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Rührender Rollenbruch

Moderation Rührender Rollenbruch

Eigentlich sollen Moderatoren neutral und objektiv sein. Doch wenn sie Gefühle zeigen rühren sie und. Weshalb uns Kleber und Co. so bewegen.

Neutral und objektiv: So sieht die klassische Moderatorenrolle aus. Claus Kleber hat dieses Bild jedoch jetzt gebrochen.

Quelle: dpa

Leipzig. Er steht mit durchgestrecktem Rücken vor der Kamera. Seine Artikulation ist sehr prononciert, der Tonfall sachlich. Ob es in den Nachrichten um ein die Pressefreiheit aushebelndes Anti-Terror-Gesetz in Ägypten geht oder um ein unter Wasser stehendes Flüchtlingsheim – an der Stimme des Moderators lässt sich der Inhalt nicht ablesen: Heinz Wolf führte am Montagabend als Redakteur des „heute-journals“ im ZDF die klassische Rolle des Moderators einer Nachrichtensendung vor.

Sein Kollege Claus Kleber ist in der vergangenen Woche für einen Moment aus der Rolle des neutralen Moderators gefallen und hat dafür viel Zustimmung erfahren. Dem „heute-journal“-Moderator war angesichts eines Busfahrers, der Flüchtlinge herzlich willkommen hieß, für einen Moment die Stimme gestockt. Eine von vielen Twitter-Nachrichten lautete: „Es ist gut, wenn Nachrichtenmoderatoren keine Sprechmaschinen sind und Emotionen zeigen.“ Zwischen den Zeilen versteckt sich hier das Bild des Nachrichtenmoderators vom Telepromptervorleser, der Empathiebekundungen den Markus Lanzen dieser Welt überlässt. Immer dann, wenn ein Moderator von diesem allzu einfachen Schema abweicht, ist Aufmerksamkeit garantiert. Als Peter Klöppel 2001 in einer Livesendung das Entsetzen angesichts der rauchenden Zwillingstürme des World Trade Centers ins Gesicht geschrieben stand, sorgte das für Aufsehen. Als Marietta Slomka 2013 den SPD-Politiker Sigmar Gabriel im ZDF-Interview in die Mangel nahm, diskutierte das Netz über ihre „Ruppigkeit“.

Auch als Caren Miosga 2014 in den „Tagesthemen“ den verstorbenen Schauspieler Robin Williams würdigte, indem sie auf den Tisch stieg und somit den Film „Club der toten Dichter“ zitierte, war das eine Schlagzeile wert. Weshalb aber bleiben solche Momente bei den Zuschauern kleben, sodass die Diskussionen in den sozialen Netzwerken noch Tage später gären? Weshalb rührt es das Publikum so, wenn Fernsehjournalisten Emotionen zeigen? Es ist ein wenig so, als wenn ein Theaterschauspieler unwillkürlich lachen muss oder sich direkt ans Publikum wendet. Jeweils wird die Illusion gebrochen, einem wahrhaftigen Ereignis beizuwohnen. Die Inszenierung der Veranstaltung wird offenbar, wenn die dritte Wand zwischen Schauspiel – und auch eine Nachrichtensendung ist letztlich nichts anderes als eine Darbietung – und Publikum plötzlich eingerissen wird. Auch Anja Reschke handelte gegen die heimliche Verabredung zwischen Moderator und Publikum, indem sie in ihrem beherzten „Tagesthemen“-Kommentar zur Flüchtlingsdebatte die Reaktion der Zuschauer in Form von Hass-Emails vorwegnahm. Anders als im Theater, wo der Zuschauer derlei Brüche seit Brecht erwartet, ist der Rezipient von Nachrichtensendungen offenbar immer wieder überrascht, wenn er daran erinnert wird, dass Fernsehmagazine keine 1:1-Spiegel der Wirklichkeit sind.

Journalistikstudenten bekommen schon in der ersten Vorlesung das klassische Rollenbild des unbeteiligten Außenstehenden eingetrichtert. Die medienethische Grundregel lautet nach dem verstorbenen „Tagesthemen“- Moderator Hanns Joachim Friedrichs: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“

Die Objektivitätsnorm sei im 19. Jahrhundert als Gegenbewegung zur parteiischen, vom Staat kontrollierten Berichterstattung aufgekommen, sagt der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Günter Bentele, der viel zu diesem Thema geforscht hat. Er kommentiert: „In keinem Landespressegesetz oder Rundfunkgesetz steht, dass Moderatoren keine Gefühle zeigen dürfen. Sonst könnte man die Nachrichten gleich von Maschinen verlesen lassen.“ Die Nachrichtenmagazine „heute-journal“ und „Tagesthemen“ hätten sich 1978 als dezidiert aufgelockerte Versionen der trockenen Nachrichtenform herausgebildet. „Der Ton war hier schon immer freier. Die Kollegen vom Privatsender RTL haben sich in den ersten Sendungen sogar einfach auf den Moderatorentisch gesetzt und vor laufender Kamera überlegt, worüber sie plaudern könnten. Das wurde vom Publikum nicht goutiert“, sagt Bentele. Heute hätten auch private Nachrichtenformate wie „RTL Aktuell“ ein gewisses Maß an Seriosität.

Er führt die Aufregung um Kleber und Co. ebenfalls auf den Rollenbruch zurück: „Vor 30 Jahren haben manche Fernsehzuschauer Nachrichtenmoderatoren sogar mit dem Regierungssprecher, also mit dem objektiven Verkünder der Wahrheiten, verwechselt.“ Das dürfte heute wohl nicht mehr der Fall sein, doch Spuren sind geblieben. Kleber wurde jetzt von einigen Kritikern der Vorwurf gemacht, den Tränenmoment nur inszeniert zu haben. Authentizität scheint die wichtigste Norm der Stunde zu sein.

Von Nina May

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