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„Victoria“ räumt beim Deutschen Filmpreis ab

In einem Rutsch zur Lola „Victoria“ räumt beim Deutschen Filmpreis ab

Mut zum Experiment: Sebastian Schippers „Victoria“ hat am Freitag beim Deutschen Filmpreis abgeräumt. Der Echtzeit-Thriller triumphierte in vielen Kategorien. Auch der Edward-Snowden-Film „Citizenfour“ wurde prämiert.

Filmemacher Sebastian Schipper (Mitte) und sein Team freuen sich über die "Lola" für den Thriller "Victoria" beim Deutschen Filmpreis.

Quelle: dpa

Berlin. Ob das Feiern am Freitagabend in Berlin so richtig Spaß gemacht hat? Klar, 1800 Gäste – darunter Bruno Ganz, Corinna Harfouch, Charly Hübner, Sibel Kekilli, Dieter Hallervorden, Michael Gwisdek – spazierten über den roten Teppich. 1200 Flaschen Champagner waren für die Party im Palais am Funkturm kaltgestellt worden. Der Deutsche Filmpreis ist schließlich das wichtigste Branchentreffen im Terminkalender.

Doch pünktlich zur 65. Verleihung träufelte eine der Protagonistinnen Wasser in den Perlsekt: Ausgerechnet Kulturstaatsministerin Monika Grütters beklagte die Mutlosigkeit des deutschen Films. Im genormten Förderbetrieb würden gute Ideen weichgespült. Die Altvordern um Volker Schlöndorff und Wim Wenders hätten sich mehr getraut als heute Schweighöfer, Schweiger und Co.

Diese Worte bargen eine gewisse Ironie: Die knapp drei Millionen Euro für die Geehrten stammen ja aus Grütters’ Staatsschatulle, der Filmpreis ist der höchstdotierte deutsche Kulturpreis. Da konnten sich die Lola-Sieger gleich wie Trostpreisempfänger vorkommen.

Für einen gelte ihre Kritik ausdrücklich nicht, betonte Grütters: Sebastian Schipper habe ein Experiment ganz nach ihrem Geschmack gewagt. Seinen furiosen Banküberfall-Film „Victoria“ drehte der aus Hannover stammende Regisseur ohne jeden Schnitt – 139 Filmminuten quasi live über eine blutig endende Nacht, der berauschende Trip einiger Jugendlicher ohne Atemholen, in einem Rutsch.

Und tatsächlich hoben die 1600 Akademiemitglieder Schipper auf den Schild: „Victoria“ triumphierte in vielen Sparten. Selbstredend durfte „Victoria“-Kameramann Sturla Brandth Grøvlen für seinen Gewaltritt eine Lola entgegennehmen. Dazu gab es Trophäen für die Hauptdarsteller Laia Costa und Frederick Lau, für Schippers Regie und auch für Nils Frahms Musik.

So blieb für Edward Bergers Drama „Jack“ über zwei vernachlässigte Brüder die Silberne Lola und für Johannes Nabers Unternehmensberater-Satire „Zeit der Kannibalen“ eine bronzene Statuette. Bei den Nebendarstellern holte Nina Kunzendorf mit dem Holocaust-Film „Phoenix“ und Joel Basman mit dem Rostock-Lichtenhagen-Drama „Wir sind jung. Wir sind stark“ die Lolas.

Beste Doku wurde erwartungsgemäß der in Deutschland produzierte Edward-Snowden-Film „Citizenfour“ – Regisseurin Laura Poitras hatte zuvor schon den Oscar gewonnen. Beim Kinderfilm war Neele Leana Vollmar mit „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ erfolgreich.

Quasi nebenbei begrüßte die Akademie gestern einen ihrer Berühmtesten in den eigenen Reihen: Til Schweiger hatte sich seit Jahren ins Abseits gestellt gefühlt und seine Filme gar nicht mehr eingereicht. Nun würdigte Moderator Jan Josef Liefers seinen Freund, dessen Werke 35 Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt haben. Allein die aktuelle Alzheimer-Tragikomödie „Honig im Kopf“ wollten sieben Millionen sehen, das war der Kassenknüller der Saison. Und was antwortete der so lange Vergrätzte? „Es ist echt schön, hier zu sein.“

So fand die Filmnacht von Berlin einen würdigen Siger und ein versöhnliches Ende. Und wenn es nach Akademie-Präsidentin Iris Berben geht, ist Deutschland nächstes Jahr auch beim Filmfestival in Cannes endlich mal wieder vertreten. Das wäre dann ein richtiges Happy End, so wie es das Kino liebt: International ist der deutsche Film derzeit nicht unbedingt auf Lola-Kurs. Vielleicht ändert da ja Sebastian Schipper was dran.

Claudia Palma / Stefan Stosch

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