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Nachrichten Medien Wenn sich die Kommissare zanken ...
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06:00 22.04.2017
Was miteinander arbeitet, fetzt sich: Oberstleutnant Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Majorin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sprechen Klartext. Quelle: Foto: ARD
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Wien

Kommissare unter sich. Es gibt wieder Tote in Wien, aber der Eisner (Harald Krassnitzer) ist nicht ans Handy gegangen, und die Fellner (Adele Neuhauser) ist stinksauer deswegen. Der unrasierte Kollege steht da nicht ganz einsatzbereit in Unterwäsche neben einer Frau im Türrahmen, und er habe ja wohl noch ein Privatleben, brummt er missmutig. Die Majorin Fellner, die gerade das nicht hat und die eben erst in nächtlicher Unruhe auf Partnersuche im Internet war, ist neidisch und beleidigt, weil sie von Eisners Liebschaft nichts gewusst hat.

Auf Ehedrama folgt Berufsdrama

Am Tatort des ORF-„Tatorts“ treffen die beiden Missgelaunten auf zwei Leichen und eine magenschwache Kollegin, die sich beim Anblick von Gevatter Tod gleich mal in den Swimmingpool übergibt. Unten im Wohnzimmer liegt Kralicek, der Chef der Polizeischule, mit einer Schusswunde in der Brust, einen Stock höher seine tote Gattin. Ein Ehedrama (erste Annahme), dem sogleich ein Berufsdrama folgt. Wie die Kesselflicker gehen Fellner und Eisner zur Sache. „Ich bin trocken!“, schreit die Majorin. „Das ist gerade dein Problem!“ ,schreit der Oberstleutnant. Draußen ist der Himmel über Wien elend grau. Passt alles.

Es war natürlich kein Ehedrama mit Selbstmord, das vermutet der Zuschauer schon seit der ersten Minute von „Wehrlos“, weil er zusammen mit einem Einbrecher Zeuge war, als im Nachbarhaus zwei Schüsse fielen. „Kein Selbstmörder drückt zweimal ab“, brummt Eisner. Erfahren haben die erfahrenen Kriminaler das (und der Zuschauer damit zum zweiten Mal) erst später – von den Opfern des Einbruchs, die durch die nächtliche Knallerei aus dem Schlaf geschreckt wurden. Fortan geht es um die krimiklassische „Wer war’s?“-Frage. Verdächtig sind vor allem die eigenen Reihen, denn das Projektil ist eine nicht im Handel erhältliche Art von Munition, die sich in der polizeilichen Testphase befindet. Der Chef der Kripo (Hubert Kramar) will „keinen Wirbel“, Fälle im eigenen Stall bringen schlechte Presse. Fellner soll sich in der Polizeischule „umschauen“, während Eisner offiziell weiter dem Erstverdacht nachgeht. Für die Medien.

Ein Frauenfeind, zwei Wiener Würstchen

In der Polizeischule herrscht jetzt Nowak (Simon Hatzl), ein ausgemachter Frauenfeind, der Fellner die Arbeit unerträglich schwer macht. Er ist unser erster und liebster Verdächtiger, anders als dem unerwartet arglosen Eisner kommt uns seine Bitte, den Fall möglichst schnell „ad acta“ zu legen, sofort spanisch vor. Das Erpresserpärchen „depperte Bonnie“ (Simone Fuith) und „süßer Clyde“ (Sebastian Wendelin), zwei arme Wiener Würstchen, die Fotos über sexuelle Gewalt gegen Polizeieleven an Kraliceks Frau verkaufen wollten, erscheint dagegen zu karikaturesk für Gewaltverbrechen oberhalb der Ohrfeigenschwelle.

Düstere Musik, deprimierter Zuschauer

Apropos Karikaturen – in „Wehrlos“ reicht Regisseur Christopher Schier das Wiener Typenpanoptikum: Besserwisser, Schlauberger, Grantelbärte, Streithähne und Heulsusen swingen klischeehaft durch die Schlechtwetterstadt und versuchen das Ermittlertreiben mit möglichst viel Wiener Humor und Schmäh zu würzen. Beim Finale ist dann doch alles anders als gedacht und sogar ziemlich tragisch. Angesichts der jüngsten Nachrichten über entwürdigende Vorgänge bei der Bundeswehr lässt sich auch eine gewisse Brisanz des Verhandelten feststellen. 90 Minuten wurde dieses Thema mit einer düster funkelnden Musik und einem bösen gelben Licht unterstrichen, das Wiens Nächte flutet. Kein Wunder, dass die vom Krimipersonal so schlecht drauf sind, denkt man und fühlt sich zum Ende des Wochenendes so deprimiert wie Eisner und Fellner. Blöd, diese Krimis!

Von Matthias Halbig

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