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Medien „Polizeiruf 110“: Das Ende ist nahe
Nachrichten Medien „Polizeiruf 110“: Das Ende ist nahe
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11:57 30.04.2018
Erstmal einen Polizeigriff anwenden: Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) und Kriminalhauptkommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz, rechts) werden bei ihrer Ankunft auf dem Hof Zeuge einer Auseinandersetzung von Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel) und seiner Familie. Quelle: Foto: ARD
Berlin

„Demokratie stirbt in Finsternis“ – Einen derart sperrigen „Polizeiruf“-Titel traut sich sonst nur der Bayerische Rundfunk, und natürlich setzt er ein Signal, denn der Film ist ähnlich ungewöhnlich. Und das nicht allein im Vergleich zu den bisherigen Geschichten, die der RBB aus dem deutsch-polnischen Grenzgebiet erzählt hat.

Matthias Glasner beginnt den Krimi, indem er das Fundament seiner Hauptfigur erschüttert: Bei Olga Lenski (Maria Simon) wird eingebrochen. Die Täter verwüsten die Wohnung und filmen sie mit deren eigenem Smarthphone.

Ein „Prepper“ nimmt die traumatisierte Kommissarin auf

Die traumatisierte Polizistin sucht Entspannung auf einem einsam gelegenen Bauernhof. Hofbesitzer Lennard Kohlmorgen (Jürgen Vogel) nimmt eigentlich keine Gäste mehr auf, erkennt aber Olgas Notlage. Der Mann ist ein „Prepper“ und überzeugt, dass die Gesellschaft unausweichlich in eine Katastrophe hineinsteuert.

Deshalb hat er entsprechende Vorbereitungen getroffen. Er führt mit seinen Kindern ein völlig autarkes Leben: Ein Windrad sorgt für Strom, der Hof hat einen eigenen Brunnen, die Lebensmittel bauen sie selbst an. Getrübt wird die Idylle allein durch den Umstand, dass dem verbitterten Lennard kürzlich die Frau abhanden gekommen ist. Als ihre Leiche gefunden wird, gilt er naturgemäß als Hauptverdächtiger.

Obwohl die Konstellation alle Voraussetzungen für einen klassischen Krimi erfüllt und der Film spätestens gegen Ende auch ziemlich spannend wird, erzählen Glasner und Koautor Mario Salazar ihre Geschichte anders. Schon der politische Hintergrund sorgt dafür, dass „Demokratie stirbt in Finsternis“ kein gewöhnlicher Sonntagskrimi ist.

Eine Doomsday-Gruppe will das Ende beschleunigen

Der Titel bezieht sich auf ein Motto, das Lenski-Kollege Raczek (Lukas Gregorowicz) in einer Aussteigerkommune ins Auge fällt: „Democracy Dies in Darkness“ (seit 2017 der Slogan der Washington Post). Die Gruppe kommt ins Spiel, weil Valeska Kohlmorgen ihren Mann für den Anführer verlassen hat. Dieser Ulysses (Dimitrij Schaad) ist ein Prediger der Apokalypse.

Er und seine Mitstreiter wollen das vermeintlich unvermeidliche Ende noch ein bisschen beschleunigen: Überzeugt, dass das System innerhalb von 48 Stunden kollabieren wird, setzen sie ihr Motto in die Tat um und sorgen dafür, dass in Berlin und Brandenburg der Strom ausfällt. Und nun wandelt sich das Krimidrama zum Endzeitfilm.

Vermutlich hätte Glasner die Geschichte gern noch aufwendiger gestaltet, aber auch so lässt er keinen Zweifel daran, dass er den Rahmen des Sendeplatzes sprengen will; und das nicht allein wegen der Panoramabilder vom großflächig in Finsternis versinkenden Berlin.

Bezüge zu John Carpenters „Assault“ werden sichtbar

Das Finale, als marodierende Jugendliche Kohlmorgens Hof überfallen und sich die Familie samt Olga und Raczek in den unterirdischen Überlebensraum retten, weckt Assoziationen zu gleich mehreren Genres, vom Western bis zu modernen Belagerungs-Thrillern im Stil von John Carpenters „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976).

Und doch erzählt Glasner, der seit zwanzig Jahren regelmäßig mit Jürgen Vogel zusammenarbeitet (von „Sexy Sadie“ über „Der freie Wille“ bis zur Neo-Serie „Blochin“), in erster Linie von zwei Menschen, die beide aus der Bahn geworfen worden sind: Olga durch den Einbruch, Kohlmorgen durch den Auszug seiner Frau. Obwohl die beiden sonst nichts verbindet – für den Aussteiger ist die Polizistin eine Repräsentantin des herrschenden Systems –, machen die traumatischen Erfahrungen sie zu Seelenverwandten.

Der Tod Valeskas hat fast zwangsläufig die Trennung dieser Verbindung zur Folge: weil Olga wieder zur Ermittlerin wird. Geschickt sorgen Glasner und Salazar zudem dafür, dass Raczek nicht zu kurz kommt. Der Kollege wacht über Olga und sucht außerdem nach dem Einbrecher, weil er vermutet, dass sich ein verurteilter Straftäter an ihr rächen will.

Novemberbilder von spürbarer Frostigkeit

Glasner hat die Geschichte den diversen inhaltlichen Turbulenzen zum Trotz sehr ruhig umgesetzt. Maria Simon und Jürgen Vogel müssen einige Sätze sagen, die zwar sehr tiefsinnig, aber auch nach Drehbuch klingen („Unter dem Druck der Welt verschrumpeln unsere Seelen“), machen das aber mit einer Selbstverständlichkeit, die sie nie gestelzt klingen lassen. Die Novemberbilder sind von einer fast körperlich spürbaren Frostigkeit.

Von Tilmann P. Gangloff/RND

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