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Panorama Greenpeace lobt neue Schutzhülle für Tschernobyl
Nachrichten Panorama Greenpeace lobt neue Schutzhülle für Tschernobyl
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13:46 29.11.2016
Die Grundfläche des neuen Sarkophages entspricht der von sechs Fußballfeldern. In der Mitte ist das bogenförmige Stahlgerüst 110 Meter hoch. Quelle: dpa
Tschernobyl

Die neue riesige Schutzhülle für den Katastrophenreaktor von Tschernobyl hat ihre endgültige Position erreicht. Dies sei ein zentraler Moment in den internationalen Bemühungen an der Unglücksstelle der Atomkatastrophe von 1986, erklärten die beiden französischen Unternehmen BTP Vinci und Bouygues, die die Hülle konstruiert haben, bei einer Zeremonie vor Ort.

Die Installation des Schutzmantels hatte am 14. November begonnen, er war Schritt für Schritt über den alten Reaktor und dessen rissigen Beton-Sarkophag geschoben worden.

Hülle soll mindestens 100 Jahre halten

Die Metallkonstruktion des Schutzmantels ist 25.000 Tonnen schwer, 108 Meter hoch und 162 Meter lang. „Damit könnte man das Stade de France oder die Freiheitsstatue abdecken“, erklärte das französische Konsortium Novarka, das die Hülle geplant und realisiert hatte. Laut BTP Vinci und Bouygues ist die Schutzhülle „die größte je gebaute mobile Konstruktion auf Erden“. 

Nach Angaben der Konstrukteure soll die Hülle mindestens hundert Jahre halten und radioaktive Stoffe und den alten Sarkophag abschotten. Sie soll auch Erdbeben bis zu einer Stärke von sechs und Tornados standhalten können - beides ist in der Region äußerst selten. 

Blick auf den zerstörten Reaktor des Atomkraftwerkes Tschernobyl in der Ukraine im Mai 1986. Quelle: dpa

In der Hülle befinden sich Geräte, die einen Rückbau des alten Sarkophags sowie die Aufbereitung radioaktiver Abfälle ermöglichen sollen. Außerdem werden noch Messgeräte, ein Belüftungssystem und Brandschutzvorrichtungen eingebaut. Die technische Ausstattung der Schutzhülle wird erst Ende 2017 betriebsbereit sein. 

Mehr als zwei Milliarden Euro Baukosten

Für den Bau der neuen Hülle war ein eigener Fonds eingerichtet worden, der von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) verwaltet wird. Der Bank zufolge kostete der Bau der Schutzhülle 1,5 Milliarden Euro. Die Gesamtkosten für das Projekt belaufen sich demnach auf 2,1 Milliarden Euro.

Die Atomkatastrophe in Tschernobyl

  • 26. April 1986: Im Reaktor 4 des ukrainischen Atomkraftwerkes Tschernobyl kommt es zu einer Explosion, der Reaktorkern schmilzt. Wolken tragen Radioaktivität nach Westeuropa.
  • 28. April 1986: In Polen und Skandinavien wird hohe Radioaktivität gemessen, später auch in Teilen Deutschlands und anderen Ländern Europas. Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass gibt am Abend bekannt, dass sich in Tschernobyl ein Unglück ereignet habe.
  • 27. April 1986: Die Stadt Prypjat mit 50 000 Einwohnern unmittelbar am AKW-Gelände wird geräumt. Bis heute ist sie eine Geisterstadt.
  • 4. Mai 1986: Behörden beginnen mit der Räumung aller Orte in einer 30-Kilometer-Zone. Insgesamt fast 400 000 Menschen müssen ihre Heimat verlassen.
  • 6. Mai 1986: Das Moskauer Parteiorgan „Prawda“ nennt erste Details zum Unglück. In Deutschland verbieten mehrere Bundesländer den Verkauf von Freilandgemüse und sperren Sportplätze.
  • 14. Mai 1986: Kremlchef Michail Gorbatschow informiert mit einer Fernsehansprache zu Tschernobyl die Öffentlichkeit.
  • 1. Oktober 1986: In Tschernobyl geht Reaktorblock 1 wieder in Betrieb, Block 2 folgt im November, Block 3 im Dezember 1987.
  • 15. November 1986: Nach fünf Monaten Bauzeit ist der Betonsarkophag als Schutzmantel um den Unglücksreaktor fertig. Regen, Frost und Sturm setzen dem 65 Meter hohen Provisorium zu. Später bilden sich mehr als 100 Risse, tragende Wände drohen einzustürzen.
  • 15. Dezember 2000: Als letzter Reaktorblock geht Nummer 3 vom Netz. Für die Stilllegung von Tschernobyl bekommt die ukrainische Regierung 3,1 Milliarden DM (knapp 1,6 Milliarden Euro) von der EU.
  • 26. April 2012: Der Bau einer Stahlhülle über dem mehrfach sanierten Sarkophag beginnt. Die Kosten werden auf gut 2,1 Milliarden Euro geschätzt. Der 108 Meter hohe Mantel soll 100 Jahre lang schützen.
  • 15. November 2016: An der Ruine des Atomkraftwerks beginnen Arbeiter mit dem spektakulären Transport des riesigen neuen Schutzmantels. Auf Spezialschienen wird die mehr als 36 000 Tonnen schwere Konstruktion langsam zu dem etwa 330 Meter entfernten Reaktor geschoben.
  • 29. November 2016: Die Hülle wird in Anwesenheit des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko übergeben. Nun soll die Sanierung des explodierten Reaktors erfolgen. Viele Fragen sind aber noch offen.

Der nach dem Unglück zur Eindämmung der radioaktiven Strahlung errichtete Beton-Sarkophag über dem Reaktor vier hatte über die Jahre Risse bekommen. 2012 hatte die Ukraine mit internationaler Hilfe mit dem Bau eines neuen Schutzmantels um den beschädigten Reaktor begonnen. Die EBWE sprach von „einem der ehrgeizigsten Projekte in der Geschichte des Ingenieurswesens“.   

Greenpeace lobt und mahnt zur Eile

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace begrüßt die neue Hülle. „Aber damit ist der Wettlauf gegen die Zeit nicht gewonnen“, sagte Sprecher Tobias Münchmeyer. Der von der Sowjetunion nach dem Super-GAU von 1986 eilig errichtete Sarkophag drohe zu kollabieren.

„Die ukrainische Regierung muss ihn dringend demontieren. Bricht die alte Hülle zusammen, wird es ungleich komplizierter, teurer und gefährlicher, den Atommüll zu bergen“, sagte Münchmeyer. Geplant ist, den alten Sarkophag unter dem neuen Stahlmantel komplett zu entfernen.

Von afp/RND/dpa/zys

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