Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Medien Sonja Gerhardt jagt Serienkiller Jack the Ripper
Nachrichten Medien Sonja Gerhardt jagt Serienkiller Jack the Ripper
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:26 29.11.2016
London ist grob und hässlich: Als Anna (Sonja Gerhardt) ankommt, ist sie schockiert von der Metropole. Quelle: Foto: SAT.1
London

Da steht sie nun also, frisch von K.o.-Tropfen erwacht im dreckigsten Hinterhof Londons, ausgeraubt und allein vor zwei Gangstern, die der zierlichen Frau auch noch an die Wäsche wollen. Und was macht diese Anna Kosminski? Mit gezielten Tritten erledigt sie ihre Gegner, flieht ins Getümmel eines gesetzlosen Molochs im Jahr 1888 und sieht dabei – blendend aus.

Sonja Gerhardt eben. So heißt jene Schauspielerin, die Alexandra Neldel und Josefine Preuß gerade als It-Girl des Kostümfernsehens deutscher Bauart beerbt. Im ZDF-Melodram „Ku’damm 56“ waren es zuletzt die quietschbunten Fünfziger, im RTL-Epos „Deutschland 83“ die beigegrauen Achtziger, in „Jack the Ripper“ ist es nun der triste Ausgang des 19. Jahrhunderts – mit gehörigem Aufwand inszeniert. Und darin vollbringt die Hauptdarstellerin abermals ein Wunder: Historie so zu verkörpern, dass sich die Kulissen zwar verbissen an der Vergangenheit orientieren, die Figuren indes nachlässig an der Gegenwart.

Auf dem dritten Kostümfest in zwölf Monaten spielt Sonja Gerhardt eine Frau von irrealer Modernität im realen Umfeld des bekanntesten Serienmörders jener Tage. Da ihr Vater in Hamburg gestorben ist, reist die süße Anna zu Mutter und Bruder an den Londoner Brenn-punkt Whitechapel. Kaum angekommen, erfährt sie jedoch von der erstbesten Passantin, dass die Mama an Syphilis gestorben ist und Jakob als vermeintlicher Jack the Ripper im Irrenhaus sitzt. Und weil die Polizei seine skeptische Schwester in den dubiosen Ermittlungsstand des Falles einweiht, geht sie fortan nicht ihrem Beruf als Fotografin nach, sondern macht sich auf die Jagd nach dem wahren Täter.

Dabei gibt sich Sat.1 redlich Mühe, das East-End jener zivilisatorischen Übergangsphase detailgetreu aus dem Drehort Litauen zu zaubern. Die fauligen Zähne, die kaputten Wege, die hygienischen Zustände, die derben Gebräuche – auch Privatsender haben endlich gelernt, dass porentief reines Ambiente in Gegenden ohne Kanalisation und Gesetze absurd ist. Dummerweise ist alles, was sich dramaturgisch in der sorgsam ausgestatteten Szenerie abspielt, so glaubhaft wie eine Verfolgungsjagd mit 007.

Was auch an Sonja Gerhardt liegt, einer Art Bond-Girl in Pro7-Sat.1-Ästhetik. Seit die ungelernte Quereinsteigerin aus Westberlin 2006 mit 17 Jahren durch Zufall in die Telenovela „Schmetterlinge im Bauch“ geraten ist, hat sie sich peu à peu zum Star entwickelt. Von der RTL-Katastrophe „Vulkan“ über die ARD-Serie „Türkisch für Anfänger“ bis zu Episodenrollen in „Tatort“ oder „Polizeiruf“ – geht es um die Verkörperung von Jugendkultur, sorgt Gerhardt für unterhaltsame Authentizität. Spielt sie indes Charaktere um die 27 Jahre, ist das sommersprossige Engelsgesicht mit Schmollmund oft im falschen Film.

Auch in „Jack the Ripper“ wirkt der geschminkte Schmutz unterm perfekt gesteckten Haar, als wäre er elegant abgetöntes Make-up. Und wenn sich die Sprecheinsätze selbst überholen, wäre das dem hektischen Jahr 2016 angemessen, für 1888 erscheint es oft ungelenk. Das aber teilt die unterforderte Sonja Gerhardt mit vielem, was Regisseur Sebastian Niemann nach dem Buch des versierten Krimiautors Holger Karsten Schmidt beim Abstecher ins Eventprogramm vermasselt. Die Untertitelheldin („Eine Frau jagt einen Mörder“) spricht nämlich nicht nur akzentfrei Englisch, sie ist auch emanzipiert, schlagkräftig, furchtlos, belesen, durchsetzungsstark und auch sonst alles, was Frauen damals allenfalls in Adelskreisen ausnahmsweise mal waren.

Der historisch verbürgte Inspector Abberline dagegen erinnert dank Falk Hentschel an einen Kreuzberg-Hipster und spricht auch so, während Fausthiebe an den Kopf klatschen wie einst bei Bud Spencer und überhaupt alles überinszeniert ist. Gut, das ist auch den Primetime-Mechanismen geschuldet, wo es eben laut „wusch“ macht, wenn der Böse auftaucht, der natürlich böse dreinblickt. Doch die Konsequenz, mit der Sat.1 geschichtliche Wirklichkeit hier fiktional vergewaltigt, ist schon außergewöhnlich.

Sonja Gerhardts Karriere indes dürfte das nicht schaden. Schließlich ist sie längst Allzweckwaffe des Hauptabends – einsetzbar im adaptierten Schundroman ebenso wie im Emmy-Gewinner „Deutschland 83“, in dem sie die DDR-Freundin des Doppelagenten intensiv und glaubhaft spielt. „Vielleicht liegt es daran, dass man mir jetzt mehr zutraut“, erklärt sie ihre Dauerpräsenz am Bildschirm. Sicher bald auch wieder in Filmen mit Niveau.

Von RND/Jan Freitag

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Medien Internet, Telefonie und Fernsehen - Telekom-Störung war möglicherweise Hackerangriff

Die Deutsche Telekom vermutet hinter der massiven Störung in ihrem Netz einen Angriff von außen. Das Unternehmen arbeitet an einer Lösung. Wann das Problem endgültig behoben sein wird, lasse sich nicht voraussagen, räumte ein Sprecher ein.

28.11.2016
Medien Eurosport sendet exklusiv - Kein Olympia bei ARD und ZDF

Die TV-Sender ARD und ZDF werden nicht von den Olympischen Spielen 2018 bis 2024 berichten können. Das US-Unternehmen Discovery und die öffentlich-rechtlichen Sender konnten sich nicht auf den Verkauf von Sub-Lizenzen einigen. In Deutschland gibt es die Live-Bilder von den Spielen dann bei Eurosport und DMAX.

28.11.2016

Soljanka-Kochen leicht gemacht oder hübsch den Mett-Igel angerichtet: DDR-Familien beherzigten die Tipps aus Leipzig. Der Verlag für die Frau ist mittlerweile 70 Jahre alt.

28.11.2016