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Nachrichten Medien Was kommt nach Casting und Kochen? Das Showfernsehen steckt in der Krise
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23:04 20.04.2015
Von Imre Grimm
(Symbolfoto) Quelle: Leipzigreport
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Hannover

Und niemand hat auch nur die allerkleinste Idee für eine wirklich neue Fernsehshow? Eine, die nicht bloß die tausendste Metastase eines zu Tode gerittenen Uraltformates ist?

„Großer Showgipfel“ in Köln: Die deutsche Unterhaltungsbranche sitzt, eingeladen von Brainpool und der Medienberatung HMR, in Stefan Raabs „TV total“-Studio – und räumt offen ein, was jeder sieht, der ein Fernsehgerät benutzt: Es herrscht Verzweiflung. Immer mehr Shows, immer weniger Zuschauer.

„Wir werfen Formate auf das Volk“, sagt Wayne Garvie, Chief Creative Officer bei Sony Pictures TV, „und das Volk wirft eines nach dem anderen zurück.“ Währen die Fiktion, das Erzählfernsehen, immer neue Triumphe feiert, während eine Sensationsserie nach der anderen das „Golden Age of Television“ zelebriert, sitzen die Jungs von der Unterhaltung frustriert am Rand und gucken der Party zu. Ihre Casting-, Koch-, Dating- und Überlebensshows haben den Zenit weit überschritten.

Aber ihre einzige Antwort auf die Krise sind: Casting-, Koch-, Dating- und Überlebensshows, minimal variiert und in alle Welt verkauft. Mal sitzt die Jury vorne, mal hinten, mal links, mal rechts. Mal darf sie gucken („Supertalent“), mal nur hören („The Voice“), mal nur schmecken („The Taste“). Nur die naheliegendste Idee hat noch keiner ausprobiert: singende Köche. Wen würde es wundern, wenn RTL morgen „Singing Cooks – Kochstars mit Klavier“ ankündigt?

Die Liste der in Köln vorgestellten Formate aus aller Welt offenbart die allgemeine Ratlosigkeit: In „The Yum Factor“ aus England müssen Köche tippen, welches Jurymitglied ihr Essen mag. In „Les Recettes Promettes“ aus Kanada kochen und saufen Köche parallel, und in „Mi Madre Cocina Mejor Que La Tua“ („Meine Mutter kocht besser als deine“) aus Spanien kochen je eine Mama samt erwachsenem Sohn gegen ein anderes Mama/Sohn-Duo. Das führt zu allerhand Schreierei.

In einer finnischen Realityshow geht‘s um „100 Tage ohne Alkohol“, was nördlich von Helsinki offenbar eine Herausforderung ist. Beim Casting ist man inzwischen in der Genreperipherie angelangt, es geht ums Tätowieren („Skin Arts“ aus den USA), ums Puppenspielen („Popsters“ aus den Niederlanden) oder um den bildungsbürgerlichen Dreiklang aus Tanz, klassischer Musik und Gesang für Kinder („Prodiges“ aus Frankreich). Jim Parsons, Sheldon Cooper aus der Sitcom „The Big Bang Theory“, entwickelt gerade eine US-Version.

In „Tied To Mom“ aus Israel sind Mutter und Kind drei Tage lang aneinandergefesselt. In der Trash-Show „How I Survived A Zombie Apocalypse“ erschrecken Untote im Einkaufszentrum Kandidaten. Und im britischen Format „50 Ways To Kill Your Mommy“ absolvieren Söhne mit Müttern Extremsportarten. Im einzigen wirklich originellen Miniformat „Man vs. Fly“ erlegen Kandidaten in Rüstung oder Taucheranzug eine Stubenfliege – kommentiert wie ein Boxkampf. Es ist vielleicht nicht das neue „Wetten, dass ...?“, aber man nimmt ja, was man kriegt.

Fernsehunterhaltung spiegelt immer den Zeitgeist der Gesellschaft, in der sie spielt. In den Neunzigerjahren war die Schwemme von Renovierungsshows mit Tine Wittler und Co. ein Symptom des Umbruchs in West und Ost. „Big Brother“, Dschungelshow und Castingwelle waren dann perfekter Ausdruck der neoliberalen Nullerjahre, der Zeit also, als Ich-AGs mit Ellenbogen und kompromisslosem Ehrgeiz alles dem Egotrip unterordneten, bis hin zur Aufgabe der Persönlichkeit. Seither gab‘s praktisch nur Varianten zu sehen. Was fehlt, ist die Showidee, die dem Geist der Gegenwart Ausdruck verleiht.

Liveshows wären die größte Chance des Genres. Aber „live“ widerspricht dem tödlichen Kontrollzwang vieler Redaktionen. Dabei wäre das Unerwartbare, spontan Genialische der größte Vorteil des Mediums im Kampf um Aufmerksamkeit. „Heute sieht doch eine TV-Show aus wie die andere“, sagte TV-Expertin Klaudia Wick. „Ich habe beim Zugucken immer das Gefühl: Die sitzen da morgen noch genau so. Aber wenn die Gleichung ,Ich opfere meine Zeit und bekomme dafür eine Überraschung‘ nicht mehr aufgeht, dann müssen wir das Vorhandene zertrümmern.“

Das ZDF hat‘s getan. Ein neues „Wetten, dass ...?“ aber ist nicht in Sicht. Und es ist möglich, dass es nie wieder ein Format geben wird, das nationale, magische Augenblicke des gemeinsamen Erlebens möglich macht. „Wir suchen alle nach dem nächsten großen Ding“, sagt ZDF-Vizeunterhaltungschef Thorsten Haas, „aber eine solche Marke wird man nicht wieder hinbekommen.“ Schlüpfende Küken mit Kerner sind‘s jedenfalls nicht.

Was Showproduzenten zu schaffen macht, ist die fortschreitende Fragmentierung, die Aufsplitterung der Gesellschaft in diverse Öffentlichkeiten mit weit auseinanderklaffenden Spezialinteressen. „Machen wir uns nichts vor“, sagt Endemol- Shine-Chef Marcus Wolter, „die ganze Familie um 20.15 Uhr vor dem Fernseher? Das gibt‘s nicht mehr. Meine Kinder zeigen mir den Vogel! Das ist nicht mehr deutsche Lebenswirklichkeit.“

Bei RTL, wo man sich besonders fest an angejahrte Erfolgsformate klammert, sieht man sich in einer Zwickmühle. „Alte Zöpfe abschneiden – schön und gut“, sagt RTL-Mann Markus Küttner. „Aber als kommerzieller Sender etwas kippen, was noch ganz gut läuft? Das ist nicht so einfach.“ Also gibt‘s jetzt eine Art Sommer- Dschungelcamp. Am Ende ist man sich einig: Diese Sache mit der Fliege, die war ganz lustig.

Imre Grimm

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