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Vom Kinoliebling zur ZDF-Moderatorin: Die sanfte Starwerdung der Emma Schweiger.

Vom Kinoliebling zur ZDF-Moderatorin: Die sanfte Starwerdung der Emma Schweiger.

Es gibt bei Twitter einen global gültigen Stoßseufzer des Entzückens, der in der deutschen Sprache schriftlich nicht darstellbar ist. Er besteht aus den fünf Buchstaben „Aawww“, englisch ausgesprochen wie in „Law and Order“.

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Emma und ihr Vater Til Schweiger in Hamburg vor der Premiere des Kinofilms „Honig im Kopf“.

Quelle: dpa

Hannover. Phonetiker sprechen von einem langen, offenen „O“.

Der Laut findet Verwendung, sobald die Goldigkeitssensoren gereizt werden: bei kuschelnden Kätzchen, tapsigen Eisbärbabys, glucksenden Säuglingen. Es war ungefähr jenes Geräusch, das das kollektiv entflammte deutsche Kinopublikum von sich gab, als es im Jahr 2007 der fünfjährigen Emma Schweiger im Kinofilm „Keinohrhasen“ angesichtig wurde. Aawww!

Von ihrem Vater und Regisseur Til Schweiger in honiggoldenes Licht getaucht, stapfte Emma da als Kindergartenkind Cheyenne-Blue strahlend durch den erfolgreichsten Kinofilm des Jahres – und stahl ihrem Erziehungsbeauftragten und dessen Filmpartnerin Nora Tschirner mühelos die Show. Fast acht Jahre ist das her, und seither hat Emma Schweiger (*2002) im deutschen Kulturgedächtnis einen festen Platz als zuckersüßes Kinokind und schillerndstes der vier Schweiger-Kinder, zu denen noch Valentin (*1995), Luna (*1997) und Lilli (*1998) gehören.

Es ist durchaus so, dass Vater Til bei der karrierefördernden Aufmerksamkeitszuteilung an seine Sprösslinge einigermaßen Gerechtigkeit walten lässt. Auch Luna und Lilli waren in praktisch allen Schweiger-Produktionen seit 2007 dabei. Luna war die nölige Teenagertochter Lenny an der Seite von Schweigers Hamburger „Tatort“-Kommissar Nick Tschiller. Lilli hat das Showgeschäft verlassen. Sohn Valentin arbeitet nach zwei kleinen Rollen lieber auf den Sets seines Vaters hinter der Kamera.

Nur Emma vermag es ab und an, diese diffuse Sternenstaubaura, das unbestimmte Etwas, auszustrahlen, das Stars umgibt. Und ist dabei vor allem eines: süß. Wann immer sie auftaucht, möchte man ihr sofort einen Kakao machen.

Der frühe Ruhm birgt Chancen und Risiken. „Mit zwölf ganz oben“, jauchzt die „Gala“ und fragt Mutter Dana scheinheilig, ob „das Ganze“ nicht ein bisschen zu viel des Guten sei. Die versichert, dass „wir nur Angebote annehmen, auf die sie wirklich Lust hat“.

Der Schweiger-Clan müht sich redlich, den Eindruck zu verwischen, dass hier mal wieder blinde, überehrgeizige Promieltern ihr hoffnungsvollstes Geschöpf ins Rampenlicht schubsen. „Sie sollen selbst entscheiden, was sie machen wollen“, sagt Til Schweiger stets, wenn es um den Vorwurf geht, er vermarkte seine Kinder.

Aber kann man das? Mit zwölf? Nun also: die große Samstagabendshow. Dass Emma Schweiger von heute an gemeinsam mit Johannes B. Kerner (50) die neue ZDF-Sause „Das Spiel beginnt!“ moderiert, erklärt man bescheiden damit, dass Kerner ein Freund der Familie sei.„Wir kennen Familie Schweiger privat seit über zehn Jahren“, sagt Kerner selbst. Emma habe ihren Job „sehr smart gemacht, mit aller Natürlichkeit einer Zwölfjährigen“.

Angesichts der Kurve, die Kerners Karriere zuletzt nahm, muss man allerdings sagen, dass hier eher Emma Schweiger Kerner hilft statt umgekehrt. Neun Kinofilme. Pressefotografen. Titelgeschichten in Klatschmagazinen. Doppelinterview in „Bild am Sonntag“. Eine Samstagabendshow als Adoleszentin – tagsüber aufgezeichnet, auch des Alters wegen. Und das alles in einer Medienwelt, die „Natürlichkeit“ stets begeistert aufsaugt – und sich später wundern wird, dass die kleine Emma plötzlich erwachsen ist. Denn der Welpenschutz läuft immer früher ab.

Die globale Glamourmaschine erklärt inzwischen schon Kleinkinder für starfähig – und misst sie mit Maßstäben, die lange nur bei Erwachsenen angelegt wurden. So fragte Burdas „Bunte“ jüngst ernsthaft, ob die dreijährige (!) Tochter von Victoria und David Beckham ein Gewichtsproblem habe („Ist ihre kleine Harper zu dick?“). Und tadelte empört: „Während die beiden Stars rank und schlank durchs Leben gehen, zieht es Harper offenbar vor, getragen zu werden.“ Ja potztausend – eine Dreijährige, die gern auf dem Arm ist! „Lassen Becks und Posh bei der Erziehung die Zügel schleifen und geben ihr bedenkenlos Süßes und Fettiges im Übermaß?“, barmt „Bunte“. „Die weitere Entwicklung der Dreijährigen wird es zeigen.“

„Aus der Zicke wird eine Lady“, schreibt dasselbe Blatt über eine „kleine Fashionista“. Ihr Blick sei „eine Mischung aus cool und herausfordernd, das weiß-blaue Baumwollkleid maßgeschneidert, die Ballerinas elegant und die Haarspange das gelungene i-Tüpfelchen“. Es ging um Suri Cruise, Tochter von Tom Cruise und Katie Holmes. Suri ist acht Jahre alt. Noch jeder Star versichert, seinem Kind selbstverständlich eine „ganz normale Kindheit“ ermöglichen zu wollen.

„Normal“ allerdings ist in Beverly Hills ein ganz und gar relativer Begriff. Will Smith’ Sohn Jaden bezauberte 2006 als Achtjähriger in „Das Streben nach Glück“ noch halb Hollywood – und bekam 2013 dann als 15-Jähriger mit seinem Vater die Goldene Himbeere für den „schlechtesten Film des Jahres“ („After Earth“). Welpenschutz? Abgelaufen. Angelina Jolie und Brad Pitt wollen in der anstehenden Verfilmung von „Kleopatra“ jetzt angeblich ihre sämtlichen sechs Sprösslinge unterbringen. Das Modell Schweiger hat internationale Vorbilder.

Gelegentlich trübt der natürliche Elternstolz den Blick auf die tatsächlichen Talente der eigenen Kinder. Das gilt erst recht in Künstlerkreisen. Regisseurin Sofia Coppola („Lost in Translation“) litt ein Leben lang unter den grausamen Verrissen, die ihr Auftritt als Kind in Francis Ford Coppolas „Der Pate III“ nach sich zog. „Das war eine furchtbare Erfahrung“, sagte sie mal. „Ich habe nur mitgespielt, um meiner Familie auszuhelfen.“

Rumer Willis, Tochter von Bruce Willis, irrlichtert talentfrei durch miese Horrorfilme. Uwe Ochsenknechts Söhne Wilson Gonzalez und Jimi Blue erfreuen vor allem Boulevardmagazine. Dass Talent wirklich weitergereicht wird – wie bei Ulrich Mühes Tochter Anna Maria –, ist selten.

„Emma ist eine absolute Instinktschauspielerin“, sagte Til Schweiger auf der Pressetour zum Film „Honig im Kopf“ im Dezember, in dem seine Tochter eine Hauptrolle hat. „Oft verlieren Kinderdarsteller mit den Jahren das Unbefangene, das sie mal ausgemacht hat. Bei Emma ist das genau andersrum. Sie wird immer mehr zu einer Schauspielerin.“

Es gibt dabei nur ein Problem: Sie will das gar nicht, sagt sie. Sie wolle eigentlich gar nicht Schauspielerin oder Moderatorin werden, sagte Emma vor ein paar Tagen. „Immer Interviews geben, das nervt dann doch. Ein Leben als Fotografin oder Chirurgin würde mir besser passen. Ich möchte in Zukunft lieber unerkannt sein.“

Dafür könnte es zu spät sein. Demnächst steht sie als Hauptdarstellerin für die Kinderbuchverfilmungen „Conni und Co“ vor der Kamera. Ihre Fähigkeit, ohne übermäßige Altklugheit kindlich und sympathisch zu wirken, ist Gold wert. Jetzt aber könnte aus dem Spiel Ernst werden. Denn es kommt der Tag, an dem der „Aawww“- Effekt nicht mehr genügt.

Imre Grimm

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