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Panorama Die Frau, die sich nicht töten ließ
Nachrichten Panorama Die Frau, die sich nicht töten ließ
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07:00 20.11.2017
Kader K. wurde im November 2016 von ihrem Ex-Mann hinter dem Auto hergeschleift. Quelle: Katrin Kutter
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Hameln

Sie hat es geträumt. Einen Monat vorher. Sie hat geträumt, dass sie vor drei Häusern steht, alle haben Flachdächer, eines ist immer etwas höher als das andere, wie eine Treppe. Sie springt auf das erste Dach, auf das zweite, auf das dritte. Dann ist da etwas, das sie noch höher hebt, in den Himmel hinein, und um sie herum wird es hell und heller.

Sie hat Angst. Sie weint. Sie bittet Gott, sie wieder auf die Erde zurückzubringen. Und so geschieht es. Unten bedankt sie sich. Sie ruft, dass Gott groß ist. Allahu akbar.

Kader K. pikst mit der Gabel in ein Salatblatt und streift es wieder ab, pikst in ein Stück Tomate und streift es wieder ab, legt die Gabel beiseite. Hinter ihr schimmert ein auf die Restaurantwand gemaltes Mittelmeer. Nach den Regeln der islamischen Traumdeutung, erzählt Kader K., müsse man sterben, wenn man im Traum in den Himmel gehoben werde. „Aber wenn man zurückkehrt, dann stirbt man nicht“, sagt sie. „Man wird todkrank. Doch Gott heilt das wieder.“

Und so ist es passiert. Kader K. ist nicht gestorben. Obwohl das, was ihr Ex-Mann Nurettin B. ihr einen Monat nach dem Traum zugefügt hat, für drei Tode gereicht hätte.

Die Blutspur war 208 Meter lang

Vor einem Jahr, am 20. November 2016, hat Nurettin B. seine frühere Frau Kader K. bei der Übergabe des gemeinsamen Sohnes Cudi in der Hamelner Königstraße erst mit Fäusten niedergeschlagen und dann mit einem Messer attackiert. Er hat ihr zweimal tief in den Oberkörper gestochen, hat dabei ihre Lunge und ihr Herz verletzt. Dann hat er ihr mit der stumpfen Seite einer Axt mehrfach gegen Oberkörper und Kopf geschlagen, der Schädelknochen brach. Anschließend hat er ihr ein Seil um den Hals gebunden, das andere Ende um die Anhängerkupplung seines VW Passat geschlungen und die Frau durch die Königstraße und über das Kopfsteinpflaster der Prinzenstraße geschleift. An der Kreuzung zur Kaiserstraße löste sich das Seil endlich. Die Blutspur war 208 Meter lang.

Zwei Polizistinnen gehen am 21.11.2016 über eine Straße in Hameln. Hier hatte am Vorabend hatte Nurettin B. seine Ex-Frau Kader K. mit einem Seil an die Anhängerkupplung eines Autos gebunden und rund 250 Meter weit durch Hameln geschleift. Quelle: dpa

Kader K. war die ganze Zeit bei Bewusstsein. Mit einer Hand hatte sie intuitiv das Seil um ihren Hals gefasst und so verhindert, dass sich der Knoten völlig zuzog. Zweimal, im Rettungswagen und bei der Ankunft im Krankenhaus, kollabierte ihre Lunge, ihr Herz hörte auf zu schlagen. Die Ärzte holten sie jedes Mal zurück. Sie operierten sie, erst in Hameln, dann an der Medizinischen Hochschule Hannover, sie rechneten nicht damit, dass sie das Leben der jungen Frau würden retten können, aber sie versuchten es. „Und Gott hat nicht zugelassen, dass dieser Mann mich umbringt“, sagt Kader K.

Bei manchen Bewegungen knirschen die Knochen

Sie ist jetzt 29. Sie trägt eine beigefarbene Strickmütze, unter der linken Ohrenklappe blinkt ein Ohrring. Sie trägt die Mütze nicht, weil sie eine Muslima ist. Die Mütze schützt ihren Kopf, gibt ihr das Gefühl, behütet zu sein, und hält auch die Blicke der Leute von ihren Narben fern. Kader K. beugt sich vor und zugleich ein bisschen zur Seite, und es knackt leise in ihrem Rücken. Etwas in ihrer Wirbelsäule hat sich verzogen, als sie das Seil gehalten hat, und bei manchen Bewegungen knirschen die Knochen.

Sie berichtet, beinahe sachlich, von den Folgen der Attacken, von Verspannungen, in den Schultern, in den Armen, im Rücken. Sie hebt die Hände links und rechts an die Schläfen und erzählt von den Kopfschmerzen, überfallartig und pulsierend und so stark, als wollten sie ihr die Augen aus dem Kopf drücken, und wenn sie kommen, bleiben sie für 24 Stunden. Sie schildert das Zittern, das sie überfällt, wenn sie zwei Stunden auf den Beinen ist oder wenn sie sich lange konzen­trieren muss. Arbeit ist ausgeschlossen. Sie hat eine Erwerbsunfähigkeitsrente beantragt.

Sie habe manchmal ein Gefühl in sich, als würde etwas sie entzweibrechen, sagt Kader K., und sie hebt mit den Fäusten einen imaginären Stock hoch und tut so, als zerbräche sie ihn, und man meint, das Holz splittern zu hören.

Trennung nach einem Jahr

Es ist eine kurze Ehe gewesen. Anfang 2013 hatte Kader K., die aus Kurdistan stammt, Nurettin B., ebenfalls Kurde, kennengelernt. Er hatte zu dem Zeitpunkt gerade schon eine schiefgegangene Ehe hinter sich. Die beiden heirateten nicht standesamtlich, sondern nach islamischem Brauch. Gleich am ersten Tag verbot er ihr die Zigaretten. Sie dachte: Man darf einen Menschen nicht sofort verurteilen. Sie dachte: Vielleicht ändert er sich noch.

Er änderte sich nicht. Er verbot ihr den Kontakt zu Freunden. Er nahm ihr das Smartphone weg. Er verlangte Unterwerfung. Im Januar 2014 wurde Sohn Cudi geboren, und Kader K. dachte, dass sie jetzt aus dieser Ehe nicht mehr rauskommt. Aber sie nahm ihre Kraft zusammen und trennte sich von Nurettin B., noch 2014.

Zu den Spätfolgen der Attacke gehört, dass sie nicht schlafen kann. Dass sie müde ist, sehr müde, sie schläft ein, aber bald ist sie wieder wach. Und bleibt es. Und wenn sie doch wieder einschläft, weckt irgendwas in ihrem Innern sie unweigerlich erneut auf. Und immer so weiter. Manchmal sind es Albträume, die sie wecken, sie rennt, Nurettin B. rennt hinter ihr her, sie versteckt sich in einer dunklen Ecke, er lacht und ruft, er werde sie töten. Dann wird sie wach. Und die Nacht ist noch lange nicht vorbei.

Kader K. trinkt einen Schluck Cola. „Böse Träume sind vom Teufel“, sagt sie. „Man muss Schutz beim lieben Gott suchen und sie erzählen und dann vergessen, sonst kann es sein, dass sie wahr werden.“

Sie ist eine gläubige Frau. Sie betet, sie erzieht ihren Sohn Cudi nach islamischen Grundsätzen, er soll einmal ein guter Mann werden, ein Mann, der Frauen achtet. Es hat Kader K. nicht gefallen, dass in manchen Zeitungen gestanden hat, Nurettin B.s Tat habe etwas damit zu tun, dass er Ausländer ist oder Kurde oder Muslim. „Im Koran steht nicht, dass Männer ihre Frauen schlagen sollen.“

„Mama, mein Vater ist böse.“

Kader K. macht sich viel Sorgen um ihren Sohn. Cudi saß im Auto, als sein Vater seine Mutter beinahe getötet hat. Neulich hat er gesagt: „Mama, ich weiß, wer dir Aua gemacht hat.“ Einmal hat er gesagt: „Mama, mein Vater ist böse.“ Und dann: „Mama, ich habe keinen Vater.“ In dem Moment hat Kader K. sich grenzenlos allein gefühlt, als ob alle Menschen auf einen Schlag verschwunden wären und sie wäre die Einzige, die zurückgeblieben ist, mit ihrem kleinen Sohn, der bald vier wird und keinen Vater hat. Oder nur einen, der seine Mutter töten wollte und damit alles Väterliche, das er besaß, selbst zerstört hat.

Kader K. weiß, wie es ist, ohne Vater zu sein. Schon in der Türkei waren die Familienmitglieder aufgrund der politischen Unterdrückung der Kurden oft getrennt, mit zwölf Jahren kam sie dann nach Deutschland, mit Bruder und Schwägerin, ohne Eltern. Inzwischen ist die Familie in Hameln vereint – allerdings ist gerade zu allen Schicksalsschlägen ein möglicher neuer hinzugekommen, der Asylantrag des Vaters wurde abgelehnt, die Duldung der Mutter ist befristet, irgendwann droht die Abschiebung. Die Behörden sagen, sie suchten nach einer humanitären Lösung.

Ex-Mann beantragt Wiederaufnahmeverfahren

Nurettin B. ist am 31. Mai 2017 vom Schwurgericht in Hannover wegen versuchten Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt worden. Es wurde ihm zugutegehalten, dass er die Tat gestanden und dass er versprochen hat, seiner Ex-Frau 137.000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen und ihr den Passat zu überlassen.

Das mit dem Auto hat schon nicht geklappt, weil Nurettin B. inzwischen ein Wiederaufnahmeverfahren beantragt hat: Er ist mit dem Urteil nicht zufrieden.

Der Angeklagte Nurettin B. kommt am 31. Mai 2017 in ein Gerichtssaal im Landgericht in Hannover. Quelle: dpa

Möglicherweise kann er das gar nicht, zufrieden sein, nicht mit sich und nicht mit anderen. Sein eigener Vater konnte die Familie nicht versorgen, seine Mutter starb und hinterließ eine tiefe Lücke, Nurettin B. musste psychiatrisch behandelt werden und baute langsam einen Hass gegen alle auf, von denen er sich zurückgesetzt fühlte, vor allem, wenn es Frauen waren. Der Angeklagte könne nicht ausreichend wahrnehmen, was andere fühlen, sagte ein psychiatrischer Sachverständiger vor Gericht.

Kader K. schiebt den Teller ein Stück weg und erzählt, sie habe Nurettin B. verzeihen wollen. Im Gericht, vor allen Leuten, habe sie sagen wollen: Ich verzeihe dir. Aber er habe kein Gefühl gezeigt, keine Reue, nichts, und dann hat sie es gelassen.

„Ich bin am Leben, und er ist bestraft“

Sie berichtet, dass er immer geizig gewesen sei, Geld sei ihm unendlich wichtig gewesen. Das passt in das Schema, das der Psychiater gezeichnet hat: Wer nichts in sich hat, muss die Leere mit irgendwas auffüllen, und Geld ist das Einfachste.

Wie kommt es, dass die beiden überhaupt ein Paar geworden sind? Er habe geweint wie eine Frau, erzählt Kader K., wegen seiner kaputten Ehe. Und sie ist jemand, der Menschen ihren Kummer nehmen, der Schlimmes in Schönes verwandeln möchte. „Wenn nur die Guten sich kennenlernen, wer ändert dann die Bösen?“

Am Schluss isst sie doch ein paar Happen. Sie lächelt quer über den Tisch. Das ist das Frappierendste an ihr: dass diese Frau, die unendlich viel durchmachen musste und immer noch muss, überhaupt nicht aussieht, als ob sie leidet. Ihre Haut ist frisch, ihre Blicke sind warmherzig, ihre Ausstrahlung ist lebendig. Das Weiße in ihren Augen hat den blauen Schimmer, den man in den Augen von Neugeborenen sehen kann.

Wie macht sie das? Sie zuckt mit den Schultern. „Ich bin am Leben, und er ist bestraft“, sagt sie. „Ich schaue nach vorn und bin, wie ich bin, und versuche, mit kleinen Dingen glücklich zu sein. Und Allah ist bei mir.“

Von Bert Strebe/RND

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