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Medien Batic und Leitmayr und die Ohnmacht der Exekutive
Nachrichten Medien Batic und Leitmayr und die Ohnmacht der Exekutive
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18:10 03.06.2018
Kämpfen mit den Tücken des niederbayerischen Landlebens: Kriminalhauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec), Kriminalkommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) und Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) erfahren bei den Ermittlungen in der Wohnung von Florian Berg, dass er von den Freiländern bedroht wurde (v. l.). Quelle: Foto: ARD
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München

Der Einstieg ist fast schon genial. Er führt direkt in ein improvisiertes Call Center, in dem sich Wutbürger, Verschwörungstheoretiker und andere Enttäuschte beraten lassen können, wie sie sich am besten gegen den deutschen Staat wehren. Und die Nachfrage ist offenbar riesig, das zeigt die emsige Hektik in diesem Center.

Durch diese recht kurze Anfangsszene ist der Zuschauer sofort mittendrin in der kruden Gedankenwelt und auch dem Verführungspotenzial der sogenannten Reichsbürger-Bewegung, die die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik nicht anerkennt. Sie betreibt hier das Call Center. Im „Tatort – Freies Land“ (Regie Andreas Kleinert, Drehbuch: Holger Joos) nennen sie sich selbst die „Freiländer“.

Ein kleines Reich gescheiterter Existenzen

Dabei handelt es sich in diesem konkreten Fall um eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Menschen von Aussteigern und irgendwie gescheiterten Existenzen, die dabei sind, im niederbayerischen Grenzgebiet zu Tschechien ein eigenes kleines Reich zu gründen.

Auch sie sind zwar latent ausländerfeindlich, grenzen sich nach außen rigide ab, aber anders als kürzlich in dem Schwarzwald-„Tatort – Sonnenwende“ ist dieses rechte Gedankengut nur ein Randmotiv. Vielmehr ähneln diese Aussteiger den Siedlern, von denen der klassische Western gern erzählt.

Der Krimi zitiert immer wieder bekannte Westernmotive

Menschen also, die eigenen Grund und Boden besiedeln möchten – unabhängig von Staat und staatlichen Institutionen. Und auch optisch zitiert der Film, bisweilen schön ironisch gebrochen, immer wieder bekannte Westernmotive. Das macht beim Zuschauen richtig Spaß.

Der Anführer der Freiländer ist Ludwig, den Andreas Döbler mit leicht sächsischem Zungenschlag spielt. Seine rechte Hand ist der äußerst seltsame Jurist und Fanatiker Roland (Thorsten Krohn). Ludwigs heimliche Begierde ist Lene (Anja Schneider), die mit ihrer blinden Tochter auf dem geräumigen und gut gesicherten Hof der Freiländer lebt.

Doch einer aus dieser Gruppe, ihr Buchhalter Florian Berg, ist offenbar eines gewaltsamen Todes gestorben.

Die Spur führt zu den Freiländern

Seine Mutter hat den jungen Mann mit aufgeschnittenen Pulsadern und jede Menge Beruhigungsmittel im Blut in der Badewanne ihrer Münchner Wohnung gefunden. Und da das Messer, die Tatwaffe, verschwunden ist, spricht vieles für Mord. Kurzum: ein Fall für die Münchner Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl).

Da die Spur zu den Freiländern führt, müssen die beiden eingefleischten Städter nun ausnahmsweise mal in der tiefsten Provinz, weit „jenseits der S-Bahn“, ermitteln und machen dort eine für sie unglaubliche Erfahrung. In dem fiktiven Kaff Traitach, in dem sich offenbar schon lange Fuchs und Gans „Gute Nacht“ wünschen, scheinen der Staat und seine Autoritäten nichts mehr zu sagen zu haben.

Man nimmt sie einfach nicht mehr ernst, und das Regiment führen die dort ansässigen Freiländer. Auch die beiden Ortspolizisten, die ständig Schweinsbraten essen, haben längst aufgegeben. Und selbst Batic und Leitmayr nimmt keiner für voll.

Mordermittlungen sind hier ein Ding der Unmöglichkeit

Ganz im Gegenteil: Sie werden sogar angepöbelt, bedroht und böse beschimpft. Dieser für sie arg peinliche Vorfall landet dann auch noch als Video im Internet.

Bei alldem erlebt der Zuschauer durch die Augen der beiden Kommissare die Ohnmacht des Staates, seine Hilflosigkeit im Umgang mit Menschen, die durch Argumente schon lange nicht mehr zu erreichen sind.

Und er ahnt, wie schwierig es für Polizeibeamte ist, auf die ständigen Provokationen halbwegs nüchtern zu reagieren. In einem solchen Klima sind natürlich auch halbwegs ordentliche Mordermittlungen fast ein Ding der Unmöglichkeit. Was schließlich bleibt, ist der finale Einsatz eines martialisch gerüsteten SEK-Kommandos.

Im Niederbayerischen wird nicht nur Trübsal geblasen

Trotz dieses pessimistischen Schlusses wird bei diesem „Tatort“ allerdings nicht nur Trübsal geblasen. Dafür sorgen immer wieder witzige kleine Szenen und tolle Charaktere wie der Dorfpolizist Mooser (Sigi Zimmerschied) oder der Gastwirt Alois (Peter Mitterrutzner). Sowie der verzweifelte Kampf der beiden Münchner Kommissare mit den Tücken des niederbayerischen Landlebens – und einer historisch anmutenden Wurstmaschine, die man auch den beiden „Tatort“-Kommissaren in Köln als Ersatz für die obligatorische Currywurst nur wärmstens empfehlen kann.

Von Ernst Corinth / RND

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