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Medien Bremer „Tatort“ – Diesmal mehr Tragödie als Krimi
Nachrichten Medien Bremer „Tatort“ – Diesmal mehr Tragödie als Krimi
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11:20 14.03.2018
Gleich wird’s handfest: Oliver Lessmann (Jan Krauter, links) macht den Gutachter Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix) für die Einlieferung seiner Frau ins Krankenhaus verantwortlich.   Quelle: Foto: ARD
Bremen

 Der „Tatort“ macht es seinen Zuschauern wirklich nicht leicht. Nach einem Film im Film aus Berlin, einem Traumspiel auf Amrum aus Kiel und zuletzt unfassbar dilettantischem Improvisationstheater aus Ludwigshafen folgt nun aus Bremen ein überaus tragisches Sozialdrama. „Im toten Winkel“ ist ein Film, dessen drastische Bilder und Szenen wirklich nur äußerst schwer zu ertragen sind. Und der mit einem klassischen Krimi, der seine Zuschauer ja auch irgendwie unterhalten will, nicht mehr das Geringste zu tun hat.

Die Aussagen des Films werden wie mit dem Hammer eingebläut

Zudem misstrauen die Filmemacher offenbar ihrem eigenen Film und greifen daher leider zwischendurch zum Holz-, nein, zum Presslufthammer, um die Aussage ihrer Geschichte auch dem letzten Zuschauer einzubläuen.

In solch einem überflüssigen Moment erscheint beispielsweise in Großaufnahme tatsächlich die betroffen wie ein Sozialpädagoge dreinblickende Kommissarin, um uns allen noch mal ausdrücklich mitzuteilen, dass in unserem Staat vieles im Argen liegt. Dabei ist dies vorher ja eigentlich schon ausführlich gezeigt worden.

Thema ist die häusliche Pflege. In Deutschland werden rund 2,8 Millionen Menschen, das sind drei Viertel aller Pflegefälle, zu Hause von ihren Angehörigen versorgt. Und nach einer Umfrage von Infratest fühlen sich 42 Prozent der Pflegenden schwer oder extrem belastet. Dazu gehören auch die natürlich fiktiven, gleichwohl durchaus realistisch gezeichneten drei Fälle in diesem Film.

Große Tragödie – und ein Hund wird auch zurückgelassen

Gleich zu Anfang wird man Zeuge, wie der Rentner Horst Claasen (Dieter Schaad) seine schwer an Demenz erkrankte Frau mit einem Kissen erstickt. Nach dieser traurigen Tat versucht er sich mit Tabletten selbst zu töten, wählt aber zuvor noch die Nummer der Polizei. Dem Beamten erklärt er am Telefon: „Können Sie bitte im Lauf des Tages vorbeikommen, um uns aus der Wohnung zu holen? Erste Etage, wir haben hier keinen Aufzug. Das sollten Sie wissen – wegen der Särge.“ Und natürlich müsse auch ihr Hund versorgt werden.

Der Rentner überlebt zwar den Selbstmordversuch, dennoch droht ihm nun eine Mordanklage. Und so wird diese Tragödie zu einem Fall für die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen). Bei ihren Ermittlungen stoßen die beiden auf unglaublich skandalöse Zustände im System der häuslichen Pflege. Ein System, das oft einfach nicht nur ungerecht und willkürlich erscheint, sondern das zuweilen aus reiner Geldgier von skrupellosen Pflegediensten ausgenutzt wird. Und es gibt, jedenfalls in diesem „Tatort“, korrupte Beamte, die diesen Diensten aus finanziellen Gründen zuarbeiten.

Das alles wird sehr plastisch vorgeführt, allerdings nur recht halbherzig in eine ziemlich aufgesetzt wirkende Krimihandlung verpackt. Dabei geschieht zwar nach etwa der Hälfte des Films tatsächlich noch ein „richtiger“ Mord, dieser dient dem Regisseur Philip Koch und seiner Drehbuchautorin Katrin Bühlig aber eigentlich nur als Alibi, um ihre Geschichte überhaupt irgendwie als Krimi zu verkaufen.

Der Mord im Krimi ist eher nebensächlich

So ist auch der Täter ziemlich beliebig ausgewählt. Viel wichtiger dagegen ist es den Filmemachern offenbar, zu demonstrieren, welche Auswirkungen das kriselnde Pflegesystem auf die Betroffenen hat. Und dazu werden neben dem Fall des Rentners noch zwei weitere schwere Schicksale gezeigt.

Dies jedoch geschieht in einer solch extremen, ja beinahe grausamen Art, dass man als Zuschauer geneigt ist, via Ausschaltknopf die Flucht zu ergreifen. Besonders heftig sind die kaum zu ertragenden Szenen zwischen einer älteren dementen Frau (Hiltrud Hauschke) und ihrer sie pflegenden Tochter (Dörte Lyssewski). Da wird geschrien, gezetert und auch geprügelt und da ist so viel Emotion im Spiel – aggressive wie auch zärtliche –, dass es die meisten Zuschauer wohl überfordern dürfte.

Ein bisschen weniger von alldem hätte diesem Film wirklich gutgetan und auch der eigentlich wichtigen Botschaft dieses Dramas keinesfalls geschadet.

„Tatort: Im toten Winkel“ | ARD Mit Sabine Postel Sonntag, 20.15 Uhr

Von Ernst Corinth/RND

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