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Panorama Dinner for one: Gemeinsame Mahlzeiten sterben aus
Nachrichten Panorama Dinner for one: Gemeinsame Mahlzeiten sterben aus
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09:05 13.10.2018
Das entspannte Zusammensein und der regelmäßige Gedankenaustausch beim gemeinsamen Essen sind mittlerweile mehr die Ausnahme als die Regel. Quelle: Ismail Hamzah/Unsplash
Washington

Jeden Morgen der gleiche Ärger. „Wer bringt ihn zur Schule?”, ruft meine Frau – noch unter der Dusche stehend. Eigentlich hat weder sie die Zeit dafür noch ich. Der Schulweg des Kindes bedeutet: 45 Minuten Autofahrt quer durch Washington – allein der Hinweg. Eine Dreiviertelstunde, die werktags einfach nicht drin ist. Irgendwann haben wir es aufgegeben, vor der langen Autofahrt gesittet am Frühstückstisch zu sitzen.

Heute gibt’s die Plastikbox am Autositz – damit nicht so viel gekrümelt wird. Das schlechte Gewissen versuchen wir mit dem Gedanken zu entlasten, dass wir uns ja auch beim Autofahren unterhalten können. Ein Grund zum Klagen? Nicht in Amerika. Im Gegenteil: Seit ich meine Nachbarn und die Familien der Klassenkameraden meines Sohnes näher kenne, weiß ich, dass es den meisten nicht besser geht.

Vielen ist es fast schon befremdlich, einmal am Tag beisammen zu sitzen und ohne Zeitdruck miteinander zu sprechen – ohne das Fernsehmurmeln im Hintergrund. Dass wir zumindest am Abend gemeinsam am Tisch sitzen, erscheint ihnen schon fast wie ein Relikt aus den Fünfzigerjahren.

Amerika hat ein dramatisches Ess- und Gesundheitsproblem

So banal es klingt, aber Amerikas Probleme beginnen am Esstisch. Seit Jahren hat die gemeinsame Mahlzeit in vielen Familien nur noch Seltenheitswert. Das entspannte Zusammensein und der regelmäßige Gedankenaustausch in ungezwungener Runde sind mittlerweile mehr die Ausnahme als die Regel. Morgens gibt’s das „breakfast to go“, mittags ist die Mehrzahl ohnehin außer Haus – und abends, wenn alle daheim sind, ist die Erschöpfung mit Händen zu greifen.

Das alles ist nichts Neues. Schon die heutige Elterngeneration wuchs in den Siebziger- und Achtzigerjahren mit dem TV-Dinner auf: Tiefkühlkost, kurz aufgewärmt, und vor der Glotze mehr verschlungen als verspeist. Und wer stört sich heute daran, dass selbst der „Second Screen“ längst Alltag ist? Während der Fernseher läuft, sind viele Kinder – und oft auch deren Eltern – mit ihren Smartphones beschäftigt.

Es lässt sich viel spekulieren, wie sich Fertigkost und die verloren gegangene Ess- und Gesprächskultur auf die nächste Generation auswirken werden. Allein schon ein Blick in meine Nachbarschaft zeigt mir aber: Amerika hat ein dramatisches Ess- und Gesundheitsproblem. Kinder, die sich nach der Schule mit XXL-Softgetränken eindecken, gehören zum alltäglichen Straßenbild. Noch erschreckender als die Zahl der Übergewichtigen ist die Menge an Menschen, die unter einem extremen Körpergewicht leiden.

Der Alltag ist aus dem Rhythmus geraten

Die Industrie hat sich auf die Schwergewichtigen längst eingestellt, bietet extrabreite Sitze in Flugzeugen und Bahnen an und hält in der Mode stetig wachsende Übergrößen wie selbstverständlich parat.

Michael Bloomberg, New Yorks früherer Bürgermeister, wollte das Drama mit rabiaten Maßnahmen aus der Welt schaffen und setzte sich dafür ein, XXL-Becher schlicht zu verbieten. So gut gemeint der politische Schnellschuss gegen die Kalorienbomben auch war, er scheiterte nicht nur vor Gericht. Vielmehr zeigte sich, dass es mit der Effekthascherei nicht getan war. Die monstergroßen Behälter zeigen eher an, wie tief der Kulturbruch reicht – und wie schwer die Umkehr ist.

Einen anderen Weg geht Michelle Obama. Die damalige First Lady wurde belächelt, als sie vor Jahren damit begann, den Rasen hinter dem Weißen Haus umzugraben und kleine Gemüsegärten anzulegen. Mit emotionalen Appellen wandte sie sich an ihre Landsleute: Wir müssen unsere Grundlagen ändern. Der Alltag ist aus dem Rhythmus geraten. Die Missstände lassen sich bei der Ernährung beobachten und setzen sich im Familienleben fort.

Michelle Obama erntet am 05.10.2011 im Garten des Weißen Hauses in Washington mit einer Schülerin Gemüse. Die Ehefrau des ehemaligen US-Präsidenten legt Wert auf gesunde Ernährung - in ihrer Familie wie im Volk. Auf den 140 Quadratmetern ihres Gartens vor dem Weißen Haus lebte sie vor, was sie predigt. Quelle: Michael Reynolds/dpa

Führung durch Vorbild – anders als der gegenwärtige Chef im Weißen Haus will die Mutter zweier Töchter den Amerikanern zeigen, wie sie ihr Leben im Kleinen organisieren können, um der nächsten Generation ein vernünftiges Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. Das gemeinsame Mittag- oder Abendessen besaß (und besitzt) bei den Obamas denn auch eine große Bedeutung. Sie kauften sich zum Ende ihrer Zeit in der Regierungszentrale eigens ein Haus in Washington, damit die jüngste Tochter an ihrer bisherigen Schule bleiben kann – und alle abends gemeinsam am Tisch sitzen (mit Ausnahme der ältesten Tochter Malia, die an der Harvard-Universität studiert).

In Harvard hört Malia vielleicht von einer aktuellen Studie ihrer Professoren, die in diesen Tagen Wellen schlägt: „The Family Dinner Project“. In einer 15-jährigen Forschungsarbeit wies ein fachbereichsübergreifendes Wissenschaftlerteam nach, was viele Eltern schon lange geahnt haben: In der Familie gemeinsam zu essen ist förderlich für die gesamte Entwicklung des Kindes. Die Kleinen seien gesünder, würden bessere Noten mit nach Hause bringen und mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen. Sogar die Zahl der Teenagerschwangerschaften sei bei denjenigen niedriger, für die die gemeinsame Mahlzeit eine Selbstverständlichkeit ist.

Gleichberechtigtes Plaudern und Zuhören vermittelt ein Gefühl der Geborgenheit

Zu den Mitgründern des „Family Dinner Project“ zählt Anne Fishel. Die Familientherapeutin hat ermittelt, dass das durchschnittliche Abendessen in Amerika lediglich 22 Minuten dauert. Da bleibt nicht viel Zeit für eine gemütliche Atmosphäre, in der sich jeder ungezwungen äußern kann. Dabei würde das gleichberechtigte Plaudern und Zuhören das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und den Kindern ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln. „Es wirkt wie ein Sicherheitsgurt in der turbulenten Fahrt durch die Kindheit und Jugendzeit.“

Als Mutter von zwei erwachsenen Söhnen weiß die Harvard-Professorin, wovon sie spricht: „Es klingt so einfach, ist im Alltag aber manchmal eine Herausforderung.“ Dennoch lohne es sich auf lange Sicht, an den Ritualen festzuhalten: „Ich bin fest überzeugt, dass die Familienabende auch das ethische Denken fördern“, sagt Fishel.

Der Charme des gemeinsamen Essens und Trinkens beschränkt sich selbstverständlich nicht auf das Familienleben. Wer im Sommer mal in italienischen Kleinstädten unterwegs war, weiß um den Reiz der langen Tafeln: Familie muss sich eben nicht auf Mutter, Vater, Kind beschränken, sondern lässt sich auch auf eine Hausgemeinschaft oder einen Straßenzug übertragen. Bis tief in die Nacht sitzen die Nachbarn im Süden oft beisammen, und wie selbstverständlich sind auch die Kleinen dabei.

Mehr als nur Nahrungszufuhr

Das wachsende Bedürfnis nach Gemeinschaft bahnt sich auch außerhalb Italiens wieder seinen Weg. Das lässt sich nicht zuletzt an den jüngsten Restauranttrends ablesen: Ebenso wie in Deutschland gewinnen auch in Amerika die „communal tables“ an Popularität. Gemeinsames Speisen ist eben mehr als nur eine Nahrungszufuhr.

Unweit des Washingtoner Kapitols, am beliebten Eastern Market, ist die lange Tafel im Kaffeehaus Le pain quotidien oftmals eng besetzt mit Gästen, die sich gar nicht näher kennen. Manchmal kommen die Gäste zufällig ins Gespräch, ein anderes Mal wird der überlange Tisch von Familien oder kleinen Bürogemeinschaften gebucht. Ein Trend, der aus Europa über den Atlantik schwappt – die Firmenzentrale von Le pain quotidien liegt in Belgien.

„Evolutionär-anthropologisch betrachtet besitzen gemeinsame Mahlzeiten eine lange Tradition als sozialer Klebstoff“, sagt Kevin Kniffin. Der Professor von der New Yorker Cornell-Universität beschäftigt sich seit Jahren mit Managementfragen. Nach diversen Experimenten mit unzähligen Probanden kommt Kniffin zu einem klaren Ergebnis: „Gruppen, die gemeinsam essen, sind erfolgreicher. Das gilt für Familien ebenso wie für Arbeitsgemeinschaften.“ Na dann, guten Appetit!

Von Stefan Koch

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