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Panorama Die Entdeckung der Einsamkeit
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16:24 11.03.2018
Einsamkeit ist ein Phänomen der Massen. Wer sie bekämpfen will, muss zunächst einmal wissen, was Einsamkeit überhaupt ist. Bisher jedoch ist diese Empfindung kaum erforscht. Quelle: unsplash
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Berlin

Ganze 200 Meter, das ist der Radius von Laura Streiter* im Mai 2015, weiter geht sie nicht. Bis zum Rewe hinunter und zurück. Nur zweimal in der Woche macht sie Ausnahmen: Dienstags geht sie zur Physiotherapie, mittwochs in die Vorlesung Ideengeschichte. Sogar den Stadtteil wechselt sie dafür. Den Rest der Zeit jedoch verbringt sie daheim, in den 21 Quadratmetern ihrer Berliner Studentenwohnung, möbliert gemietet, bestückt mit dem Nötigsten, nichts Persönliches an den Wänden.

Manchmal sitzt Laura Streiter am Laptop und schaut Sport oder Dokumentationen, meistens liegt sie im Bett und verliert sich in den immer gleichen Gedankenketten, die sich wie Nebel über ihren Alltag legen. Manchmal denkt sie darüber nach, warum die anderen so glücklich sind. Wahrscheinlich, weil sie nicht wissen, wie schlimm die Welt außerhalb der 21 Quadratmeter sein kann.

Laura Streiter ist eine von Tausenden Deutschen, die einsam sind. Einige sind es in Episoden, andere in bestimmten Situationen, wieder andere immerzu. Einige, weil sie das Haus nicht mehr verlassen können; andere, obwohl sie zahlreiche Freunde und Bekannte haben; wieder andere, weil sie sich in Deutschland nicht zurechtfinden.

Einsam seit dem Tod des Vaters

Die Studentin ist einsam seit dem Tod ihres Vaters. Am 2. März 2010, es war ein Dienstag, hatte er einen Schlaganfall. Von da an lag er im Bett, gelähmt, kaum ein Wort konnte er noch sagen. Ihre Mutter – Laura Streiter redet nicht über ihre Mutter, sie nennt sie die Frau ihres Vaters. Die Frau ihres Vaters will den Vater nach dem Anfall in ein Heim stecken. Laura Streiter will das nicht. Der Papa gehört nicht in ein Heim. Sie will ihn selbst pflegen. Du spinnst, sagt die Mutter. Du liebst ihn nicht, sagt Laura Streiter. Geh mir aus den Augen, sagt die Mutter und weint.

Das Mädchen, kleiner als die anderen, schüchterner als die anderen, mit einem hinkenden rechten Bein, beginnt ihre Hausaufgaben in den Schulpausen zu machen. Für die Klausuren lernt sie dort ebenfalls. Den Rest des Tages verbringt sie bei ihrem Vater. Füttert ihn, streichelt ihn, hört mit ihm CDs. Gott lässt dich nicht einfach gehen, sagt sie, wenn sie ihn küsst. Der Vater nickt dann.

An manchen Tagen geht Laura Streiter gar nicht mehr zur Schule. Je mehr es mit ihrem Vater bergab geht, desto weniger geht sie hin. Du bist genauso krank wie er, sagt die Mutter, geh zur Schule. Verpetz mich doch, sagt sie. Die Mutter tut es nicht, die Tochter schreibt sich selbst Entschuldigungen. Die Kontakte zu den wenigen Freundinnen, die sie hatte, bricht sie ab. Im Dezember 2012 stirbt ihr Vater.

Ein Phänomen der Massen

Weil Einsamkeit ein Phänomen der Massen ist, machte sie die englische Regierung im Januar sogar zur Staatssache und schuf einen entsprechenden Ministerposten. Die Große Koalition will Einsamkeit dagegen durch Einzelmaßnahmen wie die Stärkung von Mehrgenerationenhäusern angehen. Doch wer die Einsamkeit bekämpfen will, muss zunächst einmal wissen, was Einsamkeit überhaupt ist. Bisher jedoch ist diese Empfindung kaum erforscht. Einsamkeit, so viel steht fest, bedeutet nicht nur allein zu sein. Vielmehr ist Einsamkeit ein ungutes Gefühl, das sich mit anderen mischen kann, wenn man allein ist. Es kann Teil von Depressionen sein, ist aber nicht dasselbe.

Laura Streiter beschreibt Einsamkeit als ein Gefühl von Leere. Die letzten drei Jahre hatte sie nur einen Lebensinhalt, der ihr etwas bedeutet hat. Schließlich hat sie niemanden mehr, der sie versteht. “Da ist nichts“, sagt sie, “dieses unendliche Nichts. Nichts von Bedeutung. Nichts, was etwas ändern könnte.“

“Einsam ist, wer das Gefühl hat, die sozialen Beziehungen seien unzureichend und dass man nirgendwo richtig dazugehöre“, sagt Maike Luhmann. Es ist eine Definition der Empfindung aus wissenschaftlicher Perspektive. Luhmann ist Psychologin an der Ruhr-Universität Bochum und verfasste die bisher erste aussagekräftige Studie, die es für Deutschland zum Thema gibt. Darin untersucht die Professorin unter anderem, wie sich Einsamkeit im Verlauf des Alters verändern kann.

Einsamkeit ist nicht nur ein Leiden des Alters, doch in der zweiten Lebenshälfte wird es schwieriger, Menschen zu finden, mit denen man sich austauschen kann. Quelle: Unsplash/Huy Phan

Denn Einsamkeit, das zeigt der Fall von Laura, ist kein Phänomen der Alten. Im Laufe eines Menschenlebens tritt sie immer mal wieder auf. Mal ist die Empfindung stärker, dann wieder schwächer. Im Alter von 30 und 60 ist die Einsamkeit besonders hoch, im Alter von 40 und 75 Jahren besonders niedrig, ab dem 75. Lebensjahr steigt sie rapide an auf das höchste Niveau im Lebensverlauf.

Das liegt auch daran, dass sich Menschen abhängig von ihrer Lebenssituation auf ganz unterschiedliche Art einsam fühlen. So mögen sich Teenager, die meist in Gruppen abhängen und in sozialen Medien Hunderte Kontakte pflegen, schon einsam fühlen, wenn sie nur zwei Freunde haben. Für Senioren dagegen mag das Gegenteil gelten, wenn sie sich im hohen Alter immer noch mit zwei Freunden treffen und austauschen können.

In der Studie arbeitet Luhmann Faktoren heraus, die Einsamkeit beeinflussen: Etwa fühlen sich Frauen eher einsam als Männer, Arme eher als Reiche, Beschäftigungslose eher als Vollzeitbeschäftigte, Kranke eher als Gesunde und Singles eher als Vergebene.

Meist die Folge eines einschneidenden Erlebnisses

Geklärt sind die Ursachen der Einsamkeit damit jedoch nicht. Auch, weil Einsamkeit meist die Folge eines einschneidenden Lebensereignisses ist. “Das können sogar Ereignisse sein, die auf den ersten Blick gar nicht negativ sind, zum Beispiel ein Umzug, die Geburt eines Kindes oder ein neuer Job“, sagt Luhmann.

Im Fall von Laura Streiter ist dieses Ereignis ein negatives: Der Tod ihres Vaters hat sie in die Einsamkeit gezogen. Bei Rosalinde Wehrmeister* ist es der ihres Mannes. Ihr geht es wie vielen deutschen Frauen hohen Alters. Ihr Mann ist gestorben, Kinder hat sie nicht, Enkel entsprechend auch nicht. Und obwohl Rosalinde Wehrmeister einen großen Freundeskreis hat, obwohl sie einmal in der Woche in der Suppenküche aushilft, obwohl sie eine Wandergruppe besucht und die Blumendekoration ihrer Pfarrgemeinde organisiert, ist sie einsam.

Dabei ist sie eine lebensfrohe Frau: Im Alter von 85 Jahren ist sie gesund wie eine 45-Jährige, informiert wie eine 35-Jährige, in Gesellschaft mit Männern flirtet sie wie eine 25-Jährige. Früher arbeitete sie als Optikerin. Weil von der Rente nicht viel bleibt, sorgt sie nun selbst dafür, dass ihre Brillen noch immer die schönsten sind. Mit Nagellack, Holz und Draht bastelt sie sich Gestelle, die kein Katalog listet.

Niemand ruft an, niemand fragt, wie es geht

Jeden Tag trifft sie sich mit Freunden oder hilft irgendwo aus. Doch dauern diese Termine meist nur ein paar Stunden. Und dann? Meistens Fernsehen. “Da gibt es viel Gutes“, sagt Wehrmeister. “Aber lieber tät ich wieder mit einem Mann reden.“ Tatsächlich spricht Rosalinde Wehrmeister viele Männer an, nur sind diese fast alle verheiratet. Wer noch lebt, ist meistens krank. “Das will ich nicht. Ich will einen, der noch richtig was kann“, sagt sie.

Allerdings gibt es so jemanden in ihrem Alter nicht in dem kleinen Dorf, in dem sie lebt. So bleibt Rosalinde Wehrmeister eben nicht mehr als der Fernseher. Wenn sie daheim ist, ruft niemand an, keiner fragt, wie es ihr geht, weil es einfach keinen gibt, den das interessiert. Die anderen haben ihre Familien, Rosalinde Wehrmeister hat nur sich selbst. Blut ist dicker als Wasser, das merkt sie jetzt.

“Manchmal“, sagt sie, “will ich fast weinen, wenn die anderen aus der Wandergruppe erzählen, was ihre Enkel jetzt wieder tolles können. Ich will auch auf jemanden stolz sein können. Auch Kinder, die mich anrufen und erzählen, was ihnen heute passiert ist.“ Mit sich selbst beschäftigen, darin ist Rosalinde Wehrmeister nicht gut. Viele Zeitungsartikel sind ihr zu lang, stricken ist ihr zu friemelig, Kreuzworträtsel, hach, die sind ihr zu schwer, das Internet sowieso, damit muss sie jetzt auch nicht mehr anfangen.

Das Internet kann nur bedingt helfen

Das Internet kann bei Einsamkeit sowieso nur bedingt helfen. Denn laut Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie an der Universität Göttingen, unterscheidet sich dessen Mehrwert je nach Nutzungsverhalten: “Der eine geht kaum noch aus dem Haus, weil er alles über das Internet erledigt, mit völlig Fremden Spiele spielt und echte Kontakte meidet. Der andere dagegen hat viel mehr Möglichkeiten als früher, Freunde zu treffen oder neue Freundschaften zu schließen, weil er über soziale Netzwerke leichter mitbekommt, was gerade läuft.“

Bandelow sieht die Ursachen der Einsamkeit in sich verändernden Stadt-Land-Strukturen. Gerade in kleinen Ortschaften hätten Einwohner gegenwärtig das Gefühl, dass die Möglichkeiten für soziale Kontakte weniger würden: Die letzte Kneipe, der letzte Laden schließt, während in den Städten immer mehr los zu sein scheint.

Das nehmen beispielsweise auch die sozialen Verbände, Vereine und Dienste des sauerländischen Städtchens Arnsberg wahr. Im Sommer vergangenen Jahres kamen sie zusammen, tauschten sich über ihre Arbeit und über die Probleme, mit denen sie hadern, aus. Einsamkeit, da waren sich alle einig, ist das größte Problem derer, mit denen sie arbeiten. Also gingen sie das Pro­blem an, einfach so, und starteten ein bisher einzigartiges Projekt: Allein oder einsam, so heißt ihr neues Netzwerk, gegründet aus einer Initiative von Pfarrgemeinde und Caritas. Es richtet sich an Einsame und die, die ihnen helfen wollen.

“Die Leute haben die unterschiedlichsten Hintergründe“

Das Einzigartige: Zwar bestanden die meisten der vermittelten Hilfsangebote bereits zuvor, jedoch werden sie nun im Netzwerk gebündelt. Es hält Ansprechpartner für alle Arten von Einsamkeit bereit und entwickelt neue Strategien für Probleme, die mit dem Bestehenden nicht gelöst werden können. Damit jeder weiß, dass er sich an das Netzwerk wenden kann, startete Allein oder einsam eine große Informationskampagne mit Zeitungsartikeln, Plakaten und Flyern.

“Die Leute, die danach zu uns kamen, haben die unterschiedlichsten Hintergründe“, sagt Mitorganisatorin Jutta Schlinkmann-Weber. “Da waren Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, denen es schwerfällt, Kontakte zu schließen. Kranke, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen können. Zu uns kamen Alleinerziehende, denen das Geld für Aktivitäten mit ihren Kindern fehlt, oder aber Geflüchtete, die sich in Deutschland noch nicht heimisch fühlen.“

Die vermittelten Angebote schließlich orientieren sich am individuellen Bedarf: Da gibt es Alleinerziehende, die eine Finanzberatung in Anspruch nehmen, Besucherdienste für Kranke oder ein gemeinsames Kaffeetrinken.

Ein Vorbild für andere Städte der Bundesrepu­blik

Um die Situation der Einsamen grundlegend zu verbessern, will das Netzwerk noch weiter gehen. “Wir überlegen, die Telefonnummern von einsamen Menschen zu sammeln, die Freiwillige dann anrufen können, so oft sie können oder wollen“, sagt Schlinkmann-Weber. Ihrer Kollegin Anette Kellermann ist vor allem die Aktivierung der Nachbarschaft wichtig: “Es ist nicht mehr wie früher, als jeder wusste, wie es den Nachbarn geht und was sie gerade machen. Da müssen wir ansetzen.“

Auch die örtliche Wohnungsgenossenschaft gehört dem Netzwerk an. Sobald jemand feststellt, dass es einem der Mieter nicht gut geht, soll ein Mitarbeiter Kontakt mit der Caritas aufnehmen. Das Netzwerk könnte ein Vorbild sein für andere Städte der Bundesrepu­blik. Denn Einsamkeit ist ein komplexes Problem, einfache Lösungskonzepte nützen recht wenig.

Dass es Bedarf gibt, Initiativen wie diese auszubauen, ergibt sich auch aus den gesundheitlichen Gefahren, die die Einsamkeit mit sich bringt. Bisher sind diese noch wenig erforscht. Es ist jedoch messbar, dass Einsamkeit die Lebenserwartung über alle anderen körperlichen und psychischen Risikofaktoren hinaus verringert. “Gesundheit und Einsamkeit stehen in einer komplizierten Wechselwirkung. Das kann zu einem wahren Teufelskreis führen: Gesundheitliche Probleme lösen Einsamkeit aus, was die gesundheitlichen Probleme wiederum verstärkt – und so weiter“, sagt Psychologin Luhmann.

Es gibt niemanden mehr, den es interessiert, wie es einem geht: Einsamkeit kann in schlimmen Fällen in die Obdachlosigkeit führen. Quelle: iStock

Wie genau Einsamkeit auf die Gesundheit wirkt, ist wegen des schwierigen Zusammenhangs schwer zu ermitteln. Warnungen wie die des Psychiaters Manfred Spitzer, dessen gerade erschienenes Buch “Einsamkeit – die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft, ansteckend, tödlich“ die Empfindung als Todesursache Nummer eins in westlichen Ländern ausmacht, ist mit dem aktuellen Forschungsstand jedoch kaum übereinzubringen. Auch eine britische Studie von Julianne Holt-Lunstad und Timothy Smith der Brigham Young University im US-Bundesstaat Utah, die proklamiert, Einsamkeit sei so ungesund wie der Konsum von mindestens 15 Zigaretten am Tag, ist faktisch nicht belegbar.

Das erste Mal wieder mit jemandem reden

Ohnehin ist mit der Beschreibung immer düsterer Einsamkeitsszenarien weniger geholfen als mit tatsächlichen Hilfsangeboten. Zumal bisher nicht einmal geklärt ist, ob die Gesellschaft wirklich zunehmend vereinsamt oder ob Einsamkeit ein Problem ist, das schon immer bestand, aber erst jetzt wirklich diskutiert wird. So zumindest sagt es Psychiatrieprofessor Bandelow: “Mir sind keine wissenschaftlichen Daten bekannt, die belegen, dass wir immer einsamer werden. Aber es gibt in Deutschland eine Kultur, in der wir gern hören, dass alles immer schlechter wird.“

Im Fall von Laura Streiter, der Berliner Studentin, die ihren Vater pflegte, wurde alles sogar besser. Es geschieht im Sommer 2015 in der Vorlesung Ideengeschichte. Da spricht Paul* sie plötzlich an, weil auf ihrem Platz ein Federmäppchen mit Werder-Bremen-Emblem liegt. Wie sie so etwas nur besitzen könne? Da redet Laura das erste Mal seit Monaten wieder mit einem Fremden.

Von ihm wird sie erfahren, dass er in vielem denkt wie sie, er wird sie abends ausführen und ihr zeigen, dass die Welt außerhalb ihrer 21 Quadratmeter gar nicht so schlimm ist, wie sie dachte. Er wird sich in sie verlieben und sie sich in ihn. Für Laura Streiter ist die Bekanntschaft mit Paul viel mehr als der Anfang einer großen Liebe. Sie ist ihr Ausbruch aus der Einsamkeit.

* Die mit Sternchen (*) gekennzeichneten Namen wurden auf Wunsch der Interviewten geändert. Ihre echten Namen sind dem Autor bekannt.

Das steckt hinter der Einsamkeitsstudie

Wer wurde befragt?

Die Studie “Age Differences in Loneliness from Late Adolescence to Oldest Old Age“, die die Psychologin Maike Luhmann gemeinsam mit ihrer US-Kollegin Louise Hawkley von der Ohio State University erstellt hat, arbeitet mit Ergebnissen des Sozioökonomischen Panels (SOEP). Für das SOEP werden seit 1984 jährlich knapp 30 000 Personen aus 12 000 Haushalten zu verschiedenen Themen befragt.

Anders als bei Querschnittserhebungen wechseln die Befragten des SOEP nicht von Jahr zu Jahr. Stattdessen antworten immer dieselben Personen aus immer denselben Haushalten. Einige Fragen des SOEP bleiben gleich, andere wechseln. Fragen zur Einsamkeit beispielsweise wurden erst im Jahr 2003 das erste Mal gestellt. Insgesamt 16 132 Menschen im Alter zwischen 18 und 103 Jahren gaben in diesem Jahr in allen für die Studie relevanten Fragen gültige Antworten. Sie sind die Grundlage von Luhmanns und Hawkleys Analyse.

Wie misst man Einsamkeit?

Werden Empfindungen wie Einsamkeit über die einfache Frage “Sind Sie einsam?“ gemessen, fühlen sich Interviewte oft abgeschreckt. Wer gibt schon gern zu, einsam zu sein? Deswegen ermitteln Luhmann und ihr Team einen sogenannten Einsamkeitsindex über folgende drei Fragen: Wie oft haben Sie das Gefühl, dass Ihnen die Gesellschaft anderer fehlt? Wie oft haben Sie das Gefühl, außen vor zu sein? Wie oft haben Sie das Gefühl, dass Sie sozial isoliert sind? Für die Antworten standen jeweils fünf Antwortoptionen zur Verfügung: nie, gelegentlich, manchmal, oft, sehr oft.

Worin bestehen die Vor- und Nachteile der Studie?

So wie die Empfindung von Einsamkeit etwas Subjektives ist, ist es das Zeitgefühl ebenfalls. Das bedeutet für die Forschung: Einige Befragte kreuzen an, sie fühlten sich manchmal sozial isoliert, wenn sie dieses Gefühl zweimal im Jahr haben; andere, wenn sie das Gefühl einmal die Woche verspüren. Auch soziale Isolation interpretieren die einen anders als die anderen. Es besteht also die Möglichkeit, dass die Antworten der Studie auf ganz unterschiedlichen Interpretationen der Fragen beruhen.

Zudem ist bekannt, dass viele Menschen anders antworten, als sie wirklich empfinden, wenn ihnen die Antwort unangenehm ist. Bei der Frage nach sozialer Isolation beispielsweise kann das der Fall sein. Es ist also möglich, dass geflunkerte Antworten die Ergebnisse verfälschen. Zumal Menschen, die so einsam sind, dass sie andere komplett meiden, an einer Studie wahrscheinlich gar nicht erst teilnehmen.

Trotzdem ist die Studie aus dem Jahr 2016 der erste Versuch, Einsamkeit in Deutschland über alle Altersstufen hinweg statistisch zu erfassen. Zwar mag es Verzerrungen bei den Befragten geben, allerdings keine so grundlegenden, dass sie die Ergebnisse großartig verändern würden.

Eine Ministerin für einsame Briten

Es gab Zeiten, da pries das Vereinigte Königreich die “Splendid Isolation“, die “wunderbare Isolation“ aufgrund der Insellage, die allein schon deshalb zu einer Sonderstellung in Europa geführt hat. Das allerdings war im 19. Jahrhundert, auch wenn nach dem Brexit-Votum zuletzt häufig wieder auf den Begriff aus der Vergangenheit zurückgegriffen wird. Mittlerweile steht Isolation in Großbritannien für ein großes Problem. Ein Report des Roten Kreuzes enthüllte vor Kurzem, dass sich von knapp 66 Millionen Briten mehr als neun Millionen oft oder immer einsam fühlen.

Die Ergebnisse sind so alarmierend, dass sich die Politik eingeschaltet hat. Premierministerin Theresa May ernannte im Januar eine Ministerin für Einsamkeit, um sich der “traurigen Realität des modernen Lebens“ anzunehmen. Als Einsamkeitsministerin soll Tracey Crouch, Staatssekretärin für Sport und Ziviles, künftig der zunehmenden Vereinsamung von wachsenden Teilen der Bevölkerung entgegenwirken. Die Gründung des Ressorts ist Teil einer breit aufgestellten Strategie, die lokale und nationale Behörden, öffentliche Einrichtungen, Freiwillige und Unternehmen in den Kampf gegen die Vereinzelung miteinbeziehen soll.

Bisher zählten Sport und Ziviles zu ihren Aufgaben – nun soll sich Ministerin Tracey Crouch auch den einsamen Briten annehmen. Quelle: imago

Theresa May sprach von einer “Herausforderung für die Gesellschaft“. Es gehe vor allem um Senioren, pflegende Angehörige sowie Menschen, die um den Verlust eines ihnen nahestehenden Menschen trauern – “Menschen, die niemanden haben, mit dem sie reden oder ihre Gedanken und Erfahrungen teilen können“.

Die Regierungschefin folgt mit diesem Schritt der Empfehlung eines Komitees, das im Gedenken an die im Jahr 2016 ermordete Labour-Abgeordnete Jo Cox gegen das gesellschaftliche Problem ankämpft. Die 41 Jahre alte Parlamentarierin war kurz vor dem EU-Referendum im nordenglischen Birstall von einem rechtsextremen Briten auf offener Straße getötet worden und hatte in jüngeren Jahren selbst Erfahrungen mit dem Gefühl der Einsamkeit gemacht.

Der Report des Roten Kreuzes enthüllte, dass rund 200 000 Senioren in Großbritannien für mehr als einen Monat kein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten mehr geführt haben. Doch das Problem sei „generationenübergreifend“, wie Tracey Crouch, die neue Leiterin des Ressorts, betonte. So fühlten sich etwa bis zu 85 Prozent aller jungen Menschen mit Behinderung ebenfalls einsam. Das Rote Kreuz beschrieb Isolation und Einsamkeit als „Epidemie im Verborgenen“, die Menschen aller Altersstufen und in unterschiedlichsten Lebensphasen treffen könne, wie beispielsweise bei Eintritt in die Rente, bei Trauerfällen oder nach Trennungen.

Wege aus der Einsamkeit

Quelle: unsplash

Ehrlich zu sich sein

Viele Menschen gestehen sich ihre Einsamkeit nicht ein. “Um jedoch aus diesem Zustand herauszukommen, ist es wichtig, ehrlich zu sich selbst zu sein“, sagt Manfred Beutel vom Universitätsklinikum Mainz. Die Einsamkeit zu erkennen und sich bewusst zu machen, dass sich etwas ändern muss, falle Frauen im Schnitt leichter als Männern.

Aktiv werden

“Auch, wenn es dazu Überwindung braucht, ist ein wichtiger Schritt aus der Einsamkeit, aktiv auf Menschen zuzugehen“, betont Manfred Beutel. Wenn man nur abwarte, bis jemand anderes den ersten Schritt mache, ändere sich womöglich nichts an der Situation. Deshalb verspricht Eigeninitiative Erfolg.

Internet nutzen

Der Kontakt mit anderen über das Internet kann nur ein zusätzliches Mittel zum Zweck sein und wird echte Kontakte aus Fleisch und Blut nicht ersetzen. Dennoch kann er das Gefühl der Einsamkeit reduzieren. “Besonders älteren Menschen kann es guttun, mit ihren Enkeln über moderne Medien wie E-Mail, Whatsapp und Co. zu kommunizieren“, sagt der Mediziner.

Gemeinschaft suchen

Es gibt viele Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen: In Vereinen, beim Lauftreff oder beim Yoga im Park trifft man auf Gleichgesinnte, denen man etwa beim gemeinsamen Sport regelmäßig wieder begegnet und die man beim Ausüben des Hobbys immer besser kennenlernt.

Ehrenamt ausüben

“In einem Ehrenamt bekommt man das Gefühl, dass man gebraucht wird, man tut etwas Sinnvolles und erfährt durch diese Tätigkeit auch viel Anerkennung“, sagt Manfred Beutel. Über diesen Weg ließen sich neue Kontakte knüpfen, die beim Einsatz für eine gemeinsame Sache zu einer besonderen Verbundenheit führen können.

Kontakte pflegen

Auch indem man sich Zeit nimmt, bestehende Kontakte bewusst und regelmäßig zu pflegen, kann dem Gefühl der Einsamkeit entgegengetreten werden. Menschen, mit denen man über einen langen Zeitraum befreundet ist, bleiben – sofern sie den Kontakt erwidern – damit auch jahrelang als Freunde erhalten.

Auch lose Kontakte helfen

Häufig wird die Wichtigkeit von oberflächlichen Kontakten unterschätzt. “Bekannte und vertraute Gesichter, die man regelmäßig sieht – wie etwa die der Nachbarn, die täglich einfach nur freundlich grüßen – haben eine Schutzwirkung für einsame Menschen“, sagt Manfred Beutel. “Auch diese Kommunikation hilft.“

Von Julius Heinrichs

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