinstaats hatte einst ein schwarz-gelbes Banner mit grüner Banderole geführt.

Die Politiker selbst trugen mit ihrer Metaphern-Überheizung dazu bei, dass die Klimaerwärmung Jamaika erreichte. „Ich würde sagen, es zieht gerade ein Hurrikan auf über Jamaika“, sagte FDP-Vize Wolfgang Kubicki Ende letzter Woche. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter konterte: „Der Hurrikan kommt halt daher, dass sich beim Klima so wenig tut.“

SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles verstrickte sich im Tau ihrer nautischen Bilderwelt: „Die Jamaikaner schippern ohne Kompass auf der See, kreuzen dieses und jenes Thema, aber wissen nicht, wo sie Anker werfen wollen.“

Wenn schon keine Ergebnis – dann wenigstens Bob Marley

Bei Twitter ging die kollektive Karibikhysterie weiter. „Bleibt nur zu hoffen, dass nicht diejenigen den Preis für Jamaika bezahlen, die sich eine Reise nach Jamaika sowieso nie leisten können“, schreibt dort ein Nutzer. Ein anderer versah ein Video mit einem aufgebrachten Winfried Kretschmann mit der Zeile „Schlimmer Vulkanausbruch auf #Jamaika. Die Trauminsel versinkt.“ Einen Tag nach dem Abbruch der Verhandlungen etablierte sich schnell ein neues Schlagwort: #Nomaika. Die Twitter-Erkenntnis des Tages: Man habe sich bei den Verhandlungen nicht mit „Rum“ bekleckert...

Die Jamaika-Trunkenheit steht – wie auch schon die jeweiligen Farbzuweisungen der Parteien – für den Versuch, abstrakte Sachverhalte zu veranschaulichen. Deshalb ist es kein Wunder, dass die Metaphern gerade dann so wogten wie die Wellen am Südseestrand, als die Koalitionsgespräche stagnierten. Wenn es keine Ergebnisse gibt, dann doch wenigstens Bob Marley.

Die Koalition hätte eins mit der Insel gemein gehabt: Sie ist aus der Nähe betrachtet längst nicht so paradiesisch, wie sie einigen aus der Ferne erschien. Dass die Fantasie manchmal die Realität übertrumpft, davon handelte schon Janoschs berühmtes Kinderbuch. Oh, wie schön war Jamaika.

Mehr zum Scheitern der Jamaika-Sondierungen

Alle Informationen aus Berlin, Stimmen, neuste Entwicklungen und mögliche Szenarien über das, was kommen jetzt folgt, lesen Sie hier.

Von Nina May / RND

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