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Panorama Denkt Ihre Generation anders über Chauvinismus, Martin Walser?
Nachrichten Panorama Denkt Ihre Generation anders über Chauvinismus, Martin Walser?
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20:10 01.06.2018
Leben und Lebenswerk: Martin Walser schreibt seit mehr als 60 Jahren Romane – und mischt sich immer wieder in aktuelle Debatten ein. Quelle: dpa
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In Ihrem Roman “Gar alles“ beschreiben Sie eine Dreiecksbeziehung, ein häufiges Thema in Ihrem Werk. Auch Ihr eigenes Leben ist davon geprägt: Sie haben Kinder mit zwei verschiedenen Frauen. Haben Sie sich für Ihre Untreue in der Ehe damals ebenso gegeißelt wie der Blogschreiber aus Ihrem aktuellen Buch?

Ich sage Ihnen etwas, und das gilt nicht nur für dieses Interview: Ich lasse mich nicht über mein Privatleben ausfragen. Ich schreibe Romane, und das sind immer auch auf gewisse Weise Selbstporträts. Alles, was zu diesem Thema zu denken ist, können Sie aus dem Roman ableiten.

Damit haben Sie meine Frage ja indirekt bejaht. Erst kürzlich haben Sie mit Ihrem Sohn Jakob Augstein, der als rechtlicher Sohn des “Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein aufwuchs, einen Gesprächsband veröffentlicht. Was bedeutet Ihnen diese gemeinsame Publikation?

Die Hauptleistung stammt von Jakob, er hat alle Themen herausgesucht. Ich habe mitgemacht, und es hat mir auch eine Art Spaß bereitet. Vielleicht kann man sagen: Weil wir in Wirklichkeit viel zu wenig gemeinsame Lebenszeit verbracht haben, war es sinnvoll, ein solches Frage-und-Antwort-Spiel zu betreiben. Dieser Umstand hat dem Buch die Energie geliefert.

Sie spielen in “Gar alles“ auf die “Aufschrei“-Debatte an, Ihr Protagonist verliert infolge eines Kommentars über einen kurzen Rock seinen Job. Weshalb hat es Sie in den Fingern gejuckt, dieses Thema aufzugreifen?

Ich musste ja ein erotisches Profil für meine Figur erzählen. Da fiel mir eben diese Handlung ein.

Glauben Sie, dass Ihre Generation eine andere Perspektive auf die aktuelle Debatte um sexuelle Belästigung und männlichen Chauvinismus hat?

Das glaube ich nicht. Über die tatsächlichen Belästigungen kann man glaube ich nur einer Meinung sein.

Männer werden im Buch beschrieben als “die des üblichen Vergehens Angeklagten“. Höre ich da die Kränkung des Mannes infolge der MeToo-Debatte heraus?

Ich habe das Buch 2016 und 2017 geschrieben, ehe diese Debatte aufkam. Jetzt heißt es in den Kritiken, dass ich mich mit dem Buch an der Debatte beteilige. Das stimmt nicht. Dass ich diese Fälle von Weinstein bis Wedel scheußlich finde, steht außer Frage. Zufällig ist mein Justus Mall in diese Sphäre geraten, als er mit seinem Zeigefinger auf den Schenkel einer Frau tippt. Ich wehre mich aber nicht dagegen, dass ich in diese Debatte hineingestupst werde. Ich finde das ganz interessant.

Klaus (Ulrich Tukur), Helmut (Ulrich Nöthen), Helene (Petra Schmidt-Schaller) und Sabine (Katja Riemann, l-r) auf der Suche nach Rohrdommeln - eine Szene aus der Verfilmung von Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd“. Quelle: gate_film

In diesem Zusammenhang werden Sie dann aber ja doch wieder mit Ihrem Protagonisten verwechselt: Eine Reihe von Kritikern stört sich etwa daran, dass das Wort “Brüste“ sehr oft vorkommt, und unterstellt Ihnen Altherrenfantasien. Stört Sie das?

Ich finde das eher lustig. Wieso sind Brüste Altherrenfantasien? Überall wird diese Stelle mit den “steilen Brüsten“ zitiert und ausgiebig interpretiert, das finde ich sehr komisch. Mein Justus Mall schreibt ja nur deshalb so viel darüber, weil er mit niemandem über die aggressive erotische Bebilderung der Welt, vor allem zu Werbezwecken, sprechen kann. Deshalb reagiert er sich in seinen Briefen an jene Unbekannte ab.

Sie spielen damit auf jene mysteriöse Adressatin an, die auch im Untertitel vorkommt. Der Protagonist schreibt “Briefe an eine unbekannte Geliebte“. Diese erfolgen in Form eines Internetblogs als “Briefe ins Irgendwo“. Könnten Sie sich selbst auch vorstellen, solch ein Internetblog zu führen?

Ich habe doch mit diesem Roman ein Blog geschrieben – nur eben nicht im Internet, sondern in Buchform. Um diese Handlung zu erzählen, muss ich das ja nicht selbst praktizieren. Es ist eine Form des Ausdrucks.

Was reizt Sie daran?

Dass man einen Menschen adressieren kann, von dem man nicht weiß, ob es ihn gibt. Aber wo es schön wäre, wenn er existierte.

Auch in Ihrem Roman “Ein sterbender Mann“ aus dem Jahr 2016 streifen Sie das Thema digitale Kommunikation und schreiben über ein Selbsthilfeforum für Suizidgefährdete. Nutzen Sie selbst das Internet?

Nein, ich benutze es nicht. Für mich ist das Thema nur als Autor interessant, nicht in der Wirklichkeit. Man muss ja nicht alles, was man in einem Roman beschreibt, auch in der Realität praktizieren. Das wäre ja grotesk.

Dennoch ist es für den Leser ja interessant zu erfahren, inwieweit Sie, der Sie nicht mit der Digitalisierung aufgewachsen sind, sich für diese Sphäre der aktuellen Wirklichkeit interessieren – oder eben auch nicht.

In meinen Büchern ist nachzulesen, wie ich die Digitalisierung literarisch nutze. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Porträt des Schriftstellers Martin Walser, aufgenommen im März 1987 in seiner Ferienwohnung in Graubünden. Quelle: KEYSTONE

Sie haben früher schon Briefromane veröffentlicht, etwa “Das dreizehnte Kapitel“. Diesmal jedoch bleiben Antworten aus. Später singt der Protagonist ein Loblied auf das “Überflüssige als Tor zur Freiheit“. Ich musste anhand dieser Motive an “Warten auf Godot“ denken, an das Warten als Selbstzweck. Können Sie dieser Assoziation folgen?

Das leuchtet mir ein, dass man so denken kann. Ich kann allerdings nachträglich nur schwer begründen, weshalb ich eine bestimmte Sache auf diese Weise geschrieben habe. In dem Moment ist es für mich eine Notwendigkeit, dass ich das auf genau diese Weise tue. Im Nachhinein kann ich nicht mehr sagen, weshalb.

Es kommen im Buch einige Gedichte in englischer Sprache vor. Haben Sie diese selbst verfasst?

Natürlich.

Was bedeutet es Ihnen, auf Englisch zu schreiben?

Das war ein Mittel. Die Gedichte stammen ja von der ehemaligen Geliebten des Erzählers, Silke. Und ich musste sie ja in einen räumlichen Abstand zu meinem Justus Mall bringen, wenn sie Schluss machen will mit ihm. Deshalb geht sie nach Amerika, sie akklimatisiert sich dort und wechselst also in die englische Sprache.

Ein Gedicht in einer anderen Sprache zu verfassen ist ja nicht gerade einfach ...

Ach, ich bitte Sie: Entweder ist Gedichte schreiben einfach oder nicht, das hat mit der Sprache nichts zu tun. Es muss einfach eine Stimmung da sein, die das Gedicht möglich macht. Es kann immer noch ein Amerikaner kommen und sagen: “Das ist aber kein schönes Gedicht.“

Im ersten Blogeintrag Ihres Romans heißt es: “Ich werde nicht aufhören, mich mitzuteilen.“ Gilt das auch für Sie selbst als Autor?

Wohl oder übel. Sonst würde ich nicht leben, ohne Mitteilung.

Woran schreiben Sie aktuell?

Ich bin gerade bei der Korrektur eines Buches, das heißt “Spätdienst“. Der Untertitel lautet “Bekenntnis und Stimmung“. Es ist keine Belletristik, kein Roman. Der Stil ist lyrisch, aphoristisch. Man könnte sagen, es sind Existenzstenogramme.

Nach Internetblog und Selbsthilfeforum kehren Sie also jetzt zum Stenogramm, zu einer älteren Kommunikationsform zurück.

Genau, wie ein Autor eben zwischen den Formen wechselt. Soll ich Ihnen mal etwas vorlesen?

Ja, gerne!

Die letzten zwei Zeilen heißen: “Und die Blätter tanzen im Wind. Wissen nicht, dass sie am Fallen sind.“ Damit hört es auf.

Martin Walser im Jahr 2010. Quelle: dpa

Zur Person: Martin Walser

“Ich weiß nicht einmal was das ist, Haltung. Ich weiß jetzt nur, dass sie mir fehlt.“ “Ich bin das angebundene Tier, das so tut, als möchte es frei sein und mit Genuss die Gefangenenkost frisst.“ “Eigentlich sind wir nichts als Lastesel unserer Träume.“ Martin Walser wird in seinem Spätwerk immer mehr zum Aphoristiker. In seinen Büchern über das fiktive Alter Ego Meßmer erprobt er diese kurze, prägnante Form, und auch sein aktueller Roman “Gar alles: Briefe an eine unbekannte Geliebte“ ist voll von diesen dahingeworfenen Sätzen, die seelische Abgründe ausloten.

Mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit feierte der wohl bedeutendste lebende deutsche Schriftsteller im März 2017 seinen 90. Geburtstag. Der Schaffensdrang Walsers ist weiterhin ungebrochen. Sein jüngster Roman ist ein politisch inkorrektes Buch, das dem Autor auch viel Kritik einbrachte. Wie er da über “Schenkel-Emanzipation“ angesichts eines hochrutschenden Rockes oder über die vermeintlich “trockene Scheide“ einer Anwältin fabulierte, fanden einige Rezensenten peinlich.

Walser provoziert in dem Roman auch noch auf andere Weise, indem er Donald Trump als “nicht verurteilungswürdigen Präsidenten“ bezeichnet, der dem Erzähler zuweilen aus der Seele spricht. Walser hat den in der Intellektuellenwelt eher wenig beliebten Trump auch schon bei anderen Gelegenheiten in Schutz genommen.

Zuletzt äußerte sich der Schriftsteller seltener zu aktuellen Ereignissen, zur umstrittenen Erklärung 2018 von Intellektuellenkollegen um Uwe Tellkamp zum Beispiel wollte er sich im Interview nicht äußern. Walser gehört jedoch zu den Unterzeichnern eines aktuellen offenen Briefes an EU-Kommission und Europäischen Rat, der sich für kostenlose Interrail-Tickets einsetzt. Jeder EU-Bürger solle zum 18. Geburtstag eins bekommen.

Mit Siegfried Lenz, Günter Grass und Heinrich Böll prägte der Hutträger vom Bodensee das alte Westdeutschland und danach die vereinte Bundesrepublik. Selbst rund 50 Jahre nach der Auflösung der legendären Schriftstellervereinigung Gruppe 47 im Jahr 1967, deren häufiger Gast Walser war, behielt die Stimme des Autors Gewicht. Sein Biograf Jörg Magenau schrieb, der Autor habe vom ersten bis zum letzten Buch eine “Chronik der Empfindungsgeschichte der Bundesrepublik“ verfasst.

Irrwege der Liebe beschritt Walser als Literat immer wieder. Oft haben seine Paarungen eine anrüchige Aura, etwa im Roman “Ein liebender Mann“ (2008) über die Zuneigung des 74-jährigen Goethe zur 19-jährigen Ulrike von Levetzow oder in seiner zum Schulstoff gehörenden Novelle “Ein fliehendes Pferd“ (1978) über eine verhängnisvolle Liebeskonstellation.

Dreiecksbeziehungen prägten nicht nur seine Literatur: 2009 offenbarte der Journalist Jakob Augstein, dass Martin Walser sein leiblicher Vater sei. Augsteins rechtlicher Vater, der “Spiegel“-Gründer Rudolf Augstein, war ein Freund des Schriftstellers. Walser hatte mit seiner Ehefrau Katharina vier Töchter, die selbst zu festen Größen des Literatur- und Schauspielbetriebs geworden sind.

Walsers Vater war Wirt und Kohlenhändler, seine Mutter stammte aus einer alemannischen Bauernfamilie. Am 24. März 1927 wurde Martin Johannes Walser in Wasserburg am Bodensee geboren. Von 1944 bis 1945 war er Soldat der Wehrmacht, nach Kriegsende stu­dierte er in Regensburg und Tübingen Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie. Er arbeitete bis zur Veröffentlichung seines Debütromans “Ehen in Philippsburg“ 1957 beim Süddeutschen Rundfunk.

Das Verhältnis zwischen Werk und Leben ist für den Autor ein Reizthema im positiven Sinne, wie im Interview deutlich wird. Typisch für Walser ist, dass er Zusammenhänge zunächst vehement abstreitet, um sie indirekt dann doch wieder zu bejahen.

Von Nina May

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