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14:27 15.05.2018
Tragischer Dichter: Paul Bacher (Henry Hübchen) fühlt sich auf dem absteigenden Ast. Quelle: Foto: ARD
Hannover

Paul Bacher hat wirklich schon bessere Zeiten erlebt. Seit Jahren leidet der Schriftsteller unter einer Schreibblockade, und um sich irgendwie finanziell über Wasser zu halten und um nicht völlig in Vergessenheit zu geraten, ist er gerade mal wieder auf Lesetournee durch Buchhandlungen in der tiefsten Provinz. Eine Reise, die für ihn zu einem Albtraum wird.

Die Tristesse der publikumsarmen Lesungen

Bei seinem letzten Auftritt sitzen vielleicht gerade mal zehn meist ältere Frauen in der engen Buchhandlung. Verfolgen brav, aber auch sichtlich gelangweilt seine Lesung. Und danach muss er sich von einer Zuhörerin auch noch anhören, dass seine letzten Bücher zu ironisch, zu kalt seien.

„Nehmen Sie das als meinen Beitrag zur Erderwärmung“, erwidert er ironisch lächelnd und nimmt einen großen Schluck aus dem Rotweinglas. Und das ist nicht der letzte Schluck an diesem katastrophalen Abend.

Dieser Paul Bacher, seine Schaffenskrise und der ungewöhnliche Weg aus ihr heraus stehen im Mittelpunkt von Andreas Kleinerts Drama „Spätwerk“, bei dem der Regisseur zum wiederholten Mal mit dem Drehbuchautor Karl-Heinz Käfer zusammengearbeitet hat. Ein bewährtes Duo, dem wir beispielsweise die Götz-George-Dramen „Mein Vater“ und „Nacht ohne Morgen“ verdanken.

„Spätwerk“ glänzt mit seinen lakonischen Dialogen

Deren Qualität erreicht „Spätwerk“ zwar nicht, dennoch ist der Film sehenswert. Vor allem wegen seiner guten, oft wunderbar lakonischen Dialoge. Und besonders wegen seiner Hauptdarsteller, allen voran Henry Hübchen, der sich als zynisch larmoyante Figur herrlich durch die Geschichte grantelt und dadurch sogar vergessen lässt, dass viele Szenen und Situationen doch arg klischeehaft sind.

Für seinen Paul Bacher endet die schon erwähnte Provinz-Lesung jedenfalls erst einmal alles andere als schön. Eine Zuhörerin, die Lehrerin Teresa (Patrycia Ziolkowska), zeigt sich zwar hinterher an ihm interessiert, aber sein Versuch, sich ihr plump erotisch zu nähern, endet dann jämmerlich.

Und es kommt noch schlimmer: Bei der anschließenden Heimreise nimmt er einen jungen ex-trem nervigen Tramper mit. Als der ihm bald zu sehr auf die Nerven geht, wirft er ihn kurzerhand wieder aus seinem Auto. Dabei überfährt er ihn aus Versehen.

Der Film entwickelt sich nicht zum Thriller

Und der junge Mann ist tot. Seine Leiche transportiert er dann schließlich in seinem Kofferraum auf einem Schlenker ins nahe Polen, um sie dort im Wald zu begraben.

Doch wer jetzt erwartet, dass der Film sich zu einem Krimidrama entwickelt, der täuscht sich. Dieses Verbrechen aus Versehen spielt im Verlauf der Geschichte bald seltsamerweise nahezu keine Rolle mehr. Und es dient im Grunde einzig dazu, die Schreibblockade Bachers zu durchbrechen.

Ja, es inspiriert ihn sogar zu einem neuen Roman, in dem er das tragische Geschehen literarisch aufarbeitet – mit erstaunlichem Erfolg. Dennoch sollten Autoren, die auch unter Schreibblockade leiden, nicht unbedingt diesem Beispiel folgen und als Therapie ein Verbrechen begehen. Das kann nämlich im wirklichen Leben auch richtig böse für sie enden.

Märchenhafte Entwicklung für den gebeutelten Dichter

Bei Bacher führt dies jedoch zu einer fast schon märchenhaften Wendung. Er nimmt nämlich über ein paar Umwege und aus allerlei komplizierten Gründen wieder Kontakt auf zu der schon erwähnten Lehrerin Teresa. Und es macht beim Zuschauen dann richtig Spaß zu sehen, wie die zwei trotz aller Rückschläge langsam zueinanderfinden und sich dann tatsächlich eine richtig schöne und folgenreiche Liebesgeschichte zwischen dem alten Schriftsteller und seiner etwa 30 Jahre jüngeren Leserin entwickelt.

Auch diese Lovestory ist zwar nicht frei von Klischees, ganz im Gegenteil! Aber der Regisseur hat sie angenehm unkitschig in Szene gesetzt.

Und einen wichtigen Part spielt dabei natürlich Teresa selbst. Die anfangs leicht verhuscht und naiv wirkende Frau entpuppt sich dabei mehr als das Dummerchen, für das sie Bachers eifersüchtige Lektorin (Jenny Schily) hält.

Von Ernst Corinth / RND

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