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Medien „Tatort“ aus Bremen: Lohnt sich das Einschalten?
Nachrichten Medien „Tatort“ aus Bremen: Lohnt sich das Einschalten?
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10:52 31.10.2016
„Tatort“-Kommissare Nils Stedefreund und Inga Lürsen (r.) ermitteln wieder in Bremen.  Quelle: Radio Bremen/Christine Schroeder
Bremen

 Wenn der virtuelle Assistent Siri eine menschliche Gestalt hätte, dann wäre es die von Vanessa Arnold. Eine junge, ansehnliche Frau. Jedermanns Liebling. Vanessa Arnold ist im jüngsten „Tatort“ wiederum das menschliche Vorbild für das Computerprogramm Nessa. Es geht aufs Gegenüber ein, erahnt dessen Gedanken nahezu im Voraus – und diese Eigenschaft macht das auf Spracherkennung basierende Programm mit dem weiblichen Antlitz über die Maßen wertvoll. Aber auch so wertvoll, dass es sich dafür zu töten lohnt?

Für die Bremer „Tatort“-Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) ist Vanessa Arnolds Tod der Ausgangspunkt für einen Kriminalfall, der tief in digitale Welten taucht und sich erst spät auf seine Aufgabe besinnt: aufzuklären, warum die Frau in einem Auto starb, das auf einer Landstraße mit eingerastetem Lenkradschloss von der Straße abgekommen ist. Die Computerspezialistin Linda Selb vom Bundeskriminalamt (mit schönen maschinenhaften Zügen: Luise Wolfram) muss helfen. Ihr Ergebnis: Die Steuerungssoftware des Wagens hat den Fahrfehler verursacht, Manipulation nicht ausgeschlossen.

Opfer lebt als Digitalkopie weiter

Das Firmenfahrzeug gehört zu einem Start-up-Unternehmen, das die Tote mitgegründet hat. Vanessa Arnold (souverän in den verschiedenen Rollen: Adina Vetter) muss dort als Oberfläche herhalten für Nessa, einen personalisierbaren digitalen Helfer mit ihrem Gesicht. So lebt die Frau als Digitalkopie weiter. Sogar die kleine Tochter Lilly (Emilia Pieske) hat eine eigene Nessa auf ihrem Tablet installiert. Damit redet sie wie selbstverständlich und sie nimmt nachts – wie Kinder früher Buch und Taschenlampe – ihre Nessa mit unter die Bettdecke. Mit dem gleichen Tablet fotografiert das Kind später im Leichenschauhaus seine Mutter, wie zur Vergewisserung.

Der „Tatort: Echolot“ läutet die ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“ ein und leuchtet aus, wie sehr unsere Lebensbereiche bereits jetzt von Digitaltechniken durchdrungen sind. Autos, Kühlschränke, Türöffner, Rollos, Telefone – kaum ein Gegenstand ohne programmierbares Innenleben. Filmisch umgesetzt hat dies das Autoren- und Regieduo Claudia Prietzel und Peter Henning. Henning leitete vier Jahre lang ein Forschungsprojekt an der Filmuniversität Babelsberg zu virtuellen Realitäten. Die Kommissare und mit ihnen die Zuschauer führen er und Prietzel wie beiläufig heran an die grundsätzlichen Fragen: Wie weit darf die Entwicklung gehen? Bleibt sie kontrollierbar? Wie nehmen wir wahr und welche Bilder wollen wir erzeugen, auch von uns? Zum Beispiel mit Virtual-Reality-Brillen. „Wollen Sie es mal ausprobieren?“, wird Stedefreund gefragt und sagt: „Solange es nicht wehtut.“

Echolot“ erinnert an Stuttgarter Fall „HAL“

„Du kannst mit mir machen, was du willst“, sagt das Programm. Und die Möglichkeiten werden bis ins Pornografische ausprobiert, was die Beziehungen des menschlichen Vorbilds – Vanessa Arnold – bedroht. Dieses Spannungsfeld reizt der „Tatort“ geschickt aus. Die Künstliche Intelligenz Nessa ist deshalb interessanter angelegt und natürlich ansehnlicher als die im Stuttgarter „Tatort: HAL“, wenngleich die Geschichte der mächtigen Maschine sehr ähnlich ist.

Kameramann Kay Gauditz führt dennoch trickreich durch die Datenallmacht mit ihren hübschen Oberflächen, simuliert die forschenden Blicke im dreidimensionalen Raum, in dem die Kommissare unbeholfen tappen und der Zuschauer sich gern kurz verlieren kann. Deshalb bleibt verzeihlich, dass sich Lürsen und Stedefreund erst nach einer guten Stunde Film darauf besinnen, dass ihnen neben der Auswertung digitaler Daten auch die klassische Ermittlerarbeit für die Lösung des Falls bleibt: Zeugen befragen, observieren. Das Private, und das ist tröstlich, versteckt sich in diesem Film hinter verschlossenen Türen: in gesicherten Büros, in verriegelten Strandhütten, in Baumhäusern, im Passwortbereich. Dort gibt es dann auch warme Farben, bunte Decken, Kissen, sinnliche Materialien, persönliche Erinnerungen. Fernab aller Daten.

Von RND/Michaela Grimm

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