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Analyse: Scheidender Twitter-Chef hinterlässt eine Baustelle

Computer Analyse: Scheidender Twitter-Chef hinterlässt eine Baustelle

Im Januar 2009 ging ein Foto um die Welt: Fröstelnde Menschen stehen dicht gedrängt auf der Tragfläche eines Flugzeugs, das im New Yorker Hudson River schwimmt.

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Über Twitter verbreiteten sich am 15. Januar 2009 die ersten Fotos von der dramatischen Notwasserung eines Airbus auf dem Hudson River.

Quelle: Justin Lane/Archiv

New York. Der Internet-Unternehmer Janis Krums nahm das Bild von Bord einer Fähre auf, die nach der dramatischen Notwasserung zur Hilfe eilte, und verschickte es an seine damals 170 Abonnenten beim Kurznachrichtendienst Twitter. Danach breitete es sich wie ein Lauffeuer aus.

An diesem Tag erkannten alle die Macht von Twitter als Plattform für heiße News. Seitdem ist der Dienst nicht mehr aus dem Mediengeflecht wegzudenken. Egal, ob bei den Protesten in Ägypten oder dem Bombenanschlag auf den Marathonlauf in Boston - Twitter war immer eine schnelle, wenn auch nicht immer verlässliche Informationsquelle. Unternehmen und Prominente haben den Kurznachrichtendienst zudem als direkten Draht zu ihren Kunden und Fans entdeckt.

Das Problem ist nur: Das allein bringt kein Geld. Und der plötzlich zurückgetretene Chef Dick Costolo fand in seinen fast fünf Jahren an der Spitze keine zufriedenstellende Lösung für ein Geschäftsmodell. Die Gründer hatten ursprünglich lange auf Werbung verzichtet, um die Nutzer nicht zu verschrecken. Am Ende kam sie doch, in Form von bezahlten Tweets, die zum Beispiel Unternehmen in den Nachrichtenstrom der Nutzer einschleusen können.

Twitter verweist darauf, dass das Wachstum doch eigentlich nicht so schlecht sei - die 436 Millionen Dollar Umsatz im ersten Quartal bedeuten einen Sprung von 74 Prozent im Jahresvergleich. Doch die Börse will Twitter eher am großen Konkurrenten Facebook messen. Und der spielt in einer ganz anderen Liga: 1,44 Milliarden Nutzer, ein Quartalsumsatz von 3,54 Milliarden Dollar und 512 Millionen Dollar Gewinn. Twitter fuhr hingegen mit gut 300 Millionen Nutzern einen Verlust von 150 Millionen Dollar ein.

Nun hat die Wall Street keine Probleme mit roten Zahlen, wenn sie dahinter eine Wette auf künftiges großes Wachstum vermutet. Doch diese Fantasie vermissen die Börsianer bei Twitter. Im vergangenen Jahr gingen fast 700 Millionen Dollar für Entwicklungskosten und über 600 Millionen für Marketing drauf. Der Lohn waren 47 Millionen neue Mitglieder, ein Plus von 18 Prozent. Die Nutzerzahlen sind wichtig für Twitter: Ein größeres Publikum macht das Netzwerk attraktiver für Werbekunden.

Die jüngste Strategie von Costolo war, stärker die Internet-Nutzer anzusprechen, die keine Twitter-Mitglieder, aber trotzdem mit Tweets in Berührung kommen. Er versuchte, mit der Fußball-WM im vergangenen Jahr massiv neue Kunden zu gewinnen. Es blieb jedoch bei einem Strohfeuer. Zudem experimentiert Twitter zum Beispiel mit Kauf-Buttons, mit denen Artikel direkt aus einer Nachricht heraus gekauft werden können - bisher bleibt es dabei aber eher bei Einzelfällen.

Selbst einstige Weggefährten verlieren die Geduld. So forderte der Internet-Investor Chris Sacca, ein langjähriger aktiver Twitter-Unterstützer, vor wenigen Tagen in einem offenen Brief einschneidende Änderungen. Unter anderem sollte Twitter seiner Ansicht nach stärker auf Nutzer zugehen, die nicht ständig den Dienst beobachten und dadurch möglicherweise für sie interessante Nachrichten verpassen.

Dafür schlug Sacca eine Art von Kanälen zu einzelnen Themenbereichen vor, in denen die Tweets nicht mehr chronologisch aufgeführt sein müssten. "Meine größte Sorge ist das Ausmaß der Zweifel und Missverständnisse in der Öffentlichkeit, wenn es um die Vision von Twitter und die nächste Zukunft des Dienstes geht", schrieb er.

Ein Problem der Costolo-Ära ist, dass Twitter viel verbrannte Erde bei App-Entwicklern hinterlassen hat. Das Unternehmen war bestrebt, die Nutzer auf der Website und in eigenen Anwendungen zu halten - wo Twitter ihnen Werbe-Tweets zeigen kann. Die Schnittstellen für fremde Apps wurden in mehreren Schritten eingeengt, am Ende fühlten sich App-Entwickler schikaniert, und der Fluss von Innovationen aus ihren Reihen versiegte.

dpa

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